Nationalelf

Toni Kroos – Mittendrin und doch erst am Anfang

Toni Kroos überzeugt in der Nationalelf und beim FC Bayern. Der Mittelfeldspieler kämpft mit Sami Khedira um den Platz neben Bastian Schweinsteiger.

Foto: dapd/DAPD

Auf den ersten Blick war Toni Kroos kaum zu erkennen, als er durch Düsseldorf spazierte. Mit der tief ins Gesicht gezogenen Mütze wirkte er unscheinbar, was so gar nicht in das Bild des deutschen Nationalspielers vom FC Bayern passt. Denn wenn der Mittelfeldspieler auf dem Platz seiner Profession nachgeht, ist er so präsent wie lange nicht.

Im letzten Qualifikationsspiel der deutschen Nationalmannschaft für die EM 2012 am Dienstagabend (19.00 Uhr, ZDF) gegen Belgien können sich Beobachter wieder davon überzeugen. Kroos kommt in Düsseldorf aller Voraussicht nach für den angeschlagenen Bastian Schweinsteiger (Bluterguss im Oberschenkel) zum Einsatz.

Und er spielt wohl vor der Viererkette neben Sami Khedira – was eine pikante Konstellation wäre, da beide um den freien Platz neben Stammspieler Schweinsteiger kämpfen.

Es ist aber nicht nur das Duell um die Position im Team von Bundestrainer Joachim Löw , um das es für Kroos geht. Für den offensiven Mittelfeldspieler bietet sich eine weitere Gelegenheit, das Image des ewigen Talents abzuschütteln. Das ist ihm in den vergangenen anderthalb Jahren zwar schon ein stückweit gelungen, aber noch nicht vollständig.

Der Name Toni Kroos war schon vor vier Jahren in aller Munde. Er spielte damals für den FC Hansa Rostock und war so talentiert und so begnadet am Ball, dass sich die Scouts der Bundesligavereine an der Ostseeküste die Klinke in die Hand gaben.

Der FC Bayern machte schließlich das Rennen und lockte den damals 16-Jährigen in sein Nachwuchsinternat nach München. Im Rausch des Glücksgriffs verloren einige Bayern beim Anstimmen der Lobeshymnen dann ihre Hemmungen: „Toni ist das Beste, was ich seit Jahren im Nachwuchsbereich gesehen habe“, sagte Oliver Kahn, der damalige Torhüter.

Ottmar Hitzfeld, zu jener Zeit Trainer des FC Bayern, bezeichnete den gebürtigen Greifswalder Kroos als „Ausnahmespieler, der seinen Weg machen“ wird. Und Franz Beckenbauer sagte: „Ich habe das Gefühl, Kroos wird der neue Ballack.“


Die Anerkennung für Kroos, für den Uli Hoeneß damals angeblich die Trikotnummer „10“ reserviert haben soll, war immens. Aber mit jedem gut gemeinten Wort erhöhte sich auch der Druck, der ohnehin schon auf dem Offensivkünstler lastete.

Letztlich erging es Kroos dann so wie zuvor schon vielen anderen Talenten: Auf den Höhenflug folgte ein tiefer Fall. Kroos konnte den Ansprüchen nicht gerecht werden. Und so pendelte er in den Jahren nach seinem Wechsel zwischen dem Profi- und dem Regionalligateam der Bayern, ehe er in der Winterpause 2009 zum Ligarivalen Bayer Leverkusen ausgeliehen wurde. Dort war die Konkurrenz nicht so groß wie in München – und dort bekam er endlich die Chance, sich in mehreren Spielen in Folge zu beweisen.

Kroos nutzte die Möglichkeit und blühte vor allem in der Saison 2009/2010 richtig auf. Vom „Kicker“ wurde er gleich dreimal hintereinander zum „Mann des Tages“ gekürt, und in 33 Ligaspielen kam er auf zehn Vorlagen und neun Tore.

Kroos beeindruckte so sehr, dass die Bayern trotz unzähliger Versuche der Leverkusener, ihn länger zu binden, darauf bestanden, dass Kroos nach München zurückkehrt, und Bundestrainer Löw nicht mehr umhin kam, ihn zu seinem Debüt in der deutschen Nationalmannschaft zu verhelfen. Im März 2010 gegen Argentinien (0:1) spielte Kroos erstmals für Deutschland – im Sommer gehörte er dann sogar zum WM-Aufgebot.

Für Micoud geschwärmt

Löw imponieren vor allem zwei Dinge an Kroos. Es ist dessen Stärke, intuitiv zu wissen, wann er ein Spiel schneller oder wann er es langsamer machen muss. Dazu bereitet ihm das direkte Spiel keinerlei Probleme. „Das habe ich in der Jugend mit meinem Vater trainiert. Und zwar mit beiden Füßen“, sagt Kroos.

Ein spezielles Vorbild hat er zwar nicht. Allerdings hat er mal für Johan Micoud geschwärmt, Werder Bremens früheren Spielgestalter aus Frankreich: „Er hat mir aufgrund seiner Art und Weise, das Spiel zu lenken, unheimlich gefallen. Das war beeindruckend.“

Mit einem Umweg und etwas Verspätung hat es Kroos nun also geschafft, sich in München und auch in der Auswahl zu behaupten. Das liegt aber nicht nur an seinem Ehrgeiz. Dies hat er auch Jupp Heynckes zu verdanken, der durchaus als entscheidender Förderer bezeichnet werden kann.

"Immer noch sehr jung"

Heynckes war Cheftrainer in Kroos’ zweiter Saison in Leverkusen – und das ist er jetzt auch in München. Nachdem Kroos im vergangenen Jahr unter Louis van Gaal nur Reservist war, stand er in acht Bundesligaspielen unter Heynckes schon sechsmal in der Startelf. „Einige Trainer haben sich in vielen Situationen gegen mich, Heynckes hat sich für mich entschieden“, sagt Kroos.

Derzeit hat es den Anschein, als würde er nach einigen Rückschlägen nun endlich seinen Weg gehen, und mit erst 21 Jahren steht er ja quasi noch am Anfang. „Ich habe schon viel gesehen und erlebt. Aber ich bin immer noch sehr jung. Das wird oft vergessen. Ich habe noch viel vor mir“, sagt Kroos, der bei der WM die ganz große Chance verpasste, Deutschland im Halbfinale gegen Spanien in Führung zu bringen.

Freistehend war er damals in der 69. Minute am spanischen Torhüter gescheitert. Vier Minuten später fiel auf der anderen Seite das entscheidende 1:0.

Aber vielleicht bietet sich ja die Chance für eine Revanche bei der EM im kommenden Jahr. Denn für die ist die deutsche Mannschaft ja schon qualifiziert. Egal, wie das Spiel heute gegen Belgien ausgeht – und egal, wie auffällig Kroos agieren wird.