FC Chelsea

Fernando Torres ist das 58-Millionen-Rätsel

Mit 27 Jahren scheint der Spanier Fernando Torres seinen Zenit überschritten zu haben. Der FC Chelsea hofft auf ein Comeback des Welt- und Europameisters.

Foto: Getty Images/Getty

Auf dem Weg von Costa Rica nach London hat Fernando Torres diese Woche einen Zwischenstopp in seiner Heimatstadt Madrid eingelegt. In einem Hotel am Flughafen Barajas stellte er seine Biografie vor.

Genau genommen handelte es sich um die spanische Übersetzung seines bereits vor zwei Jahren in England erschienenen Buches. „Fernando Torres: Liverpool’s Number 9“ war 2009 das meistverkaufte Fußballbuch auf der Insel, so wie besagtes Trikot das meistverkaufte der Premier League war und sein Träger der gefährlichste Mittelstürmer der Welt.

Die spanische Version heißt nur „Number 9“, logischerweise, denn Torres spielt inzwischen bei Chelsea. Von dem Wechsel für 58 Millionen Euro im Winter 2011 handelt eines der beiden Kapitel, die er neu hinzugefügt hat.

Nur sechs Minuten gegen Liverpool

Das andere handelt von der WM 2010 in Südafrika. Kapitel eines Buches, Kapitel seines Lebens. Kapitel, die viel verändert haben. Momentan gilt Torres nicht mehr als gefährlichster Stürmer der Welt, nicht mal als der beste seines Landes. Beim dürftigen 2:2 der Spanier in Costa Rica war er, so präzise wird das bei ihm notiert, der sechste Einwechselspieler.

Beim 1:2 gegen seinen Ex-Klub Liverpool kam Torres nur sechs Minuten zum Einsatz und ob er am Mittwoch in der Champions League bei Bayer Leverkusen (20.45 Uhr, Sky) aufläuft, ist fraglich. Aber wenn er spielt, werden die Experten wieder analysieren.

Gelingt ihm einer dieser blitzartigen Antritte, eine dieser eleganten Abschlüsse, vielleicht sogar ein Tor, dann wird es heißen: Der alte Torres kehrt zurück. Wirkt er träge, verstolpert einen Ball, wird es heißen, er sei das teuerste Missverständnis der Fußball-Geschichte.

Zwischen diesen Extremen bewegt sich das nun schon seit seinem ersten Spiel für Chelsea im Februar. Damals ging es gleich gegen Liverpool, und als ob seine alte, verlassene Liebe ihn mit einem Fluch belastet hätte, ging erst mal gar nichts.

Derselbe Stürmer, der für Liverpool 65 Mal in 102 Ligaspielen getroffen hatte – eine Torquote von 0,64 Prozent, die in der Premier-League-Geschichte nur Thierry Henry überbietet –, traf in seinen ersten 23 Spielen für Chelsea nur ein Mal.

Ein bewegter Herbst

Dann folgte ein bewegter Herbst, in dessen Verlauf sich der alte Torres und das teuerste Missverständnis schneller abwechselten als Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Spitzenspiel bei Manchester United: Brillantes Tor und unerklärlicher Fehlschuss am leeren Tor vorbei.

Nächste Partie gegen Swansea: Brillantes Tor und Rote Karte, drei Spiele Sperre. Seitdem: Zwei Tore in der Champions League gegen Genk , aber keines in der Liga, nur wieder so ein schlimmer Fehlschuss aus nächster Distanz beim letzten Spiel in Blackburn. Als sollte es einfach nicht sein.

Fernando Torres ist 27. Manche Stürmer haben schon zu diesem vermeintlich frühen Zeitpunkt ihren Zenit überschritten, zumal wenn sie wie „el niño“, das Kind, bereits mit 17 Heilsbringer eines so chaotischen Klubs wie Atlético Madrid sein sollten und nie so richtig Pause und deshalb zahlreiche Verletzungen hatten.

Selbst ohne größere Blessuren fiel etwa Landsmann Raúl, ein anderer Frühreifer, seit dem 27. Geburtstag merklich ab, mit 29 war er bereits Ex-Nationalspieler. Torres hat, seit er mit blitzartigem Antritt und elegantem Abschluss das EM-Finale 2008 gegen Deutschland entschied, nur fünf von 37 Länderspiele von Beginn an bestritten und dabei nur zwei Tore erzielt, jeweils gegen Liechtenstein.

„Spaniens große Unbekannte“, nannte ihn jüngst „El País“ mit Blick auf die EM, derweil in England die Torresologen rätseln: Ist es der Körper, die Psyche, oder passt er einfach nicht so recht in Chelseas System?

Alle Probleme hat es gegeben, aber alle Probleme sind überwunden – so lautete Torres’ Botschaft anlässlich seiner Buchpräsentation. Erstmals beschreibt er in aller Offenheit, was bisher nur vermutet werden konnte: dass ihn seine Ambitionen beinahe die Karriere gekostet hätte.

Immer wieder Kniebeschwerden

Wegen anhaltender Kniebeschwerden unterzog er sich in den Monaten vor der WM zwei Meniskusoperationen, um ja nicht den Termin in Südafrika zu verpassen. Alles andere als in bestem Zustand spielte er ein enttäuschendes Turnier und litt abseits des Rasens wie ein Hund.

„Ich konnte nicht einmal richtig gehen. ... Vor dem Schlafengehen betete ich, dass es beim Aufwachen besser sein würde. Das Knie war eine Obsession.“ Dennoch bereue er nichts: „Ich kannte die möglichen Konsequenzen. Ich wollte unbedingt den Weltpokal gewinnen, auch wenn ich wusste, dass meine Genesung dann viel länger dauern würde.“

Torres ist auf der einen Seite ein untypischer Fußballstar, ehrlich, freundlich, uneingebildet; mit Jugendfreundin Olalla und den zwei Kindern lebt er so normal es geht. In Liverpool werden sie nie vergessen, wie er seine Hunde in öffentlichen Parks spazieren führte und sich tief in die Vereinsgeschichte einarbeitete.

Ein Romantiker

Torres ist Romantiker, und bei einem so romantischen Klub war er am idealen Platz. Doch als in Liverpool wegen finanzieller Probleme nichts mehr ging, musste er weg. In seiner Laufbahn hat er noch nie eine Meisterschaft oder gar die Champions League gewonnen, daher Chelsea, daher schon im Winter.

Heute räumt er ein, dass er die Eingewöhnungsprobleme unterschätzt habe: „Es hat länger gedauert, als ich dachte.“ Und dass ihm seine Torkrise zu schaffen machte: „Ich war besorgt. Es gab Momente, da verlor ich das Selbstvertrauen. Ich fühlte mich nicht wohl, und es ging mir nicht gut.“ Es heißt, wer über seine Probleme reden kann, der hat sie schon fast überwunden.