Ski Alpin

Maria Riesch – unantastbar statt unbekümmert

Mit einer neuen Gelassenheit geht Alpin-Star Maria Riesch in die Saison. "Ich versuche, über den Dingen zu stehen, ohne den notwendigen Ehrgeiz zu verlieren."

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Als die Berge im Westen schon immer längere Schatten in das herbstliche Mölltal warfen und der lange Pressetag der alpinen Skifahrer in Kärnten schon fast zu Ende war, da kam die Frage doch noch. Zu Lindsey Vonn, der Erzrivalin.

Maria Riesch blickte auf die Uhr, sagte, sie habe das Thema schon früher erwartet und gab dann eine vorbereitete Antwort: "Ich sage zu dem Thema nur das eine. Ich habe das für mich alles in Ruhe analysiert und sehe das so, dass da einfach zwei Welten und Mentalitäten aufeinander prallen . Ich bin ihr aber nicht mehr böse, hege keinen Groll mehr. Ich lasse das alles jetzt einfach auf mich zukommen." Punkt.

Kühl klang das und abgeklärt. Sogar bei diesem höchst emotionalen Thema, das sie im Frühjahr noch schwer beschäftigt hatte. Jahrelang als engste Freundin war die Amerikanerin Vonn in Garmisch Stammgast, wenn im Hause Riesch Heiligabend die Kerzen brannten.

Im März brannte zwischen beiden dann die Lunte, nach Rieschs Triumph im Gesamtweltcup machte Vonn auf schlechte Verliererin , verweigerte den Glückwunsch und zog beleidigt davon. Es war Deutschlands bester Skifahrerin damals anzumerken, wie das an ihr nagte. Heute hat sie das längst verdaut. Bezeichnend für das neue Selbstbewusstsein, das neue Ego des alpinen Superstars mit Namen Riesch. Höfl-Riesch .

Saisonstart am 22. Oktober

Wenn am 22. Oktober mit dem Riesenslalom in Sölden/Österreich die Weltcupsaison beginnt, startet die 26-Jährige erstmals unter ihrem neuen Doppelnamen – nach der Heirat mit Marcus Höfl im April. Eine Beziehung, die mit ein wesentlicher Grund ist für Rieschs neues Auftreten.

Höfl, schon lange Jahre Berater von Franz Beckenbauer, Boris Becker, Franziska van Almsick, weiß genau, wie sich ein Promi in der Öffentlichkeit geben, was und wie er etwas sagen sollte – und was und wie nicht. So spricht auch Ehefrau Maria mittlerweile professionell, geschliffen und wohl formuliert. Unantastbar statt wie einst unbekümmert. Ein Sprechen aus dem Kopf, nicht mehr aus dem Bauch.

Natürlich, gerade auch den sportlichen Erfolgen hat Riesch ihre Souveränität zu verdanken. Sie raste jahrelang einem großen Titel hinterher, scheiterte entweder an Verletzungen oder den Nerven. Dann räumte sie in drei Wintern alles ab: WM-Titel 2009, zweimal Olympiagold 2010, Gesamtweltcup 2011. Was will sie da noch beweisen müssen und wem.

„Ich versuche inzwischen, über den Dingen zu stehen“, sagt sie, „die Dinge mit mehr Gelassenheit zu sehen, ohne natürlich den notwendigen Ehrgeiz zu verlieren.“ Die Gelassenheit scheint in jedem Fall wichtiger als die Verbissenheit, auch im Hinblick auf das Karriereende, das absehbar wird.

Nach 20 Siegen in 258 Weltcuprennen, nach zehn Jahren in der Weltspitze und zwei Kreuzbandrissen wird der Körper müde. „Das zehrt ganz schön“, sagt sie, „als am Anfang meiner Karriere die Martina Ertl immer meinte, dass es langsam zäh wird bei ihr, habe ich mir nie vorstellen können, was sie meint. Jetzt weiß ich es.“

Die restlichen Jahre sind überschaubar, Olympia 2018 ist kein Thema, was nicht an Münchens Bewerbungsschlappe und dem Zuschlag für Pyeongchang lag, bis dahin wäre es so oder so nicht gegangen. Olympia 2014, „vielleicht auch ein Jahr länger“, sagt sie, „aber wer weiß schon, was passiert“.

2015 wäre ja was. Da werden die Weltmeisterschaften in Vail/Colorado ausgetragen, Heimspiel für Lindsey Vonn. Wäre medial ein schönes Thema, ausgerechnet dort der Widersacherin ein letztes Mal Titel wegzuschnappen und dann zurückzutreten.

Riesch selbst treiben solche Gedanken eher nicht um. Rachegefühle, Revanchegelüste, das wäre ihr viel zu kleinkariert. Eine wie Vonn tut Maria Riesch nicht mehr weh, eine wie Vonn tut ihr auch nicht leid. Jemand wie Vonn ist Riesch ganz einfach egal.

Allein Weihnachten feiern ist auch wunderbar. Muss sich eine eben verabschieden von alten Gewohnheiten, und verabschieden darf sich Maria Riesch auch vom „Stehaufmadl“. So hatte sie sich selbst oft genannt, sie meinte damit, dass sie nach Rückschlägen wie Verletzungen oder Misserfolgen immer wieder aufsteht und zurückkommt. Wer über den Dingen steht, der liegt nicht mehr am Boden. Den wirft erst gar nichts mehr um.