Kolumne "Nachspielzeit"

Dem FC Bayern droht die Vize-Herbstmeisterschaft

Was vom 15. Spieltag übrig bleibt: Trotz der direkten Rückkehr an die Spitze geht der FC Bayern nicht als Favorit in den Dreikampf um die Herbstmeisterschaft.

Einer der blödsinnigsten Begriffe der Sportjournalistensprache ist der des Vizemeisters.

Übersetzt hieße das, ein Funktionär von, zum Beispiel, Bayer Leverkusen hätte seinen Klub in all den Jahren, in denen der die Meisterschaft als Zweiter abgeschlossen hatte, als Stellvertreter von Bayern München oder Borussia Dortmund präsentiert. Ein Rudi Völler in Rage würde solch eine Vorstellung wohl als „Schwachsinn“, „Scheißdreck“ und „Käse“ abtun.

Wütend könnte Bayers Sportdirektor schon sein, wenn man ihn daran erinnert, dass am Saisonende fast immer der Herbstmeister den Titel gewinnt: wie im Vorjahr Borussia Dortmund, als Leverkusen wieder einmal Zweiter wurde. Seit 1963 hat das in zwei Drittel aller Fälle hingehauen.

Für Bayer Leverkusen allerdings sind aus zwei Herbstmeisterschaften (2001/02 und 2009/10) null Meistertitel entsprungen, weshalb der Werksklub deutschlandweit als Vizekusen verspottet wird (und sich niemand fragt, wer oder was eigentlich „Kusen“ ist).

Weil das Leverkusener Schicksal in der Fußball-Bundesliga jedoch einzigartig ist, gilt der Titel des Herbstmeisters, den es offiziell gar nicht gibt, den anderen Vereinen und deren Spielern als sehr gutes Omen.

Wichtig für Ribery

So parlierte der französische Superstar Franck Ribery nach dem 4:1-Sieg gegen Werder Bremen, der den FC Bayern zurück an die Tabellenspitze brachte, über die Bedeutung der Herbstmeisterschaft: „Das ist für mich sehr wichtig, aber viel wichtiger für diesen Klub, für alle Spieler, für den Kopf, für das Vertrauen.“

Noch kürzlich war der Rekordmeister auf einen Durchmarsch zum Titel programmiert, die Herbstmeisterschaft als Wegmarke dorthin spielte überhaupt keine Rolle

Doch die Niederlagen gegen Dortmund (0:1) und Mainz (2:3) sowie der verletzungsbedingte Ausfall Bastian Schweinsteigers, der nicht kompensiert werden konnte, haben das Selbstvertrauen der Bayern verringert und die Mannschaft in einen harten Dreikampf um die Herbstmeisterschaft verwickelt, in dem sie Borussia Dortmund und Borussia Mönchengladbach nur einen Punkt voraus ist.

Wie gut die beiden Widersacher aus Nordrhein-Westfalen in Form sind, zeigten sie am 15. Spieltag im direkten Aufeinandertreffen. Das Spitzenspiel, das 1:1 endete , wurde seinem Namen wirklich gerecht, „ein richtig, richtig gutes Fußballspiel“ nannte es Dortmunds Meistertrainer Jürgen Klopp, dessen Elf in der Liga zum neunten Mal in Folge unbesiegt blieb.

Es geht auch ohne Reus

Das Überraschungsteam aus Gladbach, das zum Saisonauftakt wie jüngst Dortmund 1:0 bei Bayern München gewonnen hatte, bewies gegen den Titelverteidiger, dass es auch ohne seinen herausragenden Dribbler und Torschützen Marco Reus , der verletzt ausfiel, richtig guten Fußball spielt.

Auf diesem Niveau können sowohl Dortmund (zu Hause gegen Kaiserslautern, auswärts in Freiburg) als auch Gladbach (auswärts in Augsburg, zu Hause gegen Mainz) aus den letzten Hinrundenspielen gegen Abstiegskandidaten mit je sechs Punkten rechnen.

Einen Tick schwieriger ist das Restprogramm im Herbstmeisterschaftskampf für den FC Bayern, der kommenden Sonntag in Stuttgart und am 17. Spieltag zu Hause gegen den 1. FC Köln spielen muss.

Keine Lieblingsgegner

Beide Klubs sind nicht gerade Lieblingsgegner der Münchner: Von den letzten sechs Bundesligaspielen in Stuttgart gewannen die Bayern nur eins. Der letzte Bundesligaheimsieg gegen den 1. FC Köln datiert vom 23. März 2002 (!), es folgten vier Unentschieden und eine Niederlage, und der bestens aufgelegte Lukas Podolski freut sich schon auf seine Ex-Kollegen.

Sollten die Münchner bis Weihnachten ihre Tabellenführung verlieren, wäre es für sie wohl nur ein schwacher Trost, dass die Bezeichnung Vizeherbstmeister bislang nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen ist.