Christoph Daum

"Deutschland ist reif für den EM-Titel"

Der derzeit arbeitslose Coach Christoph Daum spricht im Interview mit Morgenpost Online über erschöpfte Trainer, Krebsvorsorge und den deutschen Gegner Türkei.

Sieben Jahre arbeitete Christoph Daum (57) insgesamt in der Türkei. Dort wurde Daum, der zuletzt als Nationaltrainer Österreichs im Gespräch war, mit Besiktas Istanbul einmal türkischer Meister und mit Fenerbahce Istanbul sogar zweimal. Am Freitag ist die Türkei Gegner der deutschen Nationalmannschaft in der Qualifikation für die EM 2012 in Polen und der Ukraine.

Während sich die deutsche Mannschaft (24 Punkte) bereits für das Turnier qualifiziert hat, streiten sich in der Gruppe A hinter den erstplatzierten Deutschen die Türken (14) und die Belgier (12) noch um Platz zwei, der zur Teilnahme an den Relegationsspielen im November berechtigt.

Morgenpost Online: Herr Daum, wer wird Ihrer Meinung nach den Kampf um Platz zwei für sich entscheiden?

Christoph Daum: Die Türkei. Ich glaube, die Türken sind auf Grund ihrer Erfahrung und ihrer individuellen Klasse im Vorteil. Obwohl Belgien nach umfassenden Veränderungen mittlerweile wieder eine gute, zukunftsträchtige Mannschaft hat.

Morgenpost Online: Sie haben jahrelang in der Türkei gearbeitet. Dort ist der Fußball im Sommer ins Zwielicht geraten. Es geht um sehr schwere Manipulationsvorwürfe .

Daum: Die Nachricht hat mich traurig gestimmt, da ich viele Leute persönlich kenne. Ich habe keine genauen Kenntnisse, weshalb ich mich mit Kommentaren zurückhalten will. Ich sehe diese Angelegenheit aber als Chance für die Türkei, aus dieser Sache gestärkt hervorzugehen. Noch gibt es ja nur Vorwürfe und keine Anklagen. Wenn die Dinge klar auf dem Tisch liegen, kann über Maßnahmen gesprochen werden. Dazu ist die Türkei bereit. Sie hat sich immer reformfähig gezeigt – das wird sie auch in diesem Bereich tun.

Morgenpost Online: In Bezug auf den deutschen Fußball steht derzeit über allem eine Nationalmannschaft, die sich unbesiegt als erste Mannschaft für die Europameisterschaft 2012 qualifiziert hat.

Daum: Das ist beeindruckend. Es zeigt sich immer mehr, dass das Nachwuchskonzept im deutschen Fußball gegriffen hat. Wir haben das Glück, gleich über eine Vielzahl an Toptalenten zu verfügen. Darunter sind Jahrhunderttalente wie Mario Götze oder Mesut Özil . Sie können reifen an der Seite von Spielern wie Lukas Podolski oder Bastian Schweinsteiger, die selbst noch jung, aber schon sehr erfahren sind. Beide stehen für mich exemplarisch für die neue Stärke im deutschen Fußball. Wir müssen uns mal vorstellen, dass wir in Özil einen Superspieler bei Real Madrid haben. Er gibt dort auf dem Platz schon den Takt mit vor. Das wäre doch vor fünf, sechs Jahren noch undenkbar gewesen. Mesut übernimmt in Madrid schon Führungsarbeit und füllt eine Rolle aus, von der der deutsche Fußball profitieren wird.

Morgenpost Online: Ist Deutschland in der Lage, im kommenden Jahr den EM-Titel zu holen?

Daum: Klar. Der Titel wäre schon bei der Weltmeisterschaft in Südafrika möglich gewesen. Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, die darüber entscheiden. So wie damals im Halbfinale gegen Spanien. Da geht es um die Tagesform, da geht es auch um Glück. Deutschland ist reif genug für den Titel und zählt zu den drei, vier Teams, die den EM-Titel 2012 unter sich ausmachen werden.

Morgenpost Online: Sie selbst sind seit Ihrem Ende bei Eintracht Frankfurt im Mai ohne Job. Genießen Sie die Auszeit?

Daum: Ich glaube, sagen zu können, dass es das Beste für jeden Menschen ist, wenn er mal die Chance bekommt, eine Auszeit zu nehmen. Ich hatte die Möglichkeit mich zu kurieren, vor allem meine Krebskrankheit. Aber es war auch wichtig, meinen Kopf mal wieder frei zu kriegen. Das mit dem Hautkrebs hat mich psychisch stark belastet. Es hat mir gezeigt, wie wichtig die Gesundheit ist, und wie wichtig es ist, auf sie zu achten. Ich bin mit einem Freund nach Mallorca geflogen und habe viele Gespräche mit ihm geführt. Das war eine Art Coaching, das dazu beigetragen hat, meinen Akku aufzufüllen. Jetzt habe ich wieder Power.

Morgenpost Online: Sie haben den Hautkrebs angesprochen. Wie sind Sie persönlich damit umgegangen?

Daum: Solange ich keine eindeutige Diagnose hatte, habe ich mich wie auf einem Pulverfass gefühlt. Ich habe mir zwar immer wieder eingeredet, dass es mich schon nicht erwischen wird. Aber die Ungewissheit hat mich beansprucht und runtergerissen. Ich habe mich gefragt, wie es wohl sein wird, wenn ich Chemotherapie bekommen muss – wie sich mein Leben dann wohl verändern wird? Aber es gab auch immer wieder Momente, in denen ich mir gesagt habe: Okay, wenn es wirklich schlimm ist, werde ich kämpfen. Und deshalb kann ich mich an dieser Stelle nur noch mal sagen: „Leute, denkt an die Vorsorge!“ Ich hatte Glück. Aber es kann auch anders ausgehen.

Morgenpost Online: Vor zwei Wochen hat Ralf Rangnick , Ihr Trainerkollege, wegen eines Erschöpfungssyndroms seinen Job bei Schalke 04 aufgegeben. Was war Ihr erster Gedanke?

Daum: Hoffentlich ist es nicht etwas Ernsthaftes, dass er vielleicht nicht mehr als Trainer arbeiten kann. Das habe ich gedacht. Aber so wie es sich jetzt darstellt, wird er spätestens in einigen Monaten wieder zurück sein. Ich finde es bemerkenswert, dass er so ehrlich gewesen ist und jetzt erst einmal alles dafür tut, wieder richtig gesund zu werden.

Morgenpost Online: Ist der Job des Trainers stressiger als viele andere?

Daum: Das würde ich nicht sagen. Aber in dieser Gesellschaft zählt in erster Linie Stärke. Und diese Stärke hast du immer wieder zu zeigen. Danach werden Leute ausgebildet, beurteilt und auch verurteilt. Stärke steht in Verbindung mit Erfolg – und der zählt nicht nur im Sport, sondern in der Politik, in der Wirtschaft und, und, und. Es ist wichtig, dass jeder mehr auf sich selbst achtet und sich auch Ruhe gönnt. Das sagen dir auch immer wieder Psychologen. Denn wenn du nicht selber funktionierst, funktioniert auch nichts mehr in deinem Umfeld – weder im Job noch in der Familie.

Morgenpost Online: Haben Sie zuletzt mal überlegt, den Trainerjob aufzugeben?

Daum: Nein. Während meiner kurzen Zeit bei Eintracht Frankfurt habe ich gemerkt, wie viel Freude mir der Beruf noch macht. Trotz der Enttäuschung, die ich dort erlebt habe. Ich hatte 2010 über neun Monate Zeit nachzudenken. Da hätte ich aussteigen und was anderes machen können. Es gab Angebote aus der Spielerberaterbranche. Ich hätte auch ins Immobiliengeschäft gehen können. Aber ich sagte mir: „Nein, das will ich alles nicht. Ich will noch fünf, sechs Jahre Trainer sein. Das macht mir Spaß.“ Es gibt immer mal wieder Anfragen. Und ich gucke einfach, was passt.

Morgenpost Online: Haben Sie noch Lust zu arbeiten, weil Sie merken, dass trotz der Diskussion um die jungen Konzepttrainer auch die erfahrenen Trainer gefragt sind?

Daum: Gewisse Trends hat es immer gegeben. Und dass natürlich auch andere junge, gute Trainer von einem Hype partizipieren, wenn Jürgen Klopp mit dem BVB so sensationell Meister wird, ist doch verständlich. Aber wir hatten in der Bundesliga schon immer eine Mischung zwischen jungen und alten Trainern. Und die tut der Liga auch nach wie vor gut. Jeder Verein muss für sich entscheiden, mit welchem Trainertypen er seine Ziele verwirklichen will und kann. Da spielt das Alter keine Rolle.

Morgenpost Online: Sie verfolgen die Bundesliga als Zuschauer. Wie fällt Ihr Urteil aus?

Daum: Die Bundesliga nimmt langsam Strukturen an. Jeder erkennt die Ausnahmerolle der Bayern an. Ich denke, wir haben wieder eine Saison, in der die Bayern alles dominieren werden. Dahinter wird es einen harten Kampf geben, zwischen Dortmund, Leverkusen, vielleicht auch Bremen, wenn sich die Mannschaft weiter stabilisiert. Für eine Überraschung könnte in dieser Saison Borussia Mönchengladbach sorgen.

Morgenpost Online: Vor Ihrer Haustür spielt der 1. FC Köln, Ihr ehemaliger Verein. Dort hat Trainer Stale Solbakken nach anfänglichen Problemen offenbar die Kurve bekommen.

Daum: Er ist ein ausgezeichneter Trainer, ein klasse Typ. Ich konnte anfangs gewisse Dinge auch nicht nachvollziehen. Aber ich bin Außenstehender und weiß nicht, was im Verein passiert. Doch ich habe mich gefragt, ob es wirklich zwingend war, Lukas Podolski als Kapitän abzusetzen. Das habe ich nicht verstanden. Aber jetzt zeigt sich, dass Stale Solbakken eine gute Wahl für den FC gewesen ist.

Morgenpost Online: Lukas Podolski spielt unter Solbakken mittlerweile auch sehr gut, wenn auch nicht konstant.

Daum: Lukas Podolski ist das Gesicht des Vereins. Ich schätze ihn sehr, sehr hoch ein. Er hat einen gewissen Einfluss in diesem Verein, wobei der FC auch ohne ihn schon funktioniert hat. Wenn das System von Stale Solbakken weiter greift und der Klub es schafft, noch ein zwei, gute Spieler zu holen, kann der 1. FC Köln mit Lukas Podolski in den kommenden Jahren sukzessive nach vorn kommen.