Möglicher Aorta-Abriss

Experten rätseln über den Tod von Hengst Hickstead

Nach dem plötzlichen Tod von Spitzenpferd Hickstead rätseln Experten über die Ursache: Eine erste Diagnose geht von einem Riss der Hauptschlagader aus. Doch auch übermäßige Belastung könnte der Grund sein.

Foto: getty images

Die Tragödie begann aus heiterem Himmel und spielte direkt vor zwei Schwänen aus Gras. Wenige Augenblicke nachdem das Spitzenpferd Hickstead beim Weltcupspringen in Verona/Italien nach 72,42 Sekunden und einem Abwurf die Ziellinie überquert hatte, gerät es ins Taumeln.

Reiter Eric Lamaze stolpert vom Rücken des 15 Jahre alten Hengstes, als dessen Hinterbeine einknicken. Noch während das Pferd zu Boden stürzt, befreit der Kanadier es von seinen Zügeln. Es sind Routine-Handgriffe eines Reiters, der sein Tier davor bewahren will sich in Panik selbst zu erdrosseln. Keine zehn Sekunden später liegt Hickstead, der 2008 Olympia-Gold und 2010 WM-Bronze gewonnen hatte, tot im Sand neben dem mit allerlei Grün verzierten Hindernis Nummer drei.

Entsetzte Stille

Die meisten Zuschauer auf den Rängen hatten zunächst nichts mitbekommen vom kurzen Todeskampf des erfolgreichsten Springpferdes der vergangenen Jahre. Sie hatten ihre Blicke schon auf Gerco Schröder aus den Niederlanden gerichtet, der als nächster Reiter auf den 16 Hindernisse umfassenden Kurs gehen sollte.

Als Schröder jedoch abdrehte und sich alle Blicke auf den unkontrolliert strampelnden Hickstead richteten, breitete sich Entsetzen aus. Die ohnehin vornehme Stille bei Reitveranstaltungen wich einer fast greifbaren Geräuschlosigkeit.

Wiederbelebungsversuch helfen nicht mehr

Herbeieilende Sanitäter versuchten hektisch, Hickstead wieder zu beleben. Lamaze stand wie angewurzelt neben dem zuckenden Körper seines Pferdes, das ihn in den vergangenen vier Jahren zu den größten Erfolgen seiner Karriere getragen hatte, die Zügel noch immer fest umklammert.

Für Hickstead kam jede Hilfe zu spät. Nach einer ersten Diagnose verstarb der Hengst an einem Aorta-Abriss – dem Versagen der wichtigsten Ader am Herzen. Die genaue Todesursache soll nun in einer Autopsie geklärt werden.

"Absolut tragisches Schicksal"

„Das ist absolut tragisches Schicksal“, sagte der Deutsche Marco Kutscher, der den Parcours in Verona wenige Minuten vor Lamaze absolviert hatte und während des tragischen Zusammenbruchs auf dem Abreiteplatz war: „Zum Glück musste ich die Szene nicht mit eigenen Augen mit ansehen. So etwas möchte kein Reiter erleben.“

Präsidentin Prinzessin Haya vom Weltverband FEI sagte: „Hickstead war wirklich einzigartig. Mein Herz ist bei Eric und allen, die mit diesem wundervollen Pferd zu tun hatten. Das ist ein großer Verlust.“

"Wie sind alle von unseren Pferden abhängig"

Der Weltcup in Verona wurde nach kurzer Diskussion der Reiter abgebrochen, „alles andere wäre respektlos gewesen“, sagte Kutscher mit Blick auf seinen kanadischen Konkurrenten: „Wir sind alle von unseren Pferden abhängig. Der Schock wird ihm noch eine ganze Weile in den Knochen sitzen. So etwas steckst du nicht so leicht weg.“

Womöglich war Eric Lamaze noch ein Stück abhängiger von seinem Tier als die Rivalen. Als Lamaze und Hickstead zueinander fanden, begann nicht nur eine außergewöhnliche Erfolgsserie. Es endete auch ein dunkles Kapitel im Leben des Kanadiers, der schon zweimal gesperrt worden war. Kurz vor den Olympischen Spielen 1996 in Atlanta wurden in Lamazes Blut Spuren von Kokain gefunden. Daraufhin wurde er aus dem Olympiakader Kanadas geworfen und zunächst für vier Jahre gesperrt. Weil der Mann aus Montreal jedoch argumentierte, der Kokainkonsum gehe auf private Probleme zurück und diene nicht der Leistungsförderung, wurde seine Sperre wurde auf sieben Monate verkürzt.

Lamaze wurde zum zweiten Mal begnadigt

Wenige Wochen vor dem Olympia-Start 2000 in Sydney musste Lamaze erneut zur Dopingprobe, und erneut wurde ihm die Einnahme einer unerlaubten Substanz nachgewiesen: Ephedrin.

Diesmal wurde Lamaze für den Rest seines Lebens für Reitsport-Wettkämpfe gesperrt. Doch auch diesmal hatte er eine Erklärung parat, die die Verbandsrichter als glaubhaft einstuften.

Lamaze beteuerte, die Ephedrin-Spuren gingen auf einen unzureichend gekennzeichneten Nahrungsmittelzusatz zurück. Weil der Hersteller diesen Lapsus zugab, wurde Lamaze zum zweiten Mal begnadigt.

Depressionen aufgrund der harten Strafe

Wenig später erwischten ihn die Kontrolleure ein zweites Mal mit Kokain im Blut – er sollte endgültig dauerhaft gesperrt werden. Doch Lamaze brachte dem Verband gegenüber die bis dahin kurioseste Entschuldigung vor. Der Kokain-Missbrauch gehe zurück auf die Sperre, die er wegen des Ephedrins kassiert habe.

Er sei depressiv gewesen ob der Härte dieser zu Unrecht verhängten Sanktion und habe daher zu dem weißen Pulver gegriffen. Die Funktionäre akzeptierten auch diese Volte in seinem Leben und holten ihn zurück ins Olympiateam. Lamaze und einige Jahre später auch Hickstead dankten es ihnen mit Medaillen bei Olympia und Weltreiterspielen. Derzeit ist er Weltranglistenerster.

"Springpferde haben ein höheres Risiko"

Ludger Beerbaum, Deutschlands viermaliger Olympiasieger, will von einer Diskussion über die Gefahren für Springpferde auch nach dem tragischen Vorfall von Verona nichts wissen: „Das wäre ja ziemlich an den Haaren herbeigeholt.“

Dr. Michael Düe, der die Abteilung Veterinärmedizin bei der Deutschen Reiterlichen Vereinigung leitet, sagt immerhin: „Die Entstehung von Aorta-Abrissen bleibt ein Rätsel.“ Als Gründe kämen Parasiten oder falsch verabreichte Medikamente genauso infrage wie eine zu große körperliche Belastung. „Springpferde haben dabei ein höheres Risiko als etwa Dressurpferde, weil sie körperlich ganz anders gefordert sind.“

Die Stangen des letzten Hindernisses, das Hickstead in seinem Leben riss, waren 1,52 Meter hoch und standen 1,70 Meter weit auseinander.