DFB-Auswahl

Auf einen EM-Sommer 2012 voller Freude

Der Bestseller-Autor Frank Goosen schreibt auf Morgenpost Online über seine jähe Liebe zur Nationalmannschaft, verprellte Fußball-Romantiker und die EM 2012.

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Noch vor fünf Jahren hielt der Verfasser dieser Zeilen in einem Tagebuch zur WM „im eigenen Lande“ fest, in seinem Haushalt sei auf zwei Dinge stets verzichtet worden: nationale Symbole und Zimmerpflanzen.

Grünzeug kommt ihm immer noch nicht ins Haus, doch mit einer früher nicht für möglich gehaltenen Konsequenz trägt er nun zu Länderspielübertragungen den Adler auf der Brust und hängt zu großen Turnieren in seinem mit Beamer ausgestatteten Fußballkeller für drei bis vier Wochen eine schwarz-rot-goldene Fahne anstelle der blau-weißen auf. Wie konnte es so weit kommen?

Erstmals kollidierte ich mit der Nationalmannschaft 1974, im Alter von acht Jahren. „Deutschland“ wurde Weltmeister, obwohl „Deutschland“ gegen die DDR verloren hatte. Aber „Deutschland“ hatte gefälligst immer zu gewinnen, meinte jedenfalls mein Oppa, und dem widersprach man besser nicht. Diese prinzipielle Unterstützung der Schwarzweißen wurde von mir Jahre lang nicht in Frage gestellt. Und auch von niemandem, den ich kannte.

"Geistig-moralische Wende“

Dann kamen die Pubertät, die Mädchen und das Nachdenken. Es kamen Helmut Kohl und die „geistig-moralische Wende“ (was immer das sein mochte) und Alfred Dregger und Franz-Josef Strauß und das Nationale fing an, bäh auszusehen.

Zum Sendeschluss (Sie erinnern sich: Früher gab es nachts kein Fernsehen!) ertönte die Nationalhymne, und die dazugehörige Flagge wehte im Wind. Das alles wirkte so eng und so kleingeistig, und die Republikaner und Franz Schönhuber versuchten, den Rahm abzuschöpfen. Aber die Nationalmannschaft hatte damit doch nichts zu tun, oder? Da konnte man sie vor dem Fernseher 1986 wieder bis ins Finale in Mexiko schreien.

Der Fußball war eher athletisch als ästhetisch. Die Brasilianer um Zico, Socrates und Falcao starben in Schönheit, die Deutschen Schumacher, Briegel, Förster scheiterten nur knapp.

Und dann fiel die Mauer. Das Nationale wurde jetzt aber mal so richtig national. Einheit, Volk, Vaterland – für viele von uns waren das lange Vokabeln aus dem Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache gewesen, jetzt waren sie Mainstream.

Deutschland wurde Weltmeister. Verdient irgendwie, aber Sinnbild dieser Mannschaft war der sich im Spiel gegen Jugoslawien über den ganzen Platz durchtankende Lothar Matthäus. Das war nicht schön, aber effektiv. Die Autokorsi verstopften die Städte in einer Karikatur südländischen Überschwangs. Einheit und Weltmeistertitel. Alles war ein bisschen zu viel, ein bisschen zu dicke. Mit Mitte zwanzig war ich Fußballromantiker geworden und neidete den anderen ihr schönes Spiel, auch wenn dies nicht zum Erfolg führte.

Von da an ging’s bergab. Franz Beckenbauer bezeichnete die Mannschaft als auf Jahre unbesiegbar. Da kam dann schon mal Brechreiz hoch. Zweiundneunzig wurden sie von einer Mannschaft besiegt, die für was ganz anderes stand, den Dänen nämlich, die nur teilnehmen durften, weil Jugoslawien wegen des Balkan-Konflikts nicht antreten durfte. Der Legende nach waren es kettenrauchende, saufende und feiernde Wikinger, die vom Strand weg Europameister wurden.

Das gelang den Deutschen 1996 auch noch mal, mit einer Mannschaft von ehrlichen Fußballarbeitern wie Dieter Eilts, und durch die dämlichste Regeländerung der Geschichte: das dem Fußball eigentlich wesensferne Golden Goal.

Dieser Sieg führte alle auf die falsche Spur. 1998 später spielte Frankreich eine Art von Fußball, die sich in den letzten Jahren unbemerkt von den arroganten Deutschen entwickelt hatte. Viererkette, Raumdeckung, Verschieben, in einer multi-ethnischen Mannschaft, angeführt vom göttlichen Künstler Zizou. Fußball und Romantik ging zusammen!

Bei der Europameisterschaft 2000 spielte Deutschland etwas, das mit dem, was andere mittlerweile unter Fußball verstanden, nichts mehr zu tun hatte. Lothar, der Fußballgreis, spielte einen Libero wie vor 20 Jahren. Die Spieler der meisten anderen Mannschaften kannten das Wort schon gar nicht mehr. Gegen den Rest der Welt wirkten die Deutschen unbeweglich wie die Statuen auf den Osterinseln.

Aber irgendwo müssen dann doch Leute gesessen haben, die das begriffen haben. Es änderte sich was. 2002 stimmten zumindest die Ergebnisse. Dreimal Einsnull gegen Paraguay, die USA und Südkorea, dazu ein überragender Oliver Kahn – und man war im Finale. Wem das ganze Nationale am Hintern vorbei ging, der war ja schon fast erleichtert, dass diese Masche gegen Brasilien nicht zog.

Klinsmann folgte auf Völler

Noch sah es so aus, als habe man dauerhaft den Anschluss verloren. Es hieß, gegen „große Nationen“ könne man nicht mehr gewinnen. Der Völler-Rudi regte sich richtig auf, aber das half auch nichts: Nullnull gegen die Färöer! Es durfte gelacht werden.

Und dann kam der Jürgen. Der Klinsi. Der schwäbisch-kalifornische, medial beglaubigte „Sunnyboy“. Und plötzlich ging ein Fenster auf und frische Luft kam herein. Na gut, noch ein paar Wochen vor der WM wurde man von den Italienern derart vermöbelt, dass einige noch über einen Trainerwechsel delirierten. Es mag der Jogi gewesen sein, der das alles taktisch vorbereitet hat, aber es bedurfte eines Egos wie das von Klinsmann, um das Neue wirklich auf den Weg zu bringen.

Bei der WM 2006 kam erst mal das Spiel gegen Costa Rica. 4:2. Nicht schlecht, aber hinten vielleicht etwas offen. Und dann der Abend von Dortmund: das Polen-Spiel, der Sieg in letzter Minute. Plötzlich lockerten alle durch.

Spanien noch zu groß

Poldi und Schweini. Spitz- und Lausbuben, Leichtigkeit und Frechheit! Sommer und Sonne, der Strand lag nicht mehr unter dem Pflaster. Gegen die Azzuri war zwar wieder Schluss, weil die im Kerngeschäft, Fußball, dann doch noch ein bisschen weiter waren, aber da hatte etwas angefangen, und wir können sagen, wir sind dabei gewesen.

Die EM 2008 brachte einen noch einen Schritt weiter, doch das Spiel in der Vorrunde gegen Österreich war mal wieder kein Sieg des Guten, Schönen, Wahren, sondern ein erneuter Triumph des Willens. Des Capitanos Gewaltschuss in den Winkel. Das vor Anstrengung und Entschlossenheit verzerrte Gesicht Michael Ballacks wurde Sportfoto des Jahres. Es war das letzte Aufbäumen des alten Deutschlands.

Die WM 2010 schenkte uns dann Spiele wie die gegen England und Argentinien. Sie näherten sich der Vollendung. „Große Nationen“ zu schlagen ist jetzt kein Thema mehr, man gehört wieder dazu. Spanien, das eine Rolle spielt wie Frankreich ’98 und 2000, war noch eine Nummer zu groß, aber das ist jetzt auch schon wieder anderthalb Jahre her.

EM-Titel als logische Folge

Der Mesut aus Gelsenkirchen ging nach Madrid und wurde immer besser, in Dortmund schoss ein Mario aus dem Boden. Der Schweini ist jetzt der Herr Schweinsteiger. Exzellent ausgebildete Fußballer, die Ästhetik ins deutsche Spiel bringen wie seit Netzers Zeiten nicht mehr.

„Spaß“ und „Nationalmannschaft“ gehören plötzlich zusammen. Das dritte Tor beim Dreinull gegen die Niederlande – zum Niederknien. Und wenn sie nächstes Jahr trotz der starken Gruppengegner Europameister werden , ist das die logische Folge einer eindrucksvollen, stringenten Entwicklung. Und egal, was man ansonsten von „Deutschland“ hält, man wird sich daran erfreuen können.

Nur Zimmerpflanzen kommen mir noch immer nicht ins Haus.

Frank Goosen, 45, ist Romanautor, Kabarettist und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des VfL Bochum.