Kolumne "Nachspielzeit"

Bayerns Niederlagen sind kein Zufall mehr

Was vom 14. Spieltag übrig bleibt: Selbst eine abstiegsgefährdete Elf wie Mainz 05 kann den FC Bayern besiegen – ohne tief in die Trickkiste greifen zu müssen.

Am Ende hätte der FC Bayern in Mainz seine Tabellenführung mit der Brechstange fast noch gerettet. Die Brechstange der Münchner heißt Daniel van Buyten, der Belgier ist Sohn eines Catchers. Gelernt hat der 32-jährige Hüne den Job des Innenverteidigers. Doch wenn gar nichts mehr geht beim deutschen Rekordmeister, dann marschiert van Buyten in den Strafraum des Gegners ein und fuhrwerkt dort als Mittelstürmer herum.

In Mainz, vor dem Anpfiff Drittletzter der Bundesligatabelle, ging nicht viel für den haushohen Meisterschaftsfavoriten. 2:3 lagen die Münchner zurück , beide Treffer (56. und 79. Minute) hatte van Buyten nach Freistoßflanken von Toni Kroos erzielt. Es lief die Nachspielzeit.

Immer wieder versuchten es die ideenlosen Bayern mit hohen Bällen in den Strafraum. Und plötzlich wie aus heiterem Himmel hatte van Buyten tatsächlich den Ausgleichstreffer auf dem Fuß, doch der Ball ging knapp am Mainzer Tor vorbei. Der Schlusspfiff besiegelte die dritte Niederlage der Münchner in den vergangenen fünf Ligaspielen und den Verlust der Tabellenführung. Vom Durchmarsch zur Meisterschaft ist keine Rede mehr.

„Schlau und clever“ lobte der Mainzer Trainer Thomas Tuchel anschließend seine Mannschaft und meinte damit sicherlich auch sich selbst. Denn der Erfolg gegen die Bayern war kein Zufall.

Tuchel hatte die Spielweise von Borussia Dortmund, eine Woche zuvor 1:0-Sieger in München, genau studiert und gut zugehört, wie Meistertrainer Jürgen Klopp den Erfolg des BVB erklärt hatte: „Meine Mannschaft hat gegen den Ball ein unfassbar gutes Spiel gemacht. Wir haben die Bayern zu mehr Fehlpässen gezwungen, als sie in den beiden letzten Jahren insgesamt gespielt haben.“

Also ließ auch Tuchel - wohldosiert - überfallartiges Pressing spielen, das die Bayern sogar zu Fehlpässen in der eigenen Spielhälfte zwang. Klopp hätte es anerkennend „Vollgasveranstaltung“ genannt.

Ohne Schweinsteiger läuft nichts

Der an Bronchitis erkrankte Jupp Heynckes verfolgte auf der Trainerbank der Gäste mit Leidensmiene, wie seiner mit angezogener Handbremse agierenden Elf ohne den langzeitverletzten Bastian Schweinsteiger erneut der Takt- und Ideengeber im Mittelfeld fehlte. Luiz Gustavo und David Alaba, die auf der Sechserposition spielten, konnten den Vizekapitän nicht annähernd ersetzen und enttäuschten zudem in der Rolle als Zweikämpfer und Balleroberer.

Ohne Schweinsteigers überraschenden Spielbeschleunigungen und – verlagerungen kamen die Ausnahmekönner Franck Ribery und Thomas Müller in Mainz nicht über Statistenrollen hinaus. Und Arjen Robben musste nach dem erfolglosen Comeback gegen Dortmund die komplette Spielzeit die Bank drücken. Heynckes fehlte der Mut zum Risiko.

Feine Offensivkombinationen zeigten nur die abstiegsgefährdeten Mainzer. Nach einem Traumpass von Nicolai Müller etwa, der zuvor Gustavo hatte sehr schlecht aussehen lassen, umkurvte der Österreicher Andreas Ivanschitz Bayerns Torwart Manuel Neuer wie ein Slalomläufer und schloss zum 1:0 ab. Mit dem knappen Rückstand waren die Münchner bis zur Halbzeit gut bedient.

Selbst als bei den Mainzern in den zweiten 45 Minuten die Kräfte schwanden, konnte die Heynckes-Elf, die in Europa souverän durch die Champions League spaziert, ihre vermeintliche Überlegenheit nicht ausspielen, sondern lud mit pomadigem Defensivverhalten zum Torschießen ein. Marco Caligiuri (65.) überwand Neuer aus fast 30 Metern, und Niko Bungert (74.) kam nach einem Eckstoß freistehend zum Kopfball.

Der „negative Trend in der Bundesliga“ bereitet Bayerns Sportdirektor Christian Nerlinger durchaus Sorgen. Er vermisst Aggressivität und defensive Kompaktheit bei den Spielern, die sein Vorgesetzter Uli Hoeneß vor wenigen Wochen noch in höchsten Tönen für ihre Fußball-„Kunst“ lobte. Das war nach dem 4:0-Heimsieg gegen den 1. FC Nürnberg, obwohl die Münchner eine Woche zuvor beim 1:2 in Hannover schon offenbart hatten, wie sie zu besiegen sind: Man kann die Künstler taktisch clever niederkämpfen.

Erfolgsgeheimnis

In Lucien Favre (Mönchengladbach), der am 1. Spieltag noch mit scheinbar mehr Glück als Verstand den Anfang machte, Mirko Slomka (Hannover 96), Jürgen Klopp (Borussia Dortmund) und Thomas Tuchel (Mainz 05) haben mittlerweile schon vier der angesehensten Bundesliga-Trainer das Erfolgsrezept gegen die Bayern in ihren Händen. Und es ist kein Erfolgsgeheimnis.

Wenn es nächste Woche im Verfolgerduell gegen Thomas Schaaf und Werder Bremen geht, sollte Jupp Heynckes wieder gesund sein - und dringend ein Gegenmittel parat haben.

Ansonsten wird die Weihnachtszeit in München sehr ungemütlich.