Franz Beckenbauer

"Deutschland und Spanien sind meilenweit voraus"

Fußball-Deutschland ist bereits acht Monate vor EM-Beginn im Titel-Fieber. Doch Bundestrainer Löw bremst trotz der perfekten Qualifikation die Erwartungen.

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"Kaiser" Franz Beckenbauer zieht bereits Vergleiche zum Weltmeisterteam von 1990, doch Bundestrainer Joachim Löw bremst die Euphorie um die deutsche Nationalmannschaft.

"Bei uns darf niemand vollmundig durch die Gegend laufen und sagen: 'Wer will uns denn noch was?' Ich bin für Bescheidenheit und eine realistische Einschätzung. Wir sind einer von fünf, sechs Titelkandidaten - nicht mehr und nicht weniger", sagte Löw in einem Interview mit der "Bild"-Zeitung: "Ich glaube, dass die EM vielleicht sogar schwieriger zu gewinnen ist als die WM."

Den 51-Jährigen stört, dass nach den beiden 3:1-Erfolgen zum Abschluss der EM-Qualifikation in der Türkei und gegen Belgien ganz Fußball-Deutschland nur über den ersten Titel seit der EM 1996 redet. "Ich werde natürlich lieber gelobt als kritisiert. Und unser Team auch. Aber wenn in den Medien und von den Fans in den kommenden Monaten nur noch vom EM-Titel gesprochen wird, gefällt mir das absolut nicht", sagte Löw.

Die DFB-Auswahl hatte die Qualifikation für die EM 2012 in Polen und der Ukraine mit zehn Siegen aus zehn Spielen beendet und sich mit diesem Rekord einen Eintrag in die Geschichtsbücher des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) gesichert.

Doch trotz anschließender Lobeshymnen sieht der Bundestrainer mit Blick auf die EM 2012 noch Verbesserungspotenzial. "Wir müssen uns auf unsere Stärken konzentrieren, auch künftig konsequent arbeiten und weiter entwickeln", sagte Löw, der als Bundestrainer in 73 Länderspielen beeindruckende 51 Siege feierte.

Schritt nach vorne gemacht

Nicht verhehlen konnte Löw allerdings, dass die Mannschaft im Vergleich zur Europameisterschaft 2008 in Österreich und der Schweiz sowie der WM 2010 in Südafrika spielerisch erneut einen deutlichen Schritt nach vorne gemacht hat.

"Unser Vorteil ist, dass wir jetzt viele Alternativen im Kader haben. Wir haben eine breitere Basis, und es gibt mehr Konkurrenz. Das ist sicher positiv für unser Team. Deshalb sind wir stärker als noch vor fünf Jahren oder bei der EM 2008 und unsere Chancen sind größer, uns den Traum vom Titel zu erfüllen", sagte Löw, der insbesondere im Mittelfeld die Qual der Wahl hat.

Weitaus euphorischer bewertet Beckenbauer die Lage der DFB-Auswahl acht Monate vor Beginn der EM-Endrunde. Für den Fußball-Kaiser führt der Titel im kommenden Jahr nur über Deutschland oder Weltmeister Spanien.

Neun Mal in Folge mit Gegentor

" Deutschland und Spanien sind derzeit den anderen Ländern Europas meilenweit voraus. Beide Nationalmannschaften spielen einfach konstant auf einem anderen Niveau. Und damit sind beide für mich auch die eindeutigen Favoriten bei der EM 2012", schrieb der "Kaiser" in seiner "Bild"-Kolumne. Zudem sei die aktuelle DFB-Auswahl potenziell mindestens so stark wie das Weltmeisterteam 1990, meinte Beckenbauer.

Löw will unterdessen insbesondere an der "Ausgewogenheit und Balance" im deutschen Spiel arbeiten.

"Das beherrscht Spanien perfekt . Attraktives Spiel und Offensivkraft sind mir wichtig. Doch auch die gesamte Defensivarbeit muss stimmen. Da ist noch einige Feinarbeit zu leisten, wenn wir bei der EM ganz vorne landen wollen", sagte Löw, nachdem der WM-Dritte beim 3:1 gegen Belgien zum neunten Mal in Folge nicht ohne Gegentor geblieben war.