Beinamputation

Der schwerste Wurf in Ilke Wyluddas Leben

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Florian Kinast

Foto: Andreas Löffler

Ilke Wyludda gehörte zu den besten Diskuswerferinnen der 90er-Jahre. Die Olympiasiegerin startet nach einer Beinamputation eine zweite Karriere als Ärztin und Expertin für Schmerztherapie.

Es gibt Tage, sagt Ilke Wyludda, da sei es kaum auszuhalten. Wenn die Phantomschmerzen wieder da sind wie bei so vielen Menschen nach einer Amputation. Wenn die Nerven einen stechenden Schmerz senden, manchmal einen brennenden aus dem rechten Unterschenkel, so als ob er noch da sei. Dabei ist er es gar nicht mehr. „Auch wenn ich weiß, dass es nichts bringt“, sagt Ilke Wyludda, „aber an solchen Tagen möchte ich am liebsten meine Prothese nehmen und ganz weit von mir werfen.“ Mindestens 70 Meter. So weit wie früher den Diskus.

Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass sie bei der Olympiasiegerin von 1996 das Bein unterhalb des Knies abgenommen haben, diesen Donnerstag macht sie einen großen Schritt zurück ins Leben. Die 42-Jährige feiert ihr Comeback in der Arbeit. Im Krankenhaus von Halle an der Saale. Als Ärztin. Als Anästhesistin. Schmerztherapie. Und wer kann schon mehr von Schmerzen erzählen als sie selbst.

Ilke Wyludda, das war eine dieser herben, unerschütterlichen Muskelfrauen der Leichtathletik, die wirkten, als können sie gar keinen Schmerz kennen. Früher, als sie noch auf beiden Beinen durch den Wurfring rotierte. Mit 20 schleuderte sie den Diskus in Neubrandenburg auf 74,56 Meter, das war im Sommer 1989. Kurz danach fiel zunächst die Mauer und dann das ganze staatliche DDR-Sportsystem in sich zusammen, und Wyludda kam kaum noch über die 70 Meter, das machte natürlich skeptisch, gerade in einem Kraftsport wie dem Diskuswurf, wo viele erwischt wurden.

Eine positive Dopingprobe gab es bei Ilke Wyludda nie. Von 1990 bis 1995 holte sie je zweimal EM-Gold und WM-Silber. In Atlanta 1996 kam sie noch einmal auf 69,66 Meter, das reichte zum Olympiasieg, danach lief sie eine Ehrenrunde und scherzte, wie weh ihr diese ewig langen 400 Meter taten. Der Leidensweg, der danach kam, war länger als 400 Meter, und er tat noch mehr weh.

63 Medikamente gleichzeitig

In den vier Jahren bis Sydney 2000 hatte sie mehr als 15 Operationen. Noch 1996 kam die Arthrose im rechten Knie auf, Gelenkverschleiß nach den großen Belastungen. Sie riss sich Kreuzbänder, die Patellasehne, die Achillessehne, und die gleich zweimal. 1997 saß sie vier Monate im Rollstuhl, die Operationswunden heilten nicht so zu, wie sie sollten. Es gab eine Hauttransplantation, Ilke Wyludda bekam viel Medizin. Als sie bei der EM in Budapest 1998 zum Dopingtest gebeten wurde, legte sie einen Zettel vor, auf der sie die Einnahme von 63 Medikamenten angezeigt hatte. Ilke Wyludda, eine wandelnde Apotheke.

Noch ein großer Wurf blieb aus, eine Medaille kam nicht mehr, dafür 2002 das Karriereende, doch an den kaputten Beinen gab es weitere Operationen und auch weitere Komplikationen bis zu jener fatalen Blutvergiftung vor genau einem Jahr, gerade als sie mit dem Medizinstudium fertig war. Eine Narbe verheilte nicht, Bakterien drangen ein, befielen den Knochen, breiteten sich weiter aus. Der Unterschenkel musste weg. Er kam weg. Das Leiden aber blieb.

Die langsame Rückkehr in den Alltag

„Es gab Probleme mit der Wundheilung“, sagt Ilke Wyludda, „aber Probleme hatte ich ja schon immer.“ Noch im April mussten sie am Beinstumpf erneut herum schneiden, Anfang Juni, nach 28 Wochen, durfte sie heim zu den Eltern.

Es begann die Physiotherapie, die Rückkehr in den Alltag, ganz sachte. Die Wohnung im Mietshaus in Halle wurde umgebaut. „Behindertengerecht“, sagt sie. Sie sagt es ganz selbstverständlich, weil sie längst akzeptiert hat, dass sie jetzt behindert ist.

„Das Verzweifeltsein gehört zum Leben“

Jetzt im November war sie erstmals wieder im Urlaub. Im Süden in der Sonne, Fuerteventura, noch einmal durchschnaufen, bevor es nun los geht mit ihrem neuen Beruf, im „Bergmannstrost“, genau jener Klinik, in der sie so lange gelegen hat. Und wer wäre als Anästhesistin besser geeignet als sie.

„Mit meinen Erfahrungen“, sagt sie, „kann ich mit den Patienten ganz anders umgehen als jemand, der mit Krankheiten nie zu tun hatte.“ Man nimmt es ihr ab, man braucht sie nur anzusehen, von Kopf bis Fuß, von Knie bis Fuß, dann weiß man, was sie durchgemacht hat. Als Seelsorger sieht sie sich, als Psychologe, auch wenn es oft zäh ist, gerade mit den Phantomschmerzen, sich dann Verzweiflung in der Seele ausbreitet wie einst die Sepsis im Bein. Aber dann jammert sie nicht, weil sie das auch noch nie getan hat, sondern sagt: „Das Verzweifeltsein, das gehört zum Leben dazu.“

Zum ersten Mal ist sie zu den Feiertagen wieder daheim, dann brennt zuhause das Licht am Christbaum und nicht eine Kerze am Krankenbett. Weihnachten zuhause, für Ilke Wyludda ist auch das wieder ein großer Schritt.