Nationalmannschaft

Manuel Neuer ist der neue Spielmacher

Torwart Manuel Neuer gibt der deutschen Nationalmannschaft den nötigen Rückhalt. Das erklärte Ziel: Das Team um Jogi Löw will sich den EM-Titel holen.

An Schulterklopfern hat es Manuel Neuer noch nie gemangelt, vor allem nicht in den vergangenen Wochen. Er nimmt das mittlerweile meist ohne erkennbare Regung hin. Aber als Hamit Altintop ihm anerkennend auf die Schulter gehauen hatte, "sensationell, einfach sensationell" zuraunte und mit ungläubigem Kopfschütteln von dannen trottete, grinste Neuer dann doch stolz. Es war in diesem Moment wie ein Ritterschlag. Denn Altintop war nicht nur Kontrahent, er ist auch ein Freund aus gemeinsamen Tagen beim FC Schalke.

Der türkische Angreifer war der erste, der im Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft am deutschen Nationaltorwart gescheitert war. Weil sich Neuer danach auch noch als Vorbereiter hervor tat und zwei Tore beim 3:1 (1:0) in Istanbul vorbereitet hatte, wurde er zum Schrecken der Türken. "Er ist mit der beste Torwart auf dieser Welt. Er weiß es, und er bestätigt es auch immer wieder", sagte Nationalstürmer Mario Gomez.

Das deutsche Team präsentierte sich beim neunten Sieg im neunten Qualifikationsspiel in guter Verfassung, sein 25 Jahre alter Schlussmann aber setzte den Punkt unter das Ausrufezeichen.

Handball-Torwarte als Vorbild

Wie etwa in der 5. Spielminute. Altintop war allein vor Neuer aufgetaucht. Er versuchte, ihn aus zwölf Metern mit dem rechten Außenrist zu überwinden, es schien eine sichere Sache zu sein. Neuer war in die Hocke gegangen, kniete beinahe auf dem Boden - und riss dann reflexartig den rechten Arm hoch und lenkte den Ball so ins Toraus. Er erinnerte in dieser Szene wieder einmal an einen Handballtorwart, der das Unmögliche möglich machen kann.

Tatsächlich ist der Vergleich nicht weit her geholt. Denn Neuer guckt sich einiges von den Schlussmännern der Handball-Ligen ab. Vor einigen Wochen hatte er sich mal mit Nationaltorwart Johannes Bitter vom Deutschen Meister HSV Hamburg getroffen. Die Beiden plauderten entspannt und es kam heraus, dass Neuer Anleihen von Bitter und Co. nimmt. Er versuche sie zu imitieren, verriet er. Wenn ein Stürmer wie Altintop allein vor ihm auftauche, setze er alles daran, das Tor so klein wie möglich zu machen, ganz nah an ihn heran zu kommen, "damit er mich nur noch abschießen kann". Wer dann noch Reflexe wie Neuer hat, der darf sich ohne Zweifel als Gesegneter betrachten. Bitter jedenfalls zeigte sich beeindruckt vom Können des Fußball-Nationaltorwartes.

Zumal das nur eine Teildisziplin von dessen beeindruckendem Repertoire ist. Einen Gutteil der Bandbreite führte Neuer gegen die Türken vor. Seine Ruhe ist bestechend, seine Strafraumbeherrschung souverän, sein Stellungsspiel für den Gegner irritierend. Brandgefährlich aber ist er mit seinen monströsen Abwürfen. Sobald der Ball bei ihm in Sicherheit ist, wird Neuer regelmäßig zum Vorbereiter. Es scheint dann so, als habe er bereits den günstig in der gegnerischen Hälfte postierten Mitspieler im Blick, noch ehe er den Ball heruntergepflückt hat. Sichern, Lauern und Schleudern verschmelzen zu einer Aktion, kein Schlussmann von Weltformat kommt da an Neuer heran. "Das ist sein Spiel, das beherrscht Manuel wie kaum ein anderer", sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Zu bestaunen war das etwa in der 35. Minute gegen die Türkei. Neuer bekam eine Flanke in den Griff, katapultierte den Ball über rund 50 Meter zu Thomas Müller, der zu Gomez weiterleitete - 1:0 für Deutschland. "Ich habe Thomas gesagt, dass der linke Verteidiger immer sehr hoch steht. Und dass auch die Möglichkeit besteht, dass ich ihn gleich anwerfe. Ich habe ihm ein Zeichen gegeben, das war schon geplant", sagte Neuer, der diese Art von Gewaltwürfen jeden Tag beim FC Bayern im Training einstudiert. Weil er zudem ein mitspielender Torwart und recht guter Fußballer ist, landete auch in der 66. Minute sein über 60 Meter maßgenau getretener Ball bei Mario Götze, der quer auf Müller und damit zum vorentscheidenden 2:0 für Deutschland legte. Neuer macht mit seinen Aktionen das Spiel so schnell, dass die Gegner öfter mal das Nachsehen haben. "Er hat diese langen Bälle ganz bewusst gespielt. Die Türken waren dadurch entblößt", sagte der Bundestrainer.

Neuer war sein Glücksgriff. Löw hatte ihn nach der Verletzung des Leverkusener Rene Adler im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2010 zur neuen Nummer eins im deutschen Tor gekürt. Der in Gelsenkirchen-Buer geborene Bursche war schon da ein guter Torwart. Seither aber hat sich der 1,93 Meter große Mann in atemberaubendem Tempo entwickelt.

22 Millionen Ablöse für Schalke

Sein Wechsel im Sommer von Schalke zum FC Bayern hat ihn nicht im Geringsten aus dem Rhythmus gebracht. Er hat maßgeblichen Anteil daran, dass die Münchner seit elf Pflichtspielen ohne Gegentor geblieben sind und damit einen Vereinsrekord aufstellten. Seit 1018 Minuten musste Neuer nicht mehr hinter sich greifen und stellte damit sogar Bayerns Torwart Oliver Kahn in den Schatten. Schon jetzt hält er sich sechs Minuten länger als der einst als "Titan" geadelte Kahn schadlos.

Neuer sei "die Steigerung von Titan", sagte Bayerns Klubchef Karl-Heinz Rummenigge jüngst. Kahn hatte zwar die 22 Millionen Euro Ablöse, die Bayern für Neuer an Schalke überwiesen hat, als "Mondsumme" bezeichnet. Doch scheint er jeden Cent wert. 93,75 Prozent der Torschüsse hält er in der Liga, es ist ein enormer Wert. Für die Münchner ist das wie eine Titelgarantie - gut möglich, dass Neuer auch bei der EM im nächsten Jahr den Unterschied ausmacht.