50. Geburtstag

10,0 – Nadia Comaneci, die Traumfrau des Turnens

Eine 10,0 zu turnen, hielten die Funktionäre bis 1976 nicht für möglich. Bis die Rumänin Nadia Comaneci es in Montreal der ganzen Welt zeigte.

Zu den 100 wichtigsten Frauen des 20. Jahrhunderts wurde Nadia Comaneci in den USA gewählt. Dabei ist die Frau, die als Turnerin zur Legende wurde, gebürtige Rumänin. 1989 floh die fünfmalige Olympiasiegerin aus ihrem Heimatland, sieben Jahre später heiratete sie den früheren US-Turner Bart Conner, Olympiasieger 1984. Mit ihm betreibt Comaneci, die sich um viele soziale Projekte kümmert, eine Turnakademie in Oklahoma. Die beiden haben zusammen einen Sohn, Dylan Paul (5).

Morgenpost Online: Frau Comaneci, Stufenbarren, Schwebebalken oder Sprungpferd – an welches Turngerät gehen Sie denn in Ihrem Alter noch?

Nadia Comaneci: An keines, schon längst nicht mehr. In den 90er-Jahren, nach meiner Karriere, da habe ich noch Showwettkämpfe gemacht, danach war’s das. Ich mache jetzt Fitness im Studio, Ausdauertraining, viel auf dem Fahrrad. Aber turnen? Nein, das ist vorbei. Ich bin ja keine 14 mehr.

Morgenpost Online: Nein, sind Sie nicht, diesen Samstag werden Sie 50. Mehr als 35 Jahre nach Ihrem Triumph von Montreal. 1976, da liegen ja nicht nur Ewigkeiten dazwischen, sondern ganze Welten.

Comaneci: Wenn ich sehe, was sich auf unserem Planeten und allein in meiner Heimat alles getan hat – absolut, da gebe ich Ihnen recht. Für mich selbst scheint das gar nicht so lange her. Fragen Sie mich mal nach dem September 1987 oder dem Dezember 1993, dazu könnte ich Ihnen nichts mehr sagen. Aber der Juli 1976 ist unvergessen. Im Leben eines Menschen gibt es nur wenige Dinge, die so herausragen, dass er jeden Tag daran denkt. Für mich war es Montreal. Das ist so präsent, ich kann mich da noch an fast alles erinnern.

Morgenpost Online: Vermutlich auch an die Anzeigetafel, wo die 10,0, die Sie geturnt hatten, gar nicht draufpasste. Stattdessen leuchtete behelfsmäßig eine 1,00 auf.

Comaneci: Sie werden lachen, ich habe erst vor wenigen Wochen den damaligen Chef der zuständigen Firma getroffen, die die Leuchttafeln 1976 herstellte. Er sagte mir, er habe schon Monate vor den Spielen dem internationalen Turnverband Modelle mit zwei Stellen vor dem Komma angeboten, damit auch eine 10,0 Platz hat. Aber die hatten gesagt, es würde eh keinem Menschen je gelingen, eine Zehn zu turnen, das bräuchten sie nicht. Nach Montreal habe er dann immer vor Wettkämpfen den Veranstalter gefragt, ob die Comaneci auch dabei sei, weil sie dann die größere Tafel bräuchten. Das war eine lustige Begegnung.

Morgenpost Online: Sicher lustiger als bei Ihnen in der Kindheit.

Comaneci: Was meinen Sie?

Morgenpost Online: Nun, bei den Trainings- und Erziehungsmethoden in sozialistischen Sportkaderschmieden – gerade im Turnen – ging es bekanntermaßen ja nicht zimperlich zu.

Comaneci: Ach, mir hat das Spaß gemacht.

Morgenpost Online: Spaß?

Comaneci: Ja. Ich wollte immer schon turnen, deswegen habe ich den Sport ja gewählt. Und weil es mir Spaß machte und ich Talent hatte, wollte ich unbedingt weiterkommen und Karriere machen. Ich hatte den großen Traum, ganz nach oben zu kommen. Und um das zu erreichen, begriff ich schnell, dass ich mehr tun musste. Dass mein bisheriger Aufwand nicht mehr genügte. Ich habe mich nie darüber beklagt. Ich weiß, dass viele Leute sagen, junge Mädchen sollten nicht so hart trainieren. Aber ohne harte Arbeit gewinnst du gar nichts.

Morgenpost Online: Sie hatten nie das Gefühl, durch die harte Arbeit Ihrer Kindheit beraubt worden zu sein?

Comaneci: Nein, nie.

Morgenpost Online: Sie beendeten die Karriere 1981. Da waren Sie 20 – und plötzlich nicht mehr Heldin der sozialistischen Arbeit, als die Rumänien Sie 1976 empfangen hatte. Sie standen unter Dauerbewachung und durften das Land nicht mehr verlassen.

Comaneci: Ich war eine Gefangene, aber wir waren ja alle Gefangene, das ganze Volk. Ich war ein Teil dieses Volkes, und jeder musste einfach sehen, wie er durchkommt. Das alles war ein Fluss, ein Strom, mit dem jeder mitzuschwimmen hatte. Dass wir alle observiert wurden, war Alltag, wir mussten uns arrangieren damit, was blieb uns denn anderes übrig? An eine Revolution, wie sie dann 1989 kam, hatte ich nie gedacht, das konnte ich mir gar nicht vorstellen.

Morgenpost Online: Und wohl auch nicht, dass Sie Ende November 1989, kurz vor dem Umsturz, noch mit Hilfe eines Schmugglers mit weiteren Landsleuten aus dem Land flüchteten. Nachts, durch verschneite Wälder, über halbgefrorene Seen und die ungarische Grenze, dann weiter nach Österreich. Hatten Sie keine Angst?

Comaneci: Mit einem Reisepass wäre alles viel einfacher gewesen, nicht wahr? Aber den hatte ich eben nicht. Es gibt einfach Dinge, die sind schwer zu erklären. Nein, Angst gab es nicht. Es ging für mich einfach darum zu überleben. Ich wollte weg, ich musste weg. Ich habe das nie hinterfragt, ich habe bis heute noch keine Erklärung dafür, und ich will auch keine. Es war eine Intuition, ein Instinkt, dem ich gefolgt bin. Es ist einfach so geschehen, und es war gut, und es war richtig. Ja, es war Intuition. Und dann war ich plötzlich im Westen.

Morgenpost Online: Im Westen gibt es viele Menschen, die wissen noch genau, wo sie waren, als Kennedy ermordet wurde oder die Twin Towers einstürzten. Wo waren Sie, als Staatspräsident Nicolae Ceausescu starb?

Comaneci: Das war kurz nach meiner Ankunft in den USA, ich kann mich gut an die Bilder des toten Ceausescu im Fernsehen erinnern, aber nicht mehr genau, wo ich das sah. Ich hatte so viel mit mir selbst zu tun. Ich war ein Asylbewerber, dann kam die ganze Prozedur mit der Einwanderung dazu, das ist immens schwer in den USA, und wenn du halbwegs berühmt bist, dann noch umso mehr. Aber mein Glück war, dass ich durch meine vielen Reisen und Tourneen während meiner Karriere schon viele Leute kannte und einige Anlaufstellen hatte.

Morgenpost Online: Was war denn die größte Umstellung vom Leben im alten Rumänien zu dem in der neuen Welt?

Comaneci: Das war ein ganz anderes Leben. Wie ich schon sagte, in Rumänien haben wir ja nur geschaut, dass wir einigermaßen leben und überleben. Jeder wurde beobachtet, jeder wurde überwacht. Und keiner konnte, keiner durfte eine Entscheidung fällen, alles war vorgegeben. Und plötzlich war ich in Amerika und musste auf einmal selbst entscheiden. Das war wirklich sehr hart, das Entscheiden musste ich erst lernen, und ich denke, ich lerne es immer noch. Ich kannte das nicht, so viele Möglichkeiten zu haben, in welchem Bereich auch immer. Es gab keine Alternativen, zwischen denen wir wählen konnten. Und die gab es hier auf einmal. Wundervoll, aber sehr schwer, sich daran zu gewöhnen.

Morgenpost Online: Es dauerte lange, bis Sie erstmals nach Rumänien zurückkehrten.

Comaneci: Ja, 1994 war das. Fünf Jahre danach.

Morgenpost Online: Waren Sie dann wieder versöhnt mit der Heimat, wo viele Gerüchte über Sie aufgekommen waren? Über einen Selbstmordversuch, eine Affäre mit Ceausescu bis hin zu der bizarren Geschichte, er habe Ihre Fingernägel abschneiden lassen, weil Sie seine sexuellen Praktiken nicht mitmachten?

Comaneci: Dazu habe ich schon vor vielen Jahren Stellung bezogen.

Morgenpost Online: Das ist richtig.

Comaneci: Und, haben Sie die Antworten gelesen?

Morgenpost Online: Natürlich. Sie haben gesagt, dass das nichts davon stimmt.

Comaneci: Sehen Sie! Was wollen Sie da jetzt von mir hören?

Morgenpost Online: Eben, ob es an den Gerüchten lag, dass Sie so lange von zu Hause weg blieben, und Sie dann wieder Ihren Frieden schlossen mit Rumänien.

Comaneci: Ich musste mich nicht versöhnen mit meiner Heimat, denn diese Gerüchte kamen ja nicht nur in Rumänien auf, die gab es dann ja weltweit. Ich habe es nie verstanden. Aber offensichtlich verkaufen sich Gerüchte sehr gut, weil es viele Menschen gibt, die an solchem Geschwätz interessiert sind. Manchmal treibt das so bizarre Blüten, dass es nur noch lächerlich ist. Erst kürzlich wurde ich gefragt, wie lange die Scheidung von meinem ersten Mann in Rumänien denn nur her sei. Dabei war ich vor meiner Ehe mit Bart doch gar nicht verheiratet. Das müsste ich doch wissen. Und selbst wenn es meine dritte, fünfte oder 27. Ehe ist – wen geht es etwas an? Keinen. Nur üble Gerüchte sind das.

Morgenpost Online: Fakt hingegen ist, dass Sie mit 44 Jahren ihren Sohn zur Welt brachten. Es gibt wohl kaum eine Olympiasiegerin, bei der zwischen erstem Gold und erstem Kind 30 Jahre lagen.

Comaneci: Das mag sein. Ich habe mir aber nie Gedanken gemacht, ob ich zu alt sein könnte, um Mutter zu werden. Ich weiß nur, dass Dylan meine größte Leistung ist. Ja, mit Montreal habe ich Geschichte geschrieben für die Bücher, aber bei einem Baby geht es nicht um Bücher, bei einem Baby geht es um Liebe und Wärme und darum, diesen kleinen Menschen zu beschützen. Und es kommt auch nicht als Buch auf die Welt, aus dem du lesen kannst, wie es funktioniert. Bei einem Baby, einem Kind, lernst du selbst so viel dazu, jeden Tag. Sich darauf einzulassen, Geduld mitzubringen und ihm die essenziellen Grundwerte des Lebens und des Respekts für die Mitmenschen zu vermitteln. Abgesehen davon hält es sehr jung.

Morgenpost Online: Jetzt sind wir ja schon wieder beim Alter.

Comaneci: Vergangene Woche habe ich Peggy Fleming getroffen, die Olympiasiegerin im Eiskunstlauf 1968. Ich sagte zu ihr: „Wow, wie machst du das, du bist 63 und siehst immer noch so gut aus?“ Da sagte sie im Scherz, das käme vom Eiskunstlauf, von der Kälte her sei sie besser konserviert. Bei mir ist es so, dass ich mit 20 dachte: Mit 40 bist du alt. Und jetzt werde ich 50 und fühle mich immer noch jung. Ich frage mich nur: Wann geht es wirklich abwärts?

Morgenpost Online: Lassen Sie sich Zeit!

Comaneci: Ich bemühe mich.