Auf Rekordkurs

Kann Deutschland jetzt endlich Spanien schlagen?

Trotz der bislang makellosen Bilanz in der EM-Qualifikation läuft die Nationalelf noch ihrem Ideal hinterher. Noch gilt Weltmeister Spanien als Maß aller Dinge.

Es dauert nie lange, bis sie anfangen, über sie zu sprechen. Oftmals müssen die deutschen Nationalspieler oder Bundestrainer Joachim Löw nicht einmal nach ihnen gefragt werden. Sie fangen einfach von allein an, über die Spanier, die nicht einmal vor Ort sein müssen, zu referieren. Und zwar immer dann, wenn es gilt, die Leistung der eigenen Mannschaft ja nicht zu überschätzen, sondern richtig einzuordnen.

Auch nach dem 3:1 (1:0) in der Türkei waren die Spanier als amtierender Europameister und Weltmeister in den Köpfen so präsent wie kein anderer Gegner. Wer auch immer von der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) etwas sagte, verlor zumindest ein paar Worte über die Spanier.

Vom „Maß aller Dinge“ (Mario Gomez) war etwa die Rede oder von einer Mannschaft, „die seit drei Jahren eine absolute Dominanz im Weltfußball ausstrahlt“, wie es der Bundestrainer formulierte: „An ihnen müssen wir uns messen lassen, wenn es um die Frage geht, ob wir in der Lage sind, den EM-Titel zu holen.“

Wieviel Spanien steckt in Löws Team?

Und genau das ist der entscheidende Punkt, der auch nach dem neunten Sieg im neunten Qualifikationsspiel zur EM 2012 wieder diskutiert wurde. Wird Deutschland in der Lage sein, im kommenden Jahr nach 1996 wieder einen Titel zu holen? Kann die Mannschaft die Spanier schlagen, gegen die sie im EM-Finale 2008 und im WM-Halbfinale 2010 noch unterlegen war? Und wie viel von diesem so perfekt anmutenden spanischen Team steckt schon in der deutschen Mannschaft?

Nach dem Spiel am Freitagabend in Istanbul hatte Löw jedenfalls allen Grund zur Freude. Seine Mannschaft hatte nicht berauschend gespielt, aber dafür absolut souverän agiert. Sie hatte genau in den Momenten zugeschlagen, als es notwendig war.

Das ist ein Zeichen von Klasse. Auch die Spanier spielen nicht immer 90 Minuten lang überragend. Aber sie verstehen es aufgrund ihrer individuellen Stärke, dem Spiel binnen Sekunden eine neue Richtung zu geben. So wie die Deutschen in Istanbul.

Zudem ist die Mannschaft der Iberer, die zum Großteil aus Profis von Real Madrid und dem FC Barcelona besteht, seit Jahren eingespielt. Aber auch die deutsche Mannschaft wirkt dank ihres großen Blocks vom FC Bayern in sich immer gefestigter.

Zudem ist die Auswahl an guten Spielern in Deutschland viel größer geworden. Ein Ausfall von Stars wie Mesut Özil oder Miroslav Klose, die in Istanbul verletzungsbedingt passen mussten, macht sich mittlerweile nicht mehr so bemerkbar, wie das vor zwei, drei Jahren wohl noch der Fall gewesen wäre. Gegen die Türken spielten Mario Götze und Mario Gomez für das Duo.

BVB-Manager Watzke begeistert

Sie fügten sich in ein Team, in dem die Spieler die Laufwege der Kollegen immer besser kennen. Das verdeutlichten einige Ballstafetten, „die es so in dieser Form vor zwei, drei Jahren bei uns noch nicht zu sehen gab“, sagte Verteidiger Per Mertesacker.

Allerdings reicht das deutsche Passspiel in seiner Vollendung noch immer nicht an das berühmte „Tiki Taka“ der Spanier heran – dieses Doppelpassspiel mit Spitzengeschwindigkeit, bei dem sich das Mittelfeld und die Stürmer zusammen in Richtung gegnerisches Tor bewegen. „Aber wir sind insgesamt auf einem guten Weg. Ich denke, davon hat man sich in den vergangenen Monaten mehrfach überzeugen können“, so Löw nach dem 50. Sieg in seiner Ära.

Bestätigung dafür bekommt er auch aus der Bundesliga. „Ich freue mich, wenn ich dieser Nationalmannschaft zuschaue“, sagte Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Meister Borussia Dortmund, der „Morgenpost Online“: „Die Mannschaft spielt wirklich hervorragend. Aber die Spanier sind ja dadurch nicht schlechter geworden. Wir haben bei der EM eine Mitfavoritenrolle, aber es bedarf noch einer Steigerung.“

So sieht es auch Mirko Slomka, Trainer von Hannover 96. Er war in Istanbul und fand es beeindruckend, mit welchem Selbstbewusstsein und Selbstverständnis die Deutschen aufgetreten seien. „Die Teamleistung hat mir imponiert. Ich denke, die? Mannschaft hat gute Chancen, auch in Spielen gegen große Nationen zu bestehen – also auch gegen Spanien“, sagte Slomka.

„Das Einzige, was man allerdings im Auge behalten muss, ist die Defensive. Manuel Neuer hat natürlich richtig gut gespielt, aber davor gab es schon einige Probleme.“

Der Bundestrainer weiß darum und will die verbleibenden acht Monate bis zur EM nutzen, um Schwachstellen wie diese zu beheben. Aber seinem Weg, vor allem auf junge Spieler zu setzen, bleibt er treu. In Istanbul standen nur noch fünf Spieler vom EM-Finale 2008 gegen Spanien (0:1) in der Startelf – und die hatte einen Altersschnitt von 24,36 Jahren. „Wir setzen seit 2008 bewusst auf junge Spieler, die eine hohe Dynamik und gute technische Fähigkeiten mitbringen.

Technik und Dynamik kommen für mich inzwischen klar vor Routine und Erfahrung, weil die Teams und das Spiel immer schneller werden“, sagte Löw. Womit er noch einmal erklärte, warum einst so unentbehrliche Nationalspieler wie Torsten Frings und Michael Ballack, beide 35, in den vergangenen Monaten von ihm aussortiert worden waren.

Bereits am Dienstag im letzten Qualifikationsspiel gegen Belgien (19 Uhr, ZDF) gibt es die nächste Gelegenheit für die deutsche Nationalmannschaft, sich im Fernduell mit dem großen Gegner Spanien in Stellung zu bringen. Löw hofft auf den zehnten Sieg – das wäre eine neue Bestmarke in der DFB-Geschichte.