Volleyball

Deutsche Frauen lassen es nach EM-Silber krachen

Im ersten Moment flossen nach dem größten gesamtdeutschen Volleyball-Erfolg die Tränen, doch dann war EM-Silber für die Schmetterlinge doch Gold wert.

Zunächst tanzten Angelina Grün und Co zur Musik einer Blaskapelle gemeinsam mit den gefeierten Europameisterinnen aus Serbien durch die tobende Halle, dann wurde bis nachts um vier im River-Nachtklub von Belgrad gefeiert. Zuvor war der Versuch gescheitert, den italienischen Erfolgstrainer Giovanni Guidetti mit einer Haar-Blondierung endgültig einzudeutschen.

„Wenn jetzt einige meinen, dass die Final-Niederlage eine Katastrophe ist, liegen sie völlig falsch. Der zweite Platz ist doch Wahnsinn bei der Konkurrenz. Das ist die beste Leistung einer gesamtdeutschen Mannschaft“, sagte Verbandschef Werner von Moltke der Nachrichtenagentur dapd.

Natürlich wäre er gern mit dem dritten EM-Titel für eine deutsche Volleyball-Mannschaft im Gepäck nach Hause gefahren – zuvor hatte die DDR 1983 und 1987 zweimal Gold gewonnen – doch dafür fehlte dann nach einem überragenden Turnier mit fünf Siegen (darunter einem 3:1 gegen Serbien in der Vorrunde) doch das letzte Quäntchen Courage für die ganz große Sensation.

Mit 2:1-Sätzen führte das deutsche Team im Finale gegen die Gastgeberinnen schon, 6:0 und später 18:15 im vierten Satz, doch dann machten die von 8500 fanatischen Fans und dem Tennis-Weltranglistenersten Novak Djokovic angefeuerten Serbinnen neun Punkte in Folge. Es war die Wende in einem dramatischen Spiel, das auch im Tiebreak ein dramatisches Ende fand.

Anne Matthes rutschte beim Aufschlag aus, traf den Ball nicht. Serbien war Europameister, und Matthes brach schluchzend zusammen. „Natürlich wäre es zu schön gewesen, Gold zu gewinnen. Wir haben es vielleicht zu viel gewollt. Aber übermorgen werden wir sehr, sehr stolz sein“, sagte Angelina Grün.

Die 31-Jährige war neben Giovanni Guidetti sicher die wichtigste Figur bei dem nach zweimal EM-Bronze in der gesamtdeutschen Volleyball-Geschichte historischen Erfolg. Nach dreieinhalb Jahren Pause und einem Ausflug zum Beachvolleyball feierte die einst beste deutsche Schmetterkünstlerin nicht nur wegen ihrer Auszeichnung zur besten Annahmespielerin ein überragendes Comeback im Nationalteam.

Sie war nicht wie früher der Superstar, sondern Teil einer grandios funktionierenden Truppe, in der auch Spielführerin Margareta Kozuch (beste Angreiferin der EM) und Christiane Fürst (beste Blockspielerin der EM) herausragten. „Wir kennen uns fast alle seit 2006 und sind als Frauen und Team gereift. Wir sind Freundinnen, so was gibt's sonst nie“, sagte Corinna Ssuschke-Voigt.

Durch den Teamspirit wurden Triumphe wie das fast unglaubliche 3:0 im Halbfinale gegen Titelverteidiger Italien möglich. „Ich fühle mich geehrt, Trainer dieses Teams zu sein“, sagte Chefcoach Guidetti: „Silbermedaille und die World-Cup-Teilnahme – das ist alles wie ein großer Traum.“

Neben der silbernen EM-Plakette sicherte sich das deutsche Team nämlich auch die Teilnahme am ersten Olympia-Qulkaifikationsturnier vom 4. bis 18. November in Japan. Dort kämpfen zwölf Mannschaften um drei Tickets für London 2012, und qualifizieren sich die Schmetterlinge dort noch nicht, werden sie aller Voraussicht nach noch zwei weitere Chancen haben, sich für die Sommerspiele zu qualifizieren.

Das deutsche Volleyball könnte also bei Olympia die Gelegenheit bekommen, sich aus dem Schatten der dort nicht vertretenen Basketballer oder Fußballerinnen zu spielen. Und die Schmetterlinge haben mit Silber ihre Chance genutzt, den bei der EM auf den vorletzten Platz gelandeten Männern zu zeigen, wer wirklich das starke Geschlecht ist. „Das war die richtige Antwort auf die Männer. Die Mädels haben Schwung, Wollen, Willen, Teamgeist und Euphorie gezeigt“, sagte von Moltke und zahlte die Zeche für die Silberfeier: „Ich werde einen Brief an das Männer-Nationalteam schreiben, dass sie davon etwas mitnehmen.“