EM-Qualifikation

Kleines Montenegro will großen Coup gegen England

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Patrick Krull

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Das 625.000 Einwohner zählende Montenegro kann sich erstmals für eine EM qualifizieren. Nach einem Remis in London will es den großen Favoriten schlagen.

Patriotismus kann eine starke Triebfeder sein. Wer mal bei Stevan Jovetic genau hingehört hat, der kann ermessen, warum ausgerechnet das kleine Land Montenegro in der Qualifikation zur Europameisterschaft groß auftrumpfen konnte. Der Stürmer des AC Florenz spricht von einer „extrem großen Ehre“, wenn er für sein Land auflaufen dürfe. Er sagt tatsächlich „darf“.

Er erzählt dann, wie es ihn anstachele, in jedem Spiel „alles aus mir herauszuholen, um meinem Land Ehre zu machen“. Diese von Nationalstolz entfachte Motivation hat die komplette Mannschaft des kleinen Balkanstaates erfasst und könnte sie gut und gern zur ersten Teilnahme an einem bedeutenden Turnier führen. Ohne Frage, es wäre eine Sensation.

Denn Montenegro ist ein Zwerg in der Fußballwelt. Etwas mehr als 625.000 Einwohner zählt das Land, von der Fläche her ist es etwas kleiner als Schleswig-Holstein. Doch die Größeren schützte das in der Qualifikation nicht vor dem Aufstand des Kleinen. Die ersten drei Duelle gegen Wales, Bulgarien und die Schweiz entschied der Außenseiter der Gruppe G allesamt für sich.

Beim Sieg gegen die Schweiz konnte man Zeuge werden, wie Mirko Vucinic sich beim Torjubel seiner Hose entledigte und sie über seinen Kopf stülpte. Das Bild ging um die Welt, und es war der Punkt unter dem Ausrufezeichen, das Montenegros Mannschaft gesetzt hatte.

Wales Trainer John Toshack und den Bulgaren Stanimir Stoilov kosteten Patzer gegen Montenegro die Jobs. Dann folgte auch noch ein 0:0 im Wembley-Stadion gegen England , Montenegro war Tabellenführer. Und die Welt staunte erneut.

England-Spiel seit Monaten ausverkauft

Am Freitag tritt das Team wieder gegen England an. Das Stadion in Podgorica fasst 12.000 Zuschauer, seit Monaten gibt es keine Karten mehr für die Partie. Die Briten haben sechs Punkte Vorsprung, ein Spiel mehr und benötigen folglich noch einen Punkt aus der Partie, um nicht mehr vom ersten Platz verdrängt werden zu können. Im Falle eines Sieges könnten die Montenegriner aber am 11. Oktober in der Schweiz noch den ersten Platz in Angriff nehmen.

Dem wurde zumindest im Vorfeld alles untergeordnet – und geopfert. Weil zuletzt nur ein Remis gegen Bulgarien und einen äußerst unglückliches 1:2 gegen Wales heraus sprang, wurde kurzerhand gehandelt. Nationaltrainer Zlatko Kranjcar musste gehen, sein Nachfolger Branko Brnovic übernahm den Posten. Der prophezeite England mutig „einen heißen Ritt“.

Der überraschende Rauswurf Kranjcars zeigt, wie verbissen Montenegros Fußballverband den Erfolg erzwingen will. An der Spitze steht der ehemalige Weltklassespieler Dejan Savicevic. Während seiner Zeit als Spieler wurde er „der Geniale“, genannt, als Verbandspräsident erweist er sich aber als „der Gnadenlose“. Auch beim Nachruf auf Kranjcar zeigte er wenig Mitgefühl.

„Für eine Mannschaft, die in so einer guten Position im Rennen um den Gruppensieg war, haben wir jetzt einen harten Kampf um einen Platz unter den ersten Zwei. Es ist offensichtlich, dass wir uns im freien Fall befunden haben. Die letzten Spiele haben gezeigt, dass die Mannschaft ihren Geist verloren hat. Wir mussten reagieren“, sagte der 45 Jahre alte Savicevic.

Erst seit 2007 Mitglied der Fifa

Er war einer der prominentesten Befürworter der Abspaltung Montenegros von Serbien. 2007 sorgte er dann dafür, dass Montenegro als selbstständige Fußballnation in den Weltverband Fifa und die Europäische Fußball-Union Uefa aufgenommen wurde. Savicevic war immer ein unbequemer Kerl, schon als Spieler.

Als Funktionär macht er nun ebenfalls keine Kompromisse. Denn er will allem Anschein nach unbedingt als der Präsident in die Analen eingehen, der Montenegro zum ersten Mal zu einer EM-Endrunde geführt hat. „Mein größter Wunsch ist es, dass wir uns für die Euro 2012 qualifizieren. Das wäre der größte Erfolg meiner Fußballkarriere“, sagte er.

Patriotismus behält auch bei ihm die Oberhand, denn Savicevic kann auf vermeintlich größere Erfolge als eine EM-Qualifikation zurück blicken. So hat er mit Roter Stern Belgrad den Europapokal der Landesmeister gewonnen und führte später den AC Mailand maßgeblich zum Sieg in der Champions League.

Erstaunlich ist, dass Montenegro überhaupt so imponierend im Konzert der Großen aufspielen konnte. Die Spieler kommen zumeist aus Klubs wie Spartak Nalchik, Jagiellonia Bialystok oder Greuther Fürth, wie Milorad Pekovic. Als Stars taugen nur Vucinic, der ehemalige Torjäger des AS Rom, der im Sommer zu Juventus Turin gewechselt ist.

Jovetic vom AC Florenz gehört noch dazu und auch Stefan Savic von Manchester City. Der berichtete, dass kein Spieler seines Klubs wisse, wo Montenegro auf der Landkarte zu finden sei. „Ich sehe es als meine Aufgabe an, es ihnen durch das Spiel gegen England näher zu bringen“, sagte Savic. Der patriotische Brustton war nicht zu überhören.