Vor Spiel in Istanbul

DFB sorgt sich um junge Überläufer

Dein Talent, mein Talent. Seit Jahren konkurrieren der DFB und der türkische Verband um junge Spieler mit deutsch-türkischen Wurzeln. Bei Mesut Özil hatte der DFB die Nase vorn. Ömer Toprak entschied sich aber für das türkische Nationaltrikot.

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Der Fahrservice nach Düsseldorf ist organisiert und ein Zimmer im Mannschaftshotel reserviert. Selbst mit Bundestrainer Joachim Löw hat Ilkay Gündogan bereits telefoniert und erfahren, was ihn erwartet.

Der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund ist bestens vorbereitet, wenn er am Samstagnachmittag zum Kreis der deutschen Nationalspieler stößt. Die allerdings müssen am heutigen Freitag noch in der EM-Qualifikation in Istanbul gegen die Türkei antreten (20.30 Uhr, ARD), ehe sie nach der Rückkehr mit Gündogan ein neues Teammitglied begrüßen können.

Löw möchte den gebürtigen Türken im letzten Qualifikationsspiel gegen Belgien am Dienstag einsetzen. Damit hätte der Bundestrainer einen entscheidenden Vorteil im Wettstreit mit der Türkei erzielt. Denn momentan könnte sich der in Deutschland aufgewachsene Gündogan noch für die Türkei entscheiden, obwohl er schon für verschiedene Nachwuchsteams des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im Einsatz war.

Die entsprechende Regel des Weltverbandes Fifa besagt, dass sich ein Spieler mit zwei Staatsbürgerschaften erst für ein Land festgespielt hat, wenn er ein Pflichtspiel für die A-Mannschaft bestritten hat – bis 2009 galt bereits ein Einsatz für die U-21-Auswahl eines Landes als richtungweisend.

Seit Jahren konkurrieren der DFB und der türkische Verband um junge Spieler mit deutsch-türkischen Wurzeln. Und nachdem sich Mesut Özil im Februar 2009 entschieden hat, für Deutschland zu spielen, sind die Türken nach dem Verlust des Superstars von Real Madrid dabei besonders engagiert.

Vor der Partie am Freitag in Istanbul ist die Debatte über das Werben um die Gunst der Spieler erneut entfacht. Während der DFB im Fall von Gündogan wohl der Gewinner ist, hatten die Türken im Kampf um Ömer Toprak die Nase vorn. Der Innenverteidiger von Bayer Leverkusen hat sich erst in der vergangenen Woche zum Heimatland seiner Eltern bekannt und wurde vom türkischen Nationalcoach Guus Hiddink prompt ins Aufgebot für das Spiel gegen die DFB-Elf berufen.

Entscheidung nicht leicht gemacht

Toprak sagt, dass er sich die Entscheidung nicht leicht gemacht habe: „Ich habe vom Herzen her entschieden, dass ich einfach für die Türkei spielen möchte.“ Der größte Teil seiner Familie würde noch heute im türkischen Sivas leben. Toprak, der 2008 mit Deutschland U-19-Europameister wurde, sieht seinen Schritt auch als „Zeichen, dass ich an sie denke“.

Für den 22-Jährigen liegt zwar noch keine Spielgenehmigung vor, erst vor zehn Tagen hatte er einen türkischen Pass beantragt. Die Familie habe ihm bei seiner Entscheidung aber freie Hand gelassen. Und Druck von außen hätte es auch nicht gegeben.

Dabei wird immer wieder kolportiert, dass vor allem die Türken mit besonders viel Nachdruck agieren sollen. So war es im Sommer am Rande der U17-WM zu einem Eklat gekommen, nachdem Erdal Keser im türkischen Fernsehen ausgeplaudert haben soll, dass die Türkei einige der deutschen Spieler abwerben will. Er könne die Namen nur nicht verraten, weil sie sonst Probleme bekommen würden.

Der ehemalige Bundesliga-Profi Keser (u. a. Borussia Dortmund) leitet in Köln das Europa-Büro des türkischen Verbandes und koordiniert 25 Scouts, die nach Talenten mit türkischen Wurzeln fahnden. Vor allem DFB-Sportdirektor Matthias Sammer hatte empört auf die Äußerungen Kesers reagiert und gesagt, dass „Herr Keser schon häufiger mal Blödsinn erzählt hat“.

DFB ist sensibilisiert

Dennoch sei man beim DFB sensibilisiert für das Thema um den begehrten Nachwuchs. Das betonte Sammer auch jetzt wieder: „Wir müssen uns ständig informieren und aufpassen. Wir dürfen uns bei keinem Spieler sicher sein.“

Das ist bei näherer Betrachtung der deutschen U17-Auswahl auch erforderlich: Elf der 21 Talente haben einen Migrationshintergrund. Allein acht davon haben türkische Wurzeln, darunter Emre Can, das Supertalent des FC Bayern. Mit den acht Spielern habe Keser nach eigener Auskunft gesprochen. „Und nur einer hat gesagt: ‚Herr Keser, ich möchte in dieser Angelegenheit nicht mehr von Ihnen angesprochen werden.’“ Alle anderen hätten erklärt, dass sie sich beide Optionen offenhalten wollen.

Ob es ihnen aber gelingt, sich in der deutschen A-Mannschaft zu behaupten, sollten sie sich irgendwann für sie entscheiden, bleibt abzuwarten. Denn so sehr sich der DFB auch um gute Talente mit Migrationshintergrund bemüht, eine Garantie will er ihnen nicht geben.

So ließ Bundestrainer Löw bezüglich Özil wissen, dass man dem Spieler 2009 einerseits gesagt habe, dass man ihn unbedingt wolle und langfristig mit ihm plane. „Andererseits haben wir deutlich kommuniziert, dass wir ihm nichts garantieren können und eine Entscheidung für die Türkei natürlich respektieren würden“, sagte Löw.

DFB-Präsident Theo Zwanziger erklärte im Gespräch mit „Morgenpost Online“, dass man den Spielern nichts versprechen könne. „Wir versuchen ihnen natürlich ihre Perspektiven in Deutschland aufzuzeigen. Was dann das Beste für sie ist, müssen die Spieler am Ende aber selbst entscheiden.“

Beispiel Dogan

Das hat Mustafa Dogan 1999 auch getan. Der frühere Bundesliga-Profi (u.a. 1. FC Köln) war der erste deutsche Nationalspieler mit türkischen Wurzeln. Obwohl er gegen die USA (0:2) und sogar gegen die Türkei (0:0) insgesamt nur 59 Minuten für Deutschland gespielt hat, hat er die Entscheidung nie bereut.

„Es ist mir nicht schwer gefallen, mich für Deutschland zu entschieden, da sich der türkische Verband damals um Spieler mit türkischen Vorfahren im Ausland kaum bemüht hat“, sagte Dogan „Morgenpost Online“. Mittlerweile wäre die Situation aber eine andere, vor allem auch aus sportlichen Aspekten.

Dogan: „In erster Linie geht es natürlich um das Gefühl für das jeweilige Land. Aber wenn man sich heute für so eine starke Fußballnation wie Deutschland entscheidet, muss man sich als Spieler darüber im Klaren sein, dass der Konkurrenzkampf dort hart ist.“

Umbruch unter Hiddink

Vielleicht hat sich Innenverteidiger Ömer Toprak auch deshalb für die Türkei entscheiden. Dort hat Trainer Hiddink den Umbruch eingeleitet und setzt vermehrt auf junge Spieler. Knapp die Hälfte des Kaders aus dem vergangenen EM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland im Oktober 2010 ist nicht mehr dabei. „Weil ich damals gesehen habe, dass ältere Spieler nicht mithalten konnten“, sagte Hiddink.

Neben Toprak hat er für die Partie gegen Deutschland auch die Bundesliga-Profis Mehmet Ekici (21, Werder Bremen), Gökhan Töre (19, Hamburger SV) und Tunay Torun (21, Hertha BSC) ins Aufgebot berufen. Sie alle sind der deutschen Nationalmannschaft verloren gegangen.