EM-Play-off

Kroatien will das Türkei-Trauma überwinden

In den Play-off-Spielen zur Euro 2012 wollen Kroatien und Bosnien offene Rechnungen begleichen. Montenegro und Estland träumen von der Sensation.

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Von 2016 an werden 24 Mannschaften an der EM teilnehmen. Die Qualifikation für die Kontinentalmeisterschaft wird dann in etwa so spannend sein, wie es eine erste DFB-Pokal-Runde im Gruppenformat wäre. Vor diesem Hintergrund gilt es, die Play-off-Duelle um die letzten vier der noch 16 Startplätze am Freitag und am Dienstag also besonders zu genießen. Passend zu den Ausrichterländern Polen und Ukraine sind dabei besonders viele osteuropäische Nationen vertreten.

Bosnien-Herzegowina vs. Portugal

Als ob es das geschundene Bosnien im Leben nicht schon hart genug hätte, verfolgt es auch noch das Lospech im Fußball. Wie schon im Play-off zur WM 2010 bekam es den nominell stärksten Rivalen zugelost: Portugal. Damals verpassten Dzeko, Ibisevic und Co. ihre erste Turnierteilnahme (0:1, 0:1), nun aber gibt es Hoffnung – dank Portugal. Zum Hinspiel in Zenica (20.00 Uhr) kommt ein Team, das zuletzt beim 1:2 in Dänemark fast wehrlos die Direktqualifikation verspielte und mal wieder unter Eitelkeiten leidet. Nach Ricardo Carvalho trat nun auch Verteidigerkollege Bosingwa beleidigt zurück – nicht ohne der Nation eine wenig erbauliche Botschaft zu hinterlassen. Auswahltrainer Bento sei „weder mental noch emotional in der Lage, eine Gruppe von Männern anzuführen“.

Türkei vs. Kroatien

Historisch gesehen die brisanteste Partie. Ohne in das Zeitalter der Balkan-Kriege zurück- und auf die katholisch-islamische Frontlinie einzugehen, reicht die Erinnerung an 2008, als die Türkei im EM-Viertelfinale per Elfmeterschießen obsiegte. Es war dramatisch, denn Kroatien war in der 119. Minute in Führung gegangen, nur um in der Nachspielzeit der Verlängerung den Ausgleich zu kassieren. Ein Trauma für die Kroaten, denn sie waren hoch favorisiert gewesen.

„Wir haben drei Jahre von der Revanche geträumt“, sagt Nationaltrainer Slaven Bilic vor dem Hinspiel in Istanbul (20.05 Uhr). Zweifelsohne werden beide Teams mit heißem Herzen agieren, fußballerisch jedoch haben sie sich eher zurück entwickelt. Beide verpassten die WM 2010, bei den Türken hat es seither auch der vermeintliche Magier Guus Hiddink nicht wirklich richten können, und in Kroatien steht Bilic – Rockmusiker, Seitenlinienraucher und insgesamt die lässigste Gestalt der vorigen EM – inzwischen hart in der Kritik.

Tschechien vs. Montenegro

„Halten Sie mich nicht für vermessen, aber die Chancen stehen bei 50:50“, sagt Branko Brnovic, Montenegros Trainer. Der Mann hat Recht. Montenegro ist zwar das jüngste Land Europas (seit 2006) und auch das kleinste, das es in einer Qualifikation je so weit gebracht hat. Unter den 625.000 Einwohnern befinden sich jedoch einige hochbegabte Spieler wie die Stürmer Mirko Vucinic (Juventus) und Stevan Jovetic (Florenz). Da außerdem die Tschechen derzeit nicht gerade ihre beste Generation erleben, spürt Montenegro vor dem Hinspiel in Prag (20.15 Uhr) den Wind der Geschichte. „Ich weiß nicht, ob wir noch einmal so nah dran kommen“, sagt Vucinic. „Für uns heißt es: jetzt oder nie.“

Estland vs. Irland

Ist schon Montenegro erstaunlich, so handelt es sich bei Estland um eine Sensation. Zwar hat das baltische Land doppelt so viele Einwohner, aber keinen einzigen Spieler in einer der fünf großen Ligen Europas. Die heimische Meisterklasse ist mit einem Zuschauerschnitt von 188 (2009/10) die am schlechtesten besuchte Europas, in das Nationalstadion von Tallinn passen 10.000 Fans. Zum Gastspiel von Irland am Freitag (20.45 Uhr) ist es allerdings ausverkauft, und nach Siegen in Serbien, Slowenien und Nordirland sprießen die Träume. Rekordnationalspieler und Torwarttrainer Mart Poom, einst dritter Keeper bei Arsenal, sagt: „Früher haben wir versucht, das Ergebnis im Rahmen zu halten. Jetzt gehen wir raus, um zu gewinnen.“

Das befürchtet auch Giovanni Trapattoni, der Nationaltrainer Irlands hat nur das Problem, dass das angesichts des günstigen Loses keiner hören will. Um die Konzentration der gefühlsmäßig bereits qualifizierten Iren zu gewinnen, wählte der 72-Jährige ein Gleichnis: „Sei vorsichtig vor der Katze. Sag’ nicht, dass du die Katze im Sack hast, wenn du die Katze nicht im Sack hast.“