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Ist die Ukraine bereit für das große EM-Spektakel?

Beim Länderspiel gegen Deutschland am Freitag gibt Mitausrichter Ukraine einen Vorgeschmack auf die Europameisterschaft im Sommer 2012.

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Zwei Jahre lang war der Rasen für viel Geld im Ausland gezüchtet worden, ehe er im September im neuen Olympiastadion von Kiew verlegt wurde. Seither wird er unter strenger Aufsicht eines eigens engagierten Greenkeepers gehegt und gepflegt. Denn die Spielfläche soll bei der Europameisterschaft im kommenden Jahr im besten Zustand sein – vorausgesetzt sie übersteht den traditionell harten Winter in der Ukraine.

Schon am Freitag wird das Grün aber einem ersten Härtetest unterzogen. Am Abend tritt Deutschland gegen die Ukraine an (20.45 Uhr, ARD). Nach dem Test gegen Polen Anfang September in Danzig ist es für das Team von Bundestrainer Joachim Löw der zweite Auftritt binnen weniger Wochen in einem der beiden Länder, die die Fußball-Europameisterschaft 2012 ausrichten.

Die deutsche Elf wird in einem Stadion spielen, das eigens für die EM umgebaut wurde und alle modernen Ansprüche erfüllt. Auch die Arenen in den anderen Spielorten der Ukraine (Lwiw, Charkow und Donezk) überzeugen mit höchster Qualität, selbst wenn es hier und da noch Feinarbeiten gibt.

Bislang aber sind es nur die Stadien, die für gute Nachrichten aus der ehemaligen Sowjetrepublik sorgen. Denn ansonsten gibt es in der Ukraine bis zum Turnierstart am 7. Juni 2012 noch viel zu tun. Im Gegensatz zum Nachbarn Polen, der etwa im Hinblick auf die Infrastruktur viel weiter ist – und offenbar auch verschont wird von einem Problem, das erst in dieser Woche wieder für Aufsehen gesorgt hat. Schon seit zwei Jahren sind die Organisatoren in der Ukraine darum bemüht, die Straßen von streunenden Hunden zu befreien.

Bis zu 15.000 dieser Tiere leben teilweise in den großen Städten wie Kiew oder Lwiw, und einige von ihnen greifen in aggressiven Rudeln immer wieder Passanten an. Nun drangen Bilder und Berichte an die Öffentlichkeit, wonach die Hunde nicht eingefangen und kastriert, sondern vergiftet und verbrannt werden. Der europäische Fußballverband Uefa distanzierte sich von dieser Maßnahme, bat aber um Lösungsvorschläge, die Situation zu verbessern. Es ist ein Kampf gegen die Zeit – wie auch bei der Fertigstellung der Flughäfen.

In Lwiw zum Beispiel herrscht derzeit noch jeden Dienstag Flugverbot, weil dann an einem neuen Rollfeld gearbeitet wird. Kräne, Bagger und Planierfahrzeuge säumen derzeit auch viele Straßen im Land. Wer dieser Tage vom Flughafen Kiew in die Innenstadt will, braucht teilweise mit dem Auto eine Stunde. Das soll sich dank der Fertigstellung einer Schnellstraße bis zum EM-Start ändern. Wie auch die Beschilderung in den Zentren, die bislang nur denen helfen, die die kyrillische Schrift lesen können.

Das größte Problem aber wird die Unterbringung der Gäste. Mit bis zu 600.000 Besuchern wird während des Turniers in der Ukraine gerechnet. Doch selbst mit den rund 30 Hotels, die jetzt noch landesweit gebaut werden, wird es nicht reichen, alle Fußballtouristen komfortabel unterzubringen. Dr. Hans-Jürgen Heimsoeth, der deutsche Botschafter in der Ukraine, sagte „Morgenpost Online“: „Ich bin sicher, dass die Ukrainer mit ihrer Gastfreundschaft Wege finden werden, all jene unterzubringen, die kommen und vielleicht auch bereit sind, hier und da auf Komfort zu verzichten. Die Ukrainer lieben wie wir den Fußball, und deswegen bin ich zuversichtlich, dass die Chance genutzt wird, sich Europa als offenes und vielseitiges Land zu präsentieren – und das, was an Perfektion fehlt, durch Gastfreundschaft wettzumachen.“

Deshalb ist geplant, zusätzlich Privatunterkünfte anzubieten, auch sollen Studentenwohnheime während der EM umfunktioniert werden. In Donezk, wo ein Viertel- und ein Halbfinale stattfinden, ist zwar noch der Bau von 17 Hotels geplant, doch werden darin die insgesamt noch fehlenden rund 3500 Betten kaum bereitgestellt werden können. Deshalb ist eine Luftbrücke nach Kiew geplant; auch ein Shuttleservice mit Bussen wird organisiert.

Einer der Partner der EM-Organisatoren in der Ukraine ist die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). Sie ist derzeit unter anderem dabei, die Schulung von Personal für die Stadien und Sprachunterricht für die Service- und Polizeikräfte zu organisieren. Denn viele Ukrainer sind des Englischen nicht mächtig.

Den ukrainischen Spielorten wird aber auch geholfen, „die Nachhaltigkeit der Investitionen und den Mehrwert des Turniers zu sichern“, sagt Mathias Brandt von der GIZ. In einer von der Gesellschaft in Auftrag gegebenen Umfrage erklärten jüngst drei Viertel der Ukrainer, dass die EM 2012 die Entwicklung ihres Landes positiv beeinflussen wird. Allerdings sagte auch jeder Vierte, dass sich die hohen Kosten wohl nicht auszahlen werden. Allein das Stadion in Kiew soll 585 Millionen Euro gekostet haben – mit 400 Millionen war kalkuliert worden. Ähnlich verhält sich beim Flughafen in Donezk, dort sollen 150 Millionen Euro mehr als geplant ausgegeben worden sein.

Dennoch wird allerorten Optimismus verbreitet. Markian Lubkivsky, Turnierdirektor und Chef des Organisationskomitees in der Ukraine, sagt, es würde mit Hochgeschwindigkeit an den letzten Details gearbeitet. Regierung und Organisatoren würden ihr Bestes tun, das Turnier zur besten Europameisterschaft der Geschichte zu machen: „Das ist unser Ziel. Es ist eine riesige Herausforderung, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass die Ukraine bereit sein wird für das Turnier. Wir werden unsere Gäste überraschen – und uns selbst wohl auch.“

Einen kleinen Vorgeschmack auf die Stimmung bei der EM wird es am Freitagabend geben. Und vielleicht verhält sich im kommenden Jahr mit der Ukraine ja so wie 2010 mit Südafrika. Im Vorfeld der Weltmeisterschaft hatte es auch große Bedenken hinsichtlich der Bedingungen und der Organisation gegeben. Am Ende überzeugte Südafrika alle Kritiker und seine Einwohner, die mit den Gästen ein tolles Fußballfest erlebten.

Mitarbeit: Lars Wallrodt