EM-Qualifikation

Özils besonderes Verhältnis zum Gegner Türkei

Die DFB-Beauftragte Gül Keskinler sagt: "Nationalspieler mit Migrationshintergrund wie Mesut Özil sind gelebte Beispiele erfolgreicher Integration."

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Es ist seine ureigene Art, die Dinge etwas entspannter zu sehen. Nur selten lässt sich Mesut Özil anmerken, was ihn bewegt, selbst im Vorfeld brisanter Spiele.

Was vielleicht auch ein stückweit daran liegt, dass es noch nicht zu den Stärken des sonst so genialen Mittelfeldspielers gehört, Emotionen in große Worte zu fassen. Aber wenn Kollegen in derlei Situationen aus ihrer Nervosität keinen Hehl machen, gibt sich Özil stets gelassen. Er tut jedenfalls alles dafür, dass es so wirkt.

Auch in diesen Tagen hat es den Anschein, als würde der 22-Jährige ganz normal seiner Profession nachgehen. Dabei steht ihm das emotional wohl bedeutendste Spiel seiner jungen Karriere bevor.

Denn wenn die deutsche Nationalmannschaft am Freitagabend (20.30 Uhr, ARD) im vorletzten Qualifikationsspiel zur Endrunde der Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine auswärts antreten muss, wird der Sohn türkischer Einwanderer erstmals im Deutschland-Trikot in der Türkei spielen.

„Ich freue mich auf die Partie in der Türkei. Denn es ist das Land meiner Vorfahren, und es ist ein sehr schönes Land“, sagte er im Besein seines Vaters Mustafa, als ihn „Morgenpost Online“ in der vergangenen Woche für ein Interview in Madrid traf. Özil klang nicht überschwänglich, aber seine Worte waren voller Respekt.

Anfang Februar 2009 hatte sich Özil nach einem Gespräch mit Bundestrainer Joachim Löw entschieden, für Deutschland zu spielen. Obwohl auch die Türkei um ihn geworben hatte.

Üble Beschimpfungen

Es sei keine Entscheidung „gegen meine türkischen Wurzeln“, ließ Özil damals wissen, „aber meine Familie lebt jetzt in der dritten Generation in Deutschland, und ich bin hier aufgewachsen“. Doch sein Entschluss stieß nicht nur auf Gegenliebe.

Kurz nach der Bekanntgabe musste das Gästebuch auf seiner Homepage aufgrund übler Beschimpfungen vorübergehend geschlossen werden. Mesut Özil sei, hieß es etwa, ein schlechtes Vorbild für in Deutschland lebende türkische Jugendliche.

Gül Keskinler denkt genau das Gegenteil. Die Deutsch-Türkin ist seit 2006 Integrationsbeauftragte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). „Nationalspieler mit Migrationshintergrund wie Mesut Özil sind gelebte Beispiele erfolgreicher Integration“, sagt Keskinler zu „Morgenpost Online“.

Özil habe Großes geleistet, da er als junger Mann eine über 40 Jahre andauernde Diskussion auf seinen Schultern getragen habe. Die nachfolgende Generation habe es auch ihm zu verdanken, dass sie es in Bezug auf das Miteinander jetzt viel einfacher habe.

Özil traf im Hinspiel

Keskinler, aufgewachsen in Istanbul und am Freitag auch im Stadion, ist nicht nur stolz auf Mesut Özil, sondern auch auf den großen Anteil von Nationalspielern mit Migrationshintergrund. „Vielleicht ist daran zu erkennen, dass unser Fußballsystem durchlässiger ist als andere Bereiche der Gesellschaft.“

So ist der Vater des defensiven Mittelfeldspieler Sami Khedira (ebenfalls Real Madrid) Tunesier, der Vater des Verteidigers Jerome Boateng (Bayern München) stammt aus Ghana.

Es bleibt abzuwarten, wie es Mesut Özil ergehen wird, wenn er am Freitagabend im Deutschland-Trikot in der Istanbuler T.T.-Arena aufläuft. Beim Hinspiel am 8. Oktober vergangenen Jahres in Berlin wurde er von den türkischen Anhängern, die damals unter den 74.000 Zuschauern in der Überzahl waren, bei jedem Ballkontakt ausgepfiffen.

Auf einem Plakat, das Türken im Olympiastadion aufgehängt hatten, war zu lesen: „Diese Fans könnten auch für dich jubeln.“ Özil ließ sich nicht beeindrucken. Er machte ein gutes Spiel für Deutschland und schoss beim 3:0-Erfolg das Tor zum 2:0, das er aus Respekt vor den Türken aber nicht bejubelte.

Die Partie fand damals mitten in der Integrationsdebatte statt, die Thilo Sarrazin mit seinem Besteller-Buch „Deutschland schafft sich ab“ angestoßen hatte. Mesut Özil, der nach den Stationen DJK Westfalia 04, Rot-Weiß Essen, FC Schalke 04 im Sommer vergangenen Jahres von Werder Bremen zum spanischen Rekordmeister Madrid gewechselt war, nutzte die Gelegenheit und verkündete: „Ich bin ein gutes Beispiel für gelungene Integration.“

Mesut Özil weiß um die Gefühle seiner Vorfahren. Aber es ist ja zum Glück nicht so, dass ihm die Türken ständig nur kritisch gegenüber stehen. Ganz im Gegenteil, sie feiern den verlorenen Sohn sogar gebührend – vorausgesetzt, er spielt nicht gegen sie.

Als die deutsche Nationalmannschaft, angetrieben vom zweimaligen Torschützen Özil, Anfang September 6:2 gegen Österreich gewann , überschlugen sich türkische Zeitungen im Anschluss mit Lobeshymnen. „Unser Mesut“, hieß es unter anderem, „hat Deutschland zum Sieg geführt.“

Keine guten Vorzeichen

Es wird sich zeigen, ob dem 27-maligen Nationalspieler das auch in Istanbul gegen Türken gelingt. Besonders gut sind die Vorzeichen allerdings nicht. Vor dem Flug in die Metropole am Bosporus am Mittwoch fehlte er aufgrund von Achillessehnenproblemen beim Training.

Und nach seinem vergangenen Einsatz für Real Madrid gegen Espanyol Barcelona (4:0) gab es Kritik an seiner Spielweise. Er müsse sich wieder steigern, schrieb die spanische Presse einhellig. Allerdings hatte Özil auf der ungewohnten rechten Seite gespielt, da die zentrale Position vom portugiesischen Trainer Jose Mourinho für den Brasilianer Kaka reserviert worden war. Bei Bundestrainer Joachim Löw ist sie es aber für Mesut Özil.