Formel 1

Deutschland im doppelten Vettel-Fieber

Sebastian Vettel hat es geschafft. Er ist der jüngste Doppelweltmeister aller Zeiten und degradierte manch anderen Formel1-Piloten auf der Piste zum Sonntagsfahrer - doch ein Höhenflug des bodenständigen Heppenheimers ist nicht zu erwarten.

An den Autofenstern wedeln die schwarz-rot-goldenen Fähnchen seit Sonntag weniger wegen des 3:1 bei den Türken oder in der Vorfreude auf das 4:0 gegen Belgien fröhlich im Wind, sondern wegen der Unausbremsbarkeit des jüngsten Weltmeisters aller Zeiten – jetzt ist er auch noch der jüngste Doppelweltmeister aller Zeiten. „Gigantisch!“, haben wir den Papa des Pistengotts stöhnen hören.

So wie Norbert Vettel geht es auch dem Rest von uns fahrtüchtigen Deutschen. Im Vettelfieber sind wir gleich nach der Siegerehrung in unsere frisierten und tiefergelegten Kisten gestiegen und haben unter Hupkonzerten die wildesten Überholmanöver riskiert – als süchtiges Volk hängen wir an der Nadel von Vettels Tacho, berauscht von seinen Auspuffdämpfen. Sebastian Vettel hat den zweiten Schritt getan in die Göttergalerie der Unsterblichen. Als Held von Heppenheim wird er bereits tituliert – heutzutage fängt der Held dort an, wo der normale Mensch aufhört.

Denn gewöhnlich ist das nicht, dass ein Jungzwanziger den Faden einfach dort wieder aufnimmt, wo er ihn bei der Siegesfeier vor einem Jahr hat fallen lassen – und die anschließenden Attacken der Alten nicht nur pariert, sondern sie winkend überholt, bis sie sich am Ende nicht mehr vorkommen wie Rivalen auf der Rennbahn, sondern wie Sonntagsfahrer auf der Landstraße. Das ist hart. Nur eines ist noch härter, Vettel hat es mitten im Jubel verraten – „einen Titel zu wiederholen.“

Gewonnen ist ein Titel schnell, die Dortmunder wissen es. Kickt einfach drauflos, hat der Fußballgott vor einem Jahr zu den Borussen gesagt. Die haben in ihrem jugendlichen Leichtsinn nicht lang nachgedacht, sondern ihrer Begeisterung freien Lauf gelassen, und plötzlich waren sie Meister. Soviel zum schönen Traum. Böser ist das Erwachen.

Man genießt den Erfolg, lehnt sich ein bisschen zurück, und patsch. Fünf Prozent weniger Konzentration, dazu fünf Prozent mehr Fettgehalt in puncto Zufriedenheit, und es ist passiert. Saison gelaufen. Titel futsch. Über Nacht geht das, brutal, wie in der Politik, „so mancher springt als Löwe und landet als Bettvorleger“, hat Joschka Fischer gesagt. Oder als Eintagsfliege. Die Luft da oben ist dünn. Nur angeschnallt ist die Nachhaltigkeit garantiert.

Ist Vettel ein Genie? Als genial gilt, wer mit leichter Hand das vollbringt, was wir Normalsterblichen niemals hinkriegen, selbst wenn wir Tag und Nacht in die Hände spucken. Das Genie von heute muss allerdings noch mehr können, als nur die tollsten Dinge mit links zu erledigen: Es muss nach der Stunde der Siegesfeier sofort wieder kühlen Kopf bewahren.

Bülent Ceylan, der Mannheimer Komödiant („Döner for One“), war letztes Jahr dabei, auf der Bühne bei Vettels Party in Heppenheim – und dieser Tage hat er erzählt, was er einmal erlebte, als ihn sein rasender Kumpel mitnahm hinter die Kulissen der Formel 1: „Ich habe Fahrer gesehen, die die Nase hoch tragen.“ Und sich für den Nabel und Schnabel der Welt halten.

Die Heppenheimer und Mannheimer sind da anders. Der Menschenschlag dort bleibt auf dem Boden und scheut den Höhenflug, er wittert die Gefahr. Auch Sepp Herberger war von dort, und nach dem WM-Wunder 1954 in Bern sagte er bei der abendlichen Siegesfeier zum Linksaußen Schäfer: „Hans, trinke Se net so viel – in acht Wochen haben wir ein schweres Spiel in Brüssel gegen Belgien.“ Sie sind damals trotzdem abgestürzt, aber das lag an einer Gelbsucht der Helden.

Heute lauern hinter jeder Ecke des Erfolgs ganz andere Süchte. Vettel hat diese Tücken gleich nach seiner Wiederholungstat erklärt. Er bedankte sich bei allen Betreuern, die ihn davor bewahrt und dafür gesorgt haben, „dass ich in der Spur und dran bleibe, mich konzentriere und mich nicht auf die Dinge einlasse, die ich nicht mehr kontrollieren kann.“

Der Held von heute wird herumgereicht auf Sponsorengeburtstagen und Partys und tanzt schnell auf den falschen Hochzeiten. Er wird plötzlich umschwärmt und umzingelt von Schmarotzern, Jasagern, Hofnarren, Speichelleckern und Schulterklopfern. Diese Einflüsterer sind gefährlicher als jeder Gegner und müssen täglich überwunden werden wie der innere Schweinehund. Vettel schafft es – sein wichtigster Platz, weiß er, ist kein Ringplatz im VIP-Bereich bei den Jahrhundertkämpfen des Boxens, sondern der in den Boxen.

Sein Hunger ist intakt. Dieser tägliche Antrieb, der es ihm ermöglicht, am Limit zu fahren. Wie heißt es? „Das Leben ist wie bei den Schlittenhunden – wenn du nicht der Führungshund bist, siehst du von der schönen Landschaft nichts.“ Vorn will Vettel sein, also gibt er Gas.

Diese Konzentration auf das Wesentliche haben wir schon bei anderen bewundert, wie Olli Kahn oder Michael Schumacher. Jetzt kommt Vettel und zeigt, dass es sogar mit weniger Verbissenheit geht. Bevor womöglich einer auf die Idee kommt, dass ein gefräßiger Nimmersatt in ihm steckt wie im siebenfachen König von Kerpen, tarnt der Baby-Schumi von Heppenheim seine deutsche Gründlichkeit mit einem betörenden Lachen. „Für Michael“, hat Schumachers Manager Willi Weber einst gesagt, „würde ich mich überfahren lassen.“ Für Vettel würden wir uns alle überfahren lassen, sogar rückwärts noch mal.

Es ist wie damals, als Boris Becker der 17-jährige Leimener war und sich jeder anständige Deutsche im Bumm-Bumm-Boris-Fieber einen Tennisball über die Anhängerkupplung stülpte. Auch Becker hat zweimal hintereinander die Welt erobert, in Wimbledon – aber plötzlich hat er auch noch die Klatschspalten erobert, seinen Schläger bei der Audienz im Vatikan zur Freude der Fotografen und von Puma dem Papst geschenkt und bei Interviews verschärft „Ähhhh“ gesagt.

Ungefähr diesem heiklen Alter nähert sich Vettel jetzt auch. Doch nichts an ihm zuckt, er lässt sich von der Hysterie des Heldenruhms nicht aus der Ruhe bringen oder die Fingernägel maniküren – vielmehr gilt das gestern gesprochene Wort seines Vaters: „Es passt schon.“

Es passt alles. Vettel ist in der Spur, sein Humor unterstützt die Gelassenheit, und diszipliniert und präzise macht er, was er „die kleinen Schritte“ zum großen Ganzen nennt, ohne Zugeständnisse. Jetzt wird ein bisschen gefeiert und dann wieder die Halsmuskulatur trainiert, damit er nicht mit der Nackenstarre am Ende der tollen Saison noch einen Streckenposten überfährt. Wir wissen nicht, zu wieviel Liegestützen und rohen Eiern sich Vettel nach dem Aufstehen immer zwingt, aber sicher ist, dass er fit ist – an Körper und Geist, Sehnen und Seele. Der perfekte Athlet?

„Es gibt Athleten und Ausnahmeathleten“, hat der beste Autofahrer der Welt am Sonnabend im ZDF erklärt, „und der Unterschied ist, was sich im Kopf abspielt.“ Danach hat Sebastian Vettel mit einem Tipp-Kick-Bällchen auf eine kleine Torwand geschossen und getroffen, unten rechts, mit links. Wer das am Vortag seines großen Rennens geschwind so lustig hinkriegt, ist in diesen ungesunden Zeiten gut dran: Da brennt einer nicht aus – sondern brennt nur.

„Wir greifen wieder an“, hat der lachende Titelverteidiger gestern ins erstbeste Mikrofon gedroht, womit er uns allen Mut macht. Während sich die Politiker und Finanzführer der Welt im Teufelskreis wie die Geisterfahrer verzetteln, weiß Vettel den Weg – zum jüngsten Dreifachweltmeister aller Zeiten.