Aus in Runde 1

Reifenplatzer stoppt Vettels Rekordjagd

Pech in in Abu Dhabi: Doppelweltmeister Sebastian Vettel scheidet beim Sieg des Briten Lewis Hamilton schon in der ersten Runde aus. Nun kann er Schumachers Siegrekord nicht mehr einstellen.

Es dauerte fast zwei Stunden, dann fand Sebastian Vettel endlich ein paar Worte. Zwischendurch sah man ihn so verzweifelt wie seit über einem Jahr nicht mehr, als in Korea der Motor in seinem Red Bull platzte. Dazwischen lagen 385 Tage und 19 Rennen. Jetzt also Abu Dhabi 2011: Vettel in der Garage mit halb geöffneten Visier auf sein Lenkrad schlagend, mit rundem Rücken vor einem Datenmonitor kauernd, sich buchstäblich die Haare raufend. Sogar dem meist unterkühlt wirkenden Bernie Ecclestone, Chefvermarkter der Formel 1, schienen die Posen des Weltmeisters unter die Haut zu gehen. Er begab sich zum Champion, flüsterte ihm etwas ins Ohr und tätschelte dem deutschen Starfahrer den Rennoverall. Vor einem Jahr wurde Vettel am Persischen Golf zum Champion gekürt, am Sonntag musste er nach einer Runde seinen Red Bull in der Box abstellen.

Vettel und sein Rennstall machten ein Staatsgeheimnis aus der Ursache für den Defekt, der den Weltmeister aus der zweiten Kurve nach Rennstart katapultiert hatte. RTL-Experte Niki Lauda recherchierte im Motorhome von Red Bull wenig Erbauliches: Ihm ist „halt das Rad eingegangen“. Vor der Fernsehkamera sagte Vettel schon wieder etwas entspannter: „Viel mehr als das, was man sieht, wissen wir auch nicht.“ Er versuchte vergeblich, seinen Wagen noch bis zum nächsten Reifenwechsel zu retten, aber selbst eine Schleichfahrt war nicht schonend genug. „Es ist ein bisschen schwer, sich den Reifen anzuschauen, weil der überall verteilt ist. Auf der Hälfte der Strecke ist er auseinandergerissen, und die Aufhängung hat es zerlegt. “ Auch die Mechaniker konnten nichts mehr für den Red Bull tun.

Es herrschte Grabesstimmung im Weltmeisterteam, dabei war ein Ausfall für Vettel selten verschmerzbarer als gestern. Seit dem Japan-Grand-Prix in Suzuka steht er schließlich schon als Weltmeister des Jahres fest, einen Rennen später fiel die Entscheidung bei den Konstrukteuren zugunsten des österreichischen Teams.

War es nur der ungestillte Wissensdurst darüber, was da genau schiefgelaufen war im Hause des Reifenlieferanten Pirelli oder doch im eigenen Team? War tatsächlich nur der Reifen geplatzt oder die Felge gebrochen? Oder dachte er an die fehlenden Kilometer für die Vorbereitung auf die kommende Saison? Oder wurmte ihn doch, dass er die Jagd nach Schumachers Rekorden nun doch vorerst einstellen muss, nachdem er am Sonnabend den Rekord mit den meisten Polepositionen in einem Jahr (14) von Nigel Mansell eingestellt hatte? Jedenfalls bleibt die Marke von 13 Siegen des Rekordweltmeisters in einer Saison nach diesem Ausfall für Vettel unerreichbar. Die beste Saison der Formel-1-Geschichte – auch von Schumacher – wird Vettel ebenfalls nicht mehr überbieten können. Der Rekordweltmeister hatte 2002 satte 84,71 Prozent der möglichen Punkte eingefahren, Vettel könnte es mit einem Sieg beim Saisonfinale in Sao Paulo jetzt nur noch auf 84,0 Prozent bringen.

Einer wie Vettel möchte immer gewinnen. „So etwas ärgert einen schon“, grummelte er. „Das Auto war schnell genug, um vorn mitzufahren.“ 2009 gewann Vettel in Abu Dhabi zum ersten Mal, 2010 wurde er zum Weltmeister gekrönt. „Es ist eine Ironie, dass es ausgerechnet hier passiert“, entfuhr es Teamchef Christian Horner. Immerhin gewann sein Pilot neue Eindrücke beim Gastauftritt am Kommandostand. „Ich wollte eigentlich nur fünf Runden bleiben. Es war aber für mich interessant, weil ich mal einen Einblick von außen in die Strategie des Teams hatte.“ Vettel Teamkollege Mark Webber wurde immerhin Vierter. Die sonst zu Statisten degradierten Konkurrenten konnten aus der ungewohnten Konstellation im Wüstenstaat Kapital schlagen. Den Sieg holte sich Lewis Hamilton im McLaren vor Ferrari-Mann Fernando Alonso und Jenson Button im zweiten McLaren.

Rosberg diesmal bester Deutscher

Für Hamilton war der Sieg nach schweren Wochen, in denen er unter anderem nach der Trennung von Freundin Nicole Scherzinger mehrfach von einer Lebenskrise gesprochen hatte, Balsam auf die Seele. „Das ist ein fantastischer Tag“, sagte er strahlend: „Das war eines der besten Rennen meines Lebens.“ Die anderen deutschen Piloten schlugen sich im Mittelfeld ordentlich. Michael Schumacher, sein Mercedes-Teamkollege Nico Rosberg und Force-India-Fahrer Adrian Sutil lieferten sich einen Dreikampf um einen Platz hinter den Toppiloten. „Ich hatte ein gutes Duell mit Michael“, sagte Rosberg: „Ich bin sehr zufrieden mit dem Rennen, wir haben einen Schritt nach vorne gemacht.“

Nachdem Sutil, der noch immer um ein Cockpit bei seinem Team im nächsten Jahr zittern muss, Schumacher durch einen taktisch geschickt gezirkelten Boxenstopp passiert hatte, holte sich der siebenmalige Champion beim letzten Reifenwechsel seine Position von Sutil zurück. Am Ende wurde der 42-Jährige Siebter, Sutil kam als Achter ins Ziel. Bester Deutscher im vorletzten Saisonrennen war Nico Rosberg, der wenige Tage nach seiner Vertragsverlängerung Platz sechs belegte. Timo Glock kam im Virgin auf den 19. Platz.