Champions League

Dortmund ist wie Arsenal – nur billiger

Die Trainer Jürgen Klopp und Arsene Wenger pflegen eine ähnliche Philosophie. In der Champions League braucht der BVB jetzt einen Sieg gegen den großen Bruder.

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Komme den Dortmundern bloß keiner mit irgendwelchen Vergleichen. Darauf reagieren die Borussen ähnlich allergisch wie auf die Farbe Königsblau. Nein, der BVB ist einzigartig, schon immer gewesen und auf ewig. Vorbilder? Gibt es nicht. Oder doch?

„Gewisse Parallelen“ sähe er schon, sagte Hans-Joachim Watzke, der Geschäftsführer von Borussia Dortmund, am Dienstag kurz vor dem Abflug nach London. Dort muss der Deutsche Meister am Mittwoch im vorletzten Gruppenspiel Arsenal London (20.45 Uhr, Sat.1 und Sky) besiegen, um noch eine Chance auf das Überwintern in der Champions League zu haben. Ein Klub, der getrost als großer Bruder des BVB angesehen werden kann. Das sieht auch Watzke so – jedenfalls im Ansatz. „Die beiden Vereine können durchaus verglichen werden“, sagte er, auch wenn Arsenal 100 Millionen Euro pro Jahr in sein kickendes Personal investiere und der Ballspielverein Borussia nur 40 Millionen Euro. Es ist ihm wichtig, das festzustellen: „Der Unterschied zum FC Arsenal ist, dass die auch bereit sind, großes Geld in die Hand zu nehmen. Wir nicht.“

Und doch sind es Brüder im Geiste, die nun im Emirates-Stadion im Norden Londons aufeinandertreffen. Sowohl Arsenal als auch Borussia Dortmund haben sich dem gepflegten Offensivfußball verschrieben. Mehr noch: Beide Klubs haben das technisch hochwertige Kombinationsspiel in ihre Vereins-DNA eingespeist und zum Leitmotiv allen Handelns erhoben. Anders als zum Beispiel der FC Bayern München, der Spieler vermeintlich auch gern mal kauft, um damit Gegner zu schwächen, ist bei den beiden Konkurrenten jeder Transfer eine Suche nach dem passenden Mosaikstein, der zum bereits vorhandenen Bild passen muss. Nur, wenn der Auserwählte für fähig gehalten wird, die vorgegebene Spielweise umzusetzen, wird er verpflichtet.

Diese Philosophie, in aller Konsequenz umgesetzt, ist selten. Jahrelang – und noch heute bei vielen Klubs anzutreffen – richtete sich die Transferpolitik eher nach Namen als nach einer Grundidee. Wenn Real Madrid einen Cristiano Ronaldo bekommen kann, wird nicht hinterfragt, ob er in das bestehende Gefüge passt – das Gefüge hat sich nach dem Superstar zu richten. „So etwas würde es bei uns nicht geben“, sagt Watzke.

Denn die Creme de la creme der Fußballbranche hat bei aller Klasse einen Nachteil: Spieler dieser Kategorie sind in den meisten Fällen fußballerisch bereits determiniert. Arjen Robben beim FC Bayern wird immer ein ebenso genialer wie eigensinniger Außenbahnspieler bleiben, während der Dortmunder Mario Götze von BVB-Trainer Jürgen Klopp so konsequent zum Allrounder ausgebildet wurde, dass er mit seinen 19 Jahren in der Offensive auf beiden Außenpositionen sowie zentral spielen kann.

Jung und formbar sollen sie sein

Klopp-Kollege Arsene Wenger, seit 1996 Trainer der „Gunners“ und neben Manchester-United-Trainer Alex Ferguson der Routinier der englischen Premier League, hat das „Kuchenform-Prinzip“ mit geprägt, wenn nicht gar erfunden: Nicht die Spieler geben die Form vor, sondern der Trainer. Dafür benötigt er junge, formbare Profis. Als er vor 15 Jahren bei Arsenal begann, legte er den Grundstein für sein Regiment mit den Verpflichtungen der damals weitgehend unbekannten Franzosen Patrick Vieira, Nicolas Anelka und Emmanuel Petit – später feste Bestandteile der erfolgreichsten französischen Nationalmannschaft der Geschichte.

Heute gibt Wenger dem erst 21-jährigen Torwart Wojciech Szczesny den Vorzug vor Routinier Manuel Almunia (34), der einst Jens Lehmann verdrängte und mittlerweile an West Ham United ausgeliehen ist. Vor dieser Saison war der teuerste Zugang bezeichnenderweise der 18-jährige Alex Oxlade-Chamberlain, ein Talent für die rechte Außenbahn, für das Arsenal fast 14 Millionen Euro an den FC Southampton überwies.

Dass der FC Arsenal auch zweistellige Millionenbeträge ausgeben kann, ist der signifikanteste Unterschied zu Borussia Dortmund. Der Grundgedanke aber ist der gleiche: „Ein Spielerkauf ist keine Frage des Geldes, sondern der Qualität. Ich möchte kein Geld für durchschnittliche Spieler ausgeben. Wir haben keine Angst, eine hohe Summe zu bezahlen wenn wir der Meinung sind, das Richtige zu tun“, sagt Wenger.

Zwei Dortmunder sollen auf Wengers Liste stehen

So ist es auch beim BVB, nur bedächtiger. Während sich der Klub vor zehn Jahren mit Transfers wie denen von Marcio Amoroso (25 Millionen Euro) und Jan Koller (11 Millionen Euro) an den wirtschaftlichen Abgrund und fast darüber hinaus schob, herrscht nun das Gebot der Vernunft. Junge, entwicklungsfähige Spieler sucht der BVB oder produziert sie in der Jugendabteilung gleich selbst. Spieler wie Götze, Mats Hummels, Kevin Großkreutz oder Sven Bender, die die Konkurrenz in den (Jugend-)Wahn treiben. „Doch diese Spieler müssen passen: Wir verpflichten niemanden nach Alter oder Nationalität. Sondern nur, wenn wir überzeugt sind, dass er unsere Philosophie, unseren Weg mitgehen kann“, sagt Geschäftsführer Watzke.

Bei den Ähnlichkeiten zwischen Arsenal und der Borussia verwundert es nicht, dass der große Bruder aus England einen begehrlichen Blick in das Spielzimmer des Kleineren geworfen hat. Laut Berichten der englischen Medien soll Wenger erwägen, möglicherweise schon in der Winterpause Angebote für Dortmunder Spieler einzureichen. Natürlich weckt Mario Götze Begehrlichkeiten, dem Vernehmen nach soll Arsenal bereit sein, bis zu 40 Millionen Euro zu zahlen. Aber auch der Name Kevin Großkreutz soll auf Wengers Liste stehen, schließlich ist er der Prototyp eines offensiv wie defensiv gleichermaßen starken Mittefeldspielers. Dortmund hat sich solche Avancen kategorisch verbeten. Aber dass sich Brüder streiten, ist ja nichts Ungewöhnliches.