Lukas Podolski

"Ich kann mich in jedem Team Europas behaupten"

Lukas Podolski spricht mit Morgenpost Online über Wolfgang Overaths Rücktritt als Präsident des 1. FC Köln, seine persönliche Zukunft und Druck im Fußball.

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Es war ein ernüchternder Abend für Lukas Podolski. 0:3 ging das Rheinderby gegen Borussia Mönchengladbach verloren. „Wir müssen uns immer nach unten orientieren, jede Saison. Ich kenne das ja, das Ziel ist der Klassenerhalt“, sagte Podolski. „Daran hat sich nichts geändert. Klar sind meine Ziele andere.“ Sein Vertrag in Köln läuft bis 2013. Der FC will in der Winterpause mit seinem Publikumsliebling über eine Vertragsverlängerung reden. Doch Podolski scheint zu zögern.

Morgenpost Online: Der 1. FC Köln hatte Sie 2009 mit großen sportlichen Zielen zu einer Rückkehr bewogen.

Lukas Podolski: Ja, mir wurde gesagt, dass es der Plan sei, zurück nach Europa zu kommen – also den Sprung ins internationale Geschäft zu schaffen. Wir haben es nicht geschafft, und da frage ich mich natürlich schon, woran das liegt. Das ist doch normal. Mir ist wichtig, dass der 1. FC Köln auf Dauer einen Plan und eine Perspektive hat. Darum geht es und nicht darum, Spieler mit großen Namen zu holen. Und auch nicht darum, ob ich mich wohl fühle.

Morgenpost Online: Zuletzt hat Ihr Verein mit dem Rücktritt von Präsident Wolfgang Overath bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Man hat den Eindruck, dass der FC nie zur Ruhe kommt.

Podolski: Das ist seit Jahren das große Problem hier. Und das wollen wir alle endlich in den Griff bekommen. Ich merke das immer, wenn ich bei der Nationalmannschaft bin. Da schütteln einige nur mit dem Kopf, wenn es wieder mal eine Nachricht aus Köln gibt, die nichts mit Sport zu tun hat.

Morgenpost Online: Wie kann man das Problem in den Griff bekommen?

Podolski: Dafür bin ich der falsche Ansprechpartner. Aber ich würde mir wünschen, dass unser Verein vor allem durch positive sportliche Leistungen auffällt.

Morgenpost Online: Der Rücktritt von Wolfgang Overath hat alle überrascht.

Podolski: Mich auch. Aber es geht weiter. Wir müssen nach vorn schauen. Ich denke, Wolfgang Overath und seine Vorstandskollegen haben in den vergangenen sieben Jahren gute Arbeit geleistet. Auch wenn Overaths Vision nicht ganz aufgegangen ist.

Morgenpost Online: Er hatte 2009 maßgeblichen Anteil an Ihrer Rückkehr aus München. Beeinflusst sein Rücktritt die Überlegungen hinsichtlich Ihrer Zukunft?

Podolski: Nein. Ich mache doch meine Entscheidungen nicht abhängig von einzelnen Personen. Mir geht es um das Gesamtpaket, um den Verein, dessen Konzept, die Stadt und die Fans.

Morgenpost Online: Sportdirektor Volker Finke hat zuletzt mehrfach betont, dass der Verein Sie über das Vertragsende 2013 hinaus gern halten und darüber in der Winterpause mit Ihnen sprechen möchte.

Podolski: Die Situation ist ganz einfach: Ich habe noch über anderthalb Jahre Vertrag. Und ich sehe derzeit aus meiner Sicht keinen Grund, daran etwas zu ändern. Ich lasse mich da auch nicht unter Druck setzen, sondern nehme mir die Zeit zu überlegen, was für mich das Richtige ist. Denn anderthalb Jahre sind eine lange Zeit.

Morgenpost Online: Nun will aber der Verein offenbar ein erstes Signal von Ihnen.

Podolski: Ich bin gern bereit, mir die Vorstellungen des Vereins anzuhören. Allerdings werde ich mir – wie gesagt – Zeit lassen.

Morgenpost Online: Was ist Ihnen wichtig bezüglich Ihrer Zukunft? Geht es um ein Konzept, eine Perspektive oder darum, ob Sie sich wohlfühlen?

Podolski: Dass man sich als Mensch wohlfühlen will, ist doch normal. Aber in Bezug auf meine Person wird mir das Ganze immer zu einfach dargestellt. Es ist doch klar, dass der 1. FC Köln eine gute Adresse für mich ist, weil es der Verein aus meiner Heimatstadt ist. Ich komme aus Köln, hier kenne ich fast jede Ecke, und hier leben meine Familie und meine Freude. Ich wehre mich allerdings gegen den Eindruck, nur auf Köln reduziert zu werden.

Morgenpost Online: Es heißt aber: Der Poldi funktioniert nur in Köln und nicht woanders.

Podolski: Aber das stimmt einfach nicht. Natürlich fühle ich mich in Köln wohl. Aber ich habe auch beim FC Bayern viele gute Spiele gemacht. Und wenn ich in einer Top-Verfassung bin, denke ich, dass ich mich in jeder Mannschaft in Europa behaupten kann. Da hätte ich überhaupt keine Angst, dass ich das nicht packe. Wie gesagt, es ist wichtig, dass man sich wohlfühlt. Aber es ist für mich nicht das Hauptkriterium.

Morgenpost Online: Bundestrainer Joachim Löw hat gesagt, Sie seien jetzt reif für einen Wechsel ins Ausland. Auch Franz Beckenbauer würde Ihnen diesen zutrauen.

Podolski: Ich weiß um meine Qualität und bin mir sicher, dass ich mich durchsetzen würde. Aber noch einmal: Ich habe mir noch keine Gedanken über die Zukunft gemacht.

Morgenpost Online: Als Sie 2004 im Alter von 18 Jahren mit Bastian Schweinsteiger, der damals 19 Jahre alt war, in den EM-Kader berufen wurden, glich das einer Sensation. Weil es damals kaum gute deutsche Talente gab. Heute kann sich der Bundestrainer vor jungen Top-Spielern kaum retten.

Podolski: Das ist schon verrückt. Damals waren fast alle im Nationalteam an die 30 Jahre alt, bis auf Bastian und ich. Heute ist es quasi umgekehrt und wir zählen schon zu den erfahrenen Spielern, obwohl wir erst Mitte 20 sind. Aber so ist das eben. Aber am Ende geht es nicht um das Alter, sondern um die Qualität. Es geht um gut oder nicht gut. Wenn junge Spieler richtig gut sind und es keine besseren gibt, sind sie eben dabei.

Morgenpost Online: Wie die Shootingstars Mario Götze und Marco Reus?

Podolski: Es ist doch völlig normal, dass über sie diskutiert wird. Das sind klasse Spieler, die momentan richtig gute Leistungen zeigen.

Morgenpost Online: Diskutiert wird auch darüber, ob die beiden schon gut genug für einen Wechsel ins Ausland oder zum FC Bayern sind. Was meinen Sie?

Podolski: An der Diskussion will ich mich nicht beteiligen. Im Endeffekt muss jeder Spieler selbst wissen, was für ihn am besten ist.

Morgenpost Online: Sie waren unmittelbar betroffen von dem Selbstmordversuch des Schiedsrichters Babak Rafati , denn Ihr Spiel gegen Mainz ist deswegen ausgefallen. Was waren Ihre ersten Gedanken?

Podolski: Ich war geschockt und hatte Gänsehaut, als ich davon erfahren habe. Etwas später dachte ich mir, es ist schon erstaunlich, in welcher Häufigkeit gewisse Dinge derzeit passieren.

Morgenpost Online: Wird das Fußballgeschäft immer verrückter?

Podolski: Als ich 2004 ins Blickfeld gerückt bin, hat Fußball die Menschen zwar auch schon fasziniert. Aber es war viel ruhiger und nicht so hektisch. Heute steht man viel mehr im Fokus als das vor Jahren noch der Fall war. Und dabei frage ich mich beispielsweise, ob es wirklich notwendig ist, dass wir Fußballer mittlerweile auf alles überprüft werden müssen. Das ist teilweise doch nicht normal, was da passiert. Wenn wir etwa mit Köln verlieren und ich in dem Spiel acht Kilometer gelaufen bin, heißt es möglicherweise am Tag danach: Na ja, wie sollen die auch gewinnen, wenn der Podolski so wenig gelaufen ist. Gewinnen wir und ich bin ebenfalls nur acht Kilometer gelaufen, interessiert es keinen Menschen. Da stimmt das Verhältnis oft nicht mehr. Wobei ich sagen muss, dass viele Werte, die heute ermittelt werden können, auch sehr nützlich sind. Sie helfen bei der Analyse und ermöglichen ein gezieltes Training. Es hat also auch Vorteile.

Morgenpost Online: Sie sprechen den zunehmenden Druck an. Wie kommen Sie damit klar?

Podolski: Mich stört das nicht. Seit meinem ersten Training im Profiteam des 1. FC Köln stehe ich doch unter ständiger Beobachtung. Frei nach dem Motto: Was macht der Poldi? Ich komme mit dem Druck ganz gut klar. Zumal ich auch ein Umfeld habe, das mich unterstützt. Oftmals wirkt sich Druck bei mir leistungsfördernd aus. (lacht) Und so hat er auch etwas Positives für mich. Aber ich kann verstehen, dass Druck den einen oder anderen Profi nicht so beflügelt. Man sollte nicht alles an sich heranlassen und sich mit jeder Statistik befassen. Auch wenn heutzutage viel auf dem Spiel steht, sollte man seinen Job mit Spaß und Freude angehen. Außerdem sollten wir nicht vergessen, dass nicht nur wir im Fußballgeschäft Druck haben. Jeder Mensch in unserer Gesellschaft hat Druck und muss lernen, damit klarzukommen.

Morgenpost Online: Im Zuge des Selbstmordversuchs ist eine Anti-Babak-Rafati-Seite bei Facebook publik geworden. Wie stehen Sie sozialen Netzwerken gegenüber, immerhin sind Sie auch bei Facebook aktiv?

Podolski: Es kann nicht sein, dass man soziale Netzwerke für Seiten wie diese missbraucht. Aber ich bin offen für so etwas wie Facebook. Es ermöglicht mir, auch mit den Fans in Kontakt zu bleiben und ihnen hier und da auch mal mit Fotos oder kleinen Informationen einen Einblick in die Fußballwelt zu geben.

Morgenpost Online: Sie stehen in Köln wie kein anderer Spieler im Fokus. Woher nehmen Sie Ihre Gelassenheit?

Podolski: Ich habe in den vergangenen Jahren gelernt, nicht mehr alles so nah an mich heranzulassen. Ich mache mir nicht mehr über so viele Dinge einen Kopf, weil ich gemerkt habe, dass meine Leistung darunter leiden könnte.

Morgenpost Online: Haben Sie zu viele schlechte Erfahrungen gemacht?

Podolski: Nein, überhaupt nicht. Ich bin ein sehr offener und lebensfroher Mensch. Doch früher hatte ich immer das Gefühl, dass ich es allen recht machen muss. Das geht aber nicht. Man muss Prioritäten setzen. Und dabei sind mir die Familie, meine Freunde und die Arbeit beim FC am wichtigsten. Vielleicht hat das ja alles auch etwas mit dem Alter zu tun. Wenn man jung ist, macht man alles mit und kann oftmals nur schwer nein sagen. Wenn man älter wird, denkt man intensiver über das eine oder andere nach – aufgrund der Erfahrungen, die man im Verlauf der Zeit so gemacht hat.