Fussball-EM

Löw – "Es ist die härteste und interessanteste Gruppe"

Deutschland ist bei der EM 2012 in eine starke Gruppe gelost worden. Bundestrainer Joachim Löw nimmt die Herausforderungen jedoch sehr gelassen hin.

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Frage: Joachim Löw, wie schätzen Sie die Gruppe ein, die die Auslosung der Europameisterschaft 2012 der deutschen Nationalmannschaft eingebracht hat?

Joachim Löw: Es ist wahrscheinlich die härteste und interessanteste Gruppe. Holland und Portugal sind Nationen mit Weltklasse-Spielern. Dänemark ist immer eine unbequeme Turniermannschaft. Die Gruppe ist sehr ausgeglichen und dadurch wahrscheinlich auch enorm spannend.

Frage: Sie wirken aber kein bisschen aufgeregt oder besorgt.

Löw: Warum denn auch? Ich hatte weder Wunsch- noch Angstgegner, als ich nach Kiew kam. Man muss es wirklich so nehmen, wie es kommt. Nun freue ich mich auf diese Gruppe. Ich glaube, dass das eine spielstarke Gruppe ist mit Mannschaften, die offensiven Fußball spielen.

Frage: Wie schätzen Sie die Gegner ein? Was sagen Sie zu den Niederländern?

Löw: Jeder weiß doch, dass Holland im November beim 0:3 gegen uns nicht die wahre Leistungsstärke abrufen konnte und van Persie, Robben und van der Vaart gefehlt haben. Die Niederlande sind ein Weltklasseteam, das bei der WM 2010 im Finale war und bei der EM 2008 nach den ersten drei Spielen der Topfavorit war. Sie werden bei der EM gegen uns mit einem ganz anderen Selbstbewusstsein spielen als beim Test in Hamburg.

Frage: Wie lautet Ihre Einschätzung zu Portugal und Dänemark?

Löw: Wie Holland zählt Portugal weltweit zu den spielstärksten Mannschaften überhaupt. Sie haben fünf, sechs Weltklassespieler, die für die besten Vereine in Europa wie Real Madrid oder Manchester United spielen. Da sind Ronaldo, Pepe, Nani und und und. Die Mannschaft kommt bei Turnieren immer relativ weit. Die Dänen sind sehr tough. Sie sind körperlich robust und vom Charakter her haben sie nie Angst vor einem Gegner, womit sie schwer zu schlagen sind. Auch sie spielen immer nach vorne. Das ist eine Turniermannschaft mit einem guten Kollektiv. Ihr wird vielleicht eine Außenseiterrolle zugeschrieben, aber sie darf auf keinen Fall unterschätzt werden.

Frage: Sie werden alle drei Gruppenspiele in den ukrainischen EM-Spielorten Lwiw und Charkow austragen. Haben Sie das EM-Quartier im davon weit entfernten Danzig nicht doch zu früh gebucht?

Löw: Nein, das war alles so geplant. Das haben wir auch bei der EM 2008 auch so gemacht, als wir in der Schweiz gewohnt haben und drei Gruppenspiele in Österreich austragen mussten. Das sind doch keine Reisestrecken mit einer oder eineinhalb Stunden Flug. Nach Lemberg ist eine Flugzeit von nicht einmal zwei Stunden, weniger geht ja kaum. Auch wenn wir in Polen spielen würden, müssten wir zu den Spielorten reisen. Das ist alles gar kein Problem. Es war vorher klar, dass wir die Spiele nicht da machen würden, wo wir wohnen, sondern dass Spanien oder Holland nach Danzig gelost würde.

Frage: Würden Sie sagen: Ja, das ist eine Hammergruppe, ein Horrorlos, das wir diesmal bekommen haben?

Löw: Die EM ist insgesamt ein Hammerturnier, die Qualität der Mannschaften ist sehr ausgeglichen. Bei einer WM gibt es drei, vier Nationen, von denen man weiß, dass sie keine Rolle spielen. Das ist bei einer EM überhaupt nicht der Fall. Wir haben die schwerste Gruppe bekommen, aber auch die Gruppe C mit Spanien hat es in sich. Vielleicht ist die Gruppe A etwas leichter, aber wirklich überzeugt bin ich davon nicht. Und in der Gruppe D werden sie sich auch das Leben gegenseitig sehr schwer machen. Nur wer eine gute Verfassung hat, kann bei der EM durchkommen.

Frage: Ihre Mannschaft war zuletzt in einer sehr guten Verfassung. Nehmen Sie die Favoritenrolle, die Ihnen der dänische Nationaltrainer Morten Olsen gleich zugesprochen hat, an?

Löw: Es gibt mehrere Favoriten bei der EM, wir sind nur einer. In unserer Gruppe gibt es keinen klar ausgemachten Favorit. Und was ein halbes Jahr vorher der EM passiert ist, interessiert beim Turnier überhaupt nicht. Dann ist entscheidend, wie die Verfassung, die Form der Mannschaften ist, ob sie Verletzte haben, ob die Vorbereitung gut gelaufen ist.

Frage: Stichwort Vorbereitung. Haben Sie schon Pläne, wie Sie auf die Auslosung reagieren, um ihr Team vorzubereiten?

Löw: Es ist Pflicht, fünf Tage vorher in die EM-Länder zu kommen. Früher werden wir nicht da sein. Es wird also wohl der 4. Juni sein, da wir am 9. Juni unser erstes Spiel gegen Portugal bestreiten. Wir haben schon mehrere Varianten durchgespielt, wer jetzt als Testgegner passen würde. Die Festlegung sollte relativ schnell passieren. Die Liste der möglichen Gegner ist recht lang, weil wir viele Anfragen vorliegen haben. Testgegner zu finden, mit denen wir uns auf die Holländer, Portugiesen und Dänen einstellen können, wird nicht einfach sein.

Frage: Wenn Sie die Auslosung Revue passieren lassen, die Gruppe Ihrer Mannschaft betrachten, wie ist dann Ihre Verfassung?

Löw: Ich freue mich, weil wir auf Mannschaften treffen, die alle Fußball spielen können. Ich freue mich aber auch, unabhängig gegen wen wir spielen. Ich bin froh, dass diese EM bald anfängt. Mit dieser Gruppe steht fest, dass alle vom ersten Tag wahnsinnig fokussiert sein werden auf das Turnier. Bei einer WM ist man gegen Costa Rica und Ecuador der klare Favorit. Das wir das nicht sind, wird in der Vorbereitung jedem Spieler klar sein.

Frage: Bleibt es Ihr Ziel, am 1. Juli 2012 in Kiew den Titel zu gewinnen?

Löw: Natürlich wollen wir Europameister werden. Meine Mannschaft ist vielleicht weiter als bei der letzten EM. Aber einige andere Mannschaften haben auch Fortschritte gemacht. Es gibt mehrere Favoriten. Die Frage wird sein, welche Mannschaft bei der EM die beste Form auf den Platz bringt. Es ist nicht entscheidend, dass wir im November gegen Holland sehr gut gespielt haben.