Per Mertesacker

"Die Nationalmannschaft profitiert von den Bayern"

| Lesedauer: 8 Minuten
Lars Gartenschläger

Foto: REUTERS

Per Mertesacker spricht vor dem Spiel gegen Belgien im Interview mit Morgenpost Online über die Schwachstellen in der DFB-Auswahl und sein Leben in London.

Per Mertesacker ist mit 77 Einsätzen für Deutschland einer der dienstältesten Nationalspieler. Seit Sommer ist der 27-Jährige neben Sami Khedira, Mesut Özil (beide Real Madrid) und Miroslav Klose (Lazio Rom) der vierte Akteur aus dem DFB-Team, der im Ausland spielt.

Für rund elf Millionen Euro wechselte er von Werder Bremen nach England zum Premier-League-Verein FC Arsenal. Nach dem 3:1 in der Türkei hofft der Verteidiger im letzten EM-Qualifikationsspiel auf einen Sieg über Belgien am Dienstag (19.00 Uhr, ZDF).

Morgenpost Online: Herr Mertesacker, wie wichtig ist das Spiel gegen Belgien, immerhin ist Deutschland bereits für die EM qualifiziert?

Per Mertesacker: Jedes Länderspiel hat einen großen Stellenwert. Aber bis zur EM sind es nicht mehr so viele Spiele, und da wir sehr gut besetzt sind, muss sich jeder von uns bis dahin permanent beweisen. Es ist wichtig für jeden, sich für das Turnier in eine gute Position zu bringen. Außerdem wollen wir am Dienstag den zehnten Sieg im zehnten Qualifikationsspiel schaffen.

Morgenpost Online: Die Erwartungshaltung an das Team nimmt immer mehr zu. Der Bundestrainer sagt, große Mannschaften müssten damit umgehen können. Können Sie und Ihre Kollegen das?

Mertesacker: Ja. Vor Turnieren gab es immer Skepsis gegenüber der deutschen Mannschaft. Uns wurde nicht viel zugetraut. Aber wir haben 2006, 2008 und 2010 gezeigt, dass wir in der Lage sind, dem Druck standzuhalten. Das wird 2012 nicht anders sein. Ich denke, die Konkurrenz sieht, wozu wir fähig sind. Wenn es so ist, dass ich derzeit in der besten Nationalmannschaft spiele, die es je gegeben hat, wird es hoffentlich auch eine gute EM.

Morgenpost Online: Ist es denn die beste deutsche Nationalmannschaft? Ihre Kollegen Manuel Neuer und Lukas Podolski haben das ja auch schon gesagt.

Mertesacker: Die Frage müssen wir spätestens bei der EM beantworten.

Morgenpost Online: Nach dem Sieg in der Türkei sagten Sie, dass die Mannschaft vor zwei, drei Jahren nicht auf einem so hohen Niveau gespielt habe. Was hat sich genau geändert?

Mertesacker: Wir sind sicherer geworden, da einige schon lange zusammen spielen. Wir haben viele Dinge mittlerweile verinnerlicht. Wie etwa das klare Aufbauspiel von hinten heraus. Aber wir müssen dennoch an uns arbeiten und variabel bleiben. Denn die Gegner stellen sich natürlich immer besser auf uns ein.

Morgenpost Online: Der Bundestrainer spricht von Spielern, die extrem hungrig auf Erfolg sind. Was treibt Sie an? Die Aussicht auf einen Titel?

Mertesacker: Ja. Aber für uns ist jedes Spiel ein Wettkampf, den wir gewinnen und nicht abschenken wollen. So war das auch in der Türkei. Wir brauchten den Sieg nicht, aber wir wollten ihn.

Morgenpost Online: Die Frage nach dem Titel steht und fällt immer mit Spanien. Ist Deutschland in der Lage, den Europa- und Weltmeister endlich in einem entscheidenden Spiel zu besiegen?

Mertesacker: Wenn wir in einem Spiel gegen Spanien die Möglichkeiten nutzen, die wir bekommen, ist es möglich. Das war 2010 schon fast so. Spanien war zwar viel länger im Ballbesitz, aber wir hatten die erste echte Torchance im Spiel. Leider haben wir sie nicht genutzt.

Morgenpost Online: Sie waren sowohl beim 0:1 im EM-Finale 2008 gegen Spanien als auch beim 0:1 im WM-Halbfinale 2010 dabei. Ist die deutsche Mannschaft seither besser geworden?

Mertesacker: Spanien gilt derzeit als Gradmesser für den ganz großen Erfolg. Aber niemand darf vergessen, dass wir bei Turnieren auch andere starke Nationen besiegt haben. Spanien ist sicherlich sehr gut in der Spielanlage. Aber jeder hat es gegen sie schwer. Ich habe jedoch das Gefühl, dass wir ihnen näher gekommen sind. Gerade im Hinblick auf unsere Spielanlage und die Ballkontrolle.

Morgenpost Online: In der Türkei hatte die Startelf einen Alterschnitt von 24,4 Jahren. Ist die Mannschaft zu jung?

Mertesacker: Nein. Es ist in meinen Augen fast schon die perfekte Mischung. Was die Jugend betrifft, darf nicht der Fehler gemacht werden, sie mit Mangel an Erfahrung gleichzusetzen. Denn wir haben viele Spieler, die Mitte 20 sind und schon mehr als 70 Länderspiele absolviert haben.

Morgenpost Online: Inwiefern kann die Mannschaft von einem starken Bayern-Block profitieren? In der Türkei standen sieben Münchner in der Startelf.

Mertesacker: Die Bayern haben ja den Anspruch, alle Nationalspieler zu stellen (lacht). Das wird sicher nicht klappen. Aber die Bayern sind derzeit sehr gut und selbstbewusst. Und davon wird die Nationalelf profitieren.

Morgenpost Online: Deutschland ist seit acht Spielen nicht mehr ohne Gegentor geblieben. Was ist los mit der Abwehr?

Mertesacker: Für Statistik-Freaks ist das natürlich ein gefundenes Fressen, auch mal Negatives in Bezug auf uns zu entdecken. Aber das Entscheidende zuletzt war doch, dass wir fast immer gewonnen haben. Und das steht für mich im Vordergrund. Auch wenn mir klar ist, dass es auch in der Defensive sicher was zu verbessern gibt.

Morgenpost Online: Wir halten fest: Deutschland hat kein Abwehrproblem?

Mertesacker: Wir haben eine gute Balance gefunden und müssen zusehen, dass wir insgesamt als Team gut verteidigen. Ein Abwehrproblem haben wir jedenfalls nicht.

Morgenpost Online: Sie leben seit zwei Monaten in London. Wie ergeht es Ihnen?

Mertesacker: Es sind viele Eindrücke , die dort seither auf mich einprasseln. Aber ich denke, sie werden mich sportlich und menschlich weiterbringen. Es fühlt sich alles gut an. Auch wenn es sportlich vielleicht noch nicht so gut läuft.

Morgenpost Online: Erlauben Sie die Klischeefrage: Wie läuft es mit dem Linksverkehr, schmecken Ihnen Schinken und Bohnen zum Frühstück, trinken Sie nun Tee statt Kaffee?

Mertesacker: Tee habe ich probiert. Der war ganz okay. Aber ich trinke ohnehin keinen Kaffee. Wir ziehen nächste Woche erst in ein Haus. Deshalb habe ich bislang in London noch in einem Hotel gelebt, wo es internationales Frühstück gibt. Das war also keine große Umstellung. Und Auto bin ich erst einmal gefahren, um mal zu testen, ob ich im Linksverkehr noch konzentriert fahren kann. Das war wie in der ersten Fahrstunde. Es war bezüglich der Koordination höchst anspruchsvoll. In Deutschland steigst du ins Auto ein und verstellst instinktiv mit der rechten Hand den Innenspiegel, in London machst du es mit links. Aber keine Angst, ich habe ein gutes Gefühl für das Autofahren in London.

Morgenpost Online: Was sind die markantesten Unterschiede zur Bundesliga?

Mertesacker: In der Premier League gibt es viel grandiosere Einzelspieler, und es wird etwas schneller gespielt. Da muss ich schon aufpassen und viel mehr antizipieren.

Morgenpost Online: Wie kommen Sie mit Trainer Arsene Wenger klar?

Mertesacker: Er ist ein sehr guter Typ und schlichtweg die Figur des FC Arsenal. Er ist eine absolute Respektsperson. Arsene Wenger wird mich in meiner Karriere definitiv weiterbringen. Es macht Spaß, mit ihm arbeiten zu können.