DFB-Präsident Zwanziger

"Wir können den EM-Titel doch nicht erzwingen"

DFB-Präsident Theo Zwanziger spricht im Interview mit Morgenpost Online über Euphorie und Druck vor der Europameisterschaft sowie den Fall Ralf Rangnick.

Foto: Bongarts/Getty Images/Getty

Obwohl die deutsche Nationalmannschaft schon vor dem Spiel am Freitagabend in der Türkei für die EM 2012 qualifiziert war, ließ es sich Theo Zwanziger nicht nehmen, das Team nach Istanbul zu begleiten.

Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) ist acht Monate vor dem Turnier optimistisch. Er hat volles Vertrauen in die Spieler und macht Teammanager Oliver Bierhoff Hoffnung für den Bau eines Leistungszentrums. Den Plan dafür hatte dieser kürzlich vorgestellt.

Morgenpost Online: Herr Zwanziger, die deutsche Nationalmannschaft war vor der Partie gegen die Türkei bereits für die EM qualifiziert. Wie froh sind Sie über diese komfortable Situation?

Theo Zwanziger: Sehr. Unabhängig davon habe ich ohnehin großes Vertrauen in diese Mannschaft. Auch für mich ganz persönlich bin ich froh, dass die Qualifikation so frühzeitig geschafft ist, denn gerade die Pflichtspiele nehmen mich emotional doch immer sehr mit. Denn ich fühle mich mit dieser Mannschaft sehr verbunden. Ich spüre, dass wir es bei ihr mit einer verschworenen Einheit von starken Individualisten zu tun haben. Ich bin beeindruckt von diesem Team, bei dem man merkt, dass es gern für Deutschland spielt.

Morgenpost Online: Schon weit vor Turnierbeginn reden viele Experten von einem der großen Favoriten und zwar Deutschland.

Zwanziger: Wenn man uns nicht zu den Favoriten zählen würde, hätten wir in den vergangenen Jahren doch schlechte Arbeit geleistet. Ich bin also nicht böse über diese Diskussionen. Gleichwohl weiß ich, dass es genügend andere Teams gibt, die im kommenden Jahr den EM-Titel holen könnten. Ich denke da natürlich vor allem an die WM-Finalisten Spanien und die Niederlande sowie die traditionell starken Fußball-Nationen Italien, Frankreich und England. Aber ich bin fest überzeugt, dass unsere Mannschaft mit viel Leidenschaft bei der EM antreten und ein fantastisches Turnier spielen wird.

Morgenpost Online: Der Druck ist groß, nach 1996 endlich mal wieder einen Titel zu holen .

Zwanziger: Den Druck gibt es für eine deutsche Nationalmannschaft bei großen Turnieren doch immer. Die Spieler wissen, was sie können und haben auch allen Grund, selbstbewusst aufzutreten. Ich habe Philipp Lahm während der WM 2010 einmal gefragt, warum es in dieser Mannschaft so gut laufen würde. Seine Antwort war recht einfach: „Weil wir jetzt immer elf Fußballer auf dem Platz haben und noch viele mehr in der Hinterhand.“ Da ist etwas dran. In dieser Mannschaft passt es einfach.

Morgenpost Online: Gibt es für den Bundestrainer bei der EM eine Zielvorgabe?

Zwanziger: Ich glaube nicht, dass ich dem Bundestrainer diesbezüglich etwas vorgeben muss. Seine Pläne stimmen exakt mit denen des DFB überein. Und wir wissen doch alle, dass wir den EM-Titel nicht erzwingen können. Wichtig ist, dass wir im Vorfeld alles dafür tun, um eine Chance auf den Titel zu haben. Gleichzeitig weiß die sportliche Leitung, dass wir auch hinter ihr stehen, sollte es nicht so wie gewünscht laufen. Denn wir wissen, wie wertvoll diese Nationalmannschaft mit diesem Bundestrainer für Deutschland und den Verband ist.

Morgenpost Online: Nicht zuletzt durch Ralf Rangnick, der seinen Job aufgrund eines Erschöpfungssyndroms vorübergehend niedergelegt hat, ist viel über den Druck auf Trainer und Spieler geredet worden. Machen Sie sich eigentlich Sorgen um Joachim Löw?

Zwanziger: Nein. Ich weiß, dass Joachim Löw ein sehr akribischer Arbeiter ist und in einem Bereich Verantwortung trägt, in dem Erfolgsstreben dazu gehört, in dem Leistungswillen und eine hohes Maß an Konzentration erforderlich sind. Da ist es klar, dass jeder auch an seine Grenzen geht. Auch deshalb bin ich froh, dass Ralf Rangnick so offen gewesen ist. Jeder von uns stößt doch mal an seine Grenzen. Entscheidend ist nur, wie du dann reagierst. Gönnst du dir eine Auszeit oder eben nicht? Es ist wichtig, dass wir anerkennen, dass Menschen in solche Situationen kommen können und dass wir diese Krankheit genauso ernst nehmen wie etwa einen Kreuzbandriss. Wir müssen akzeptieren, dass es nicht nur körperliche, sondern auch seelische Krankheiten gibt – und dass man kein minderwertiger Mensch ist, wenn es einen mal erwischt.

Morgenpost Online: Das Erschöpfungssyndrom war in dieser Woche ein beliebtes Talkshow-Thema. Erst wurde bei Anne Will debattiert, dann bei Maybrit Illner .

Zwanziger: Mir wäre es ehrlich gesagt lieber, wenn wir kontinuierlich darüber reden würden und nicht nur immer dann, wenn es einen Prominenten betrifft. Beim DFB sind wir uns schon seit geraumer Zeit darüber im Klaren, dass wir der psychischen Betreuung mehr Bedeutung beimessen müssen.

Morgenpost Online: Robert Enke litt jahrelang an Depressionen. Nach seinem tragischen Tod vor fast zwei Jahren sagten Sie: „Fußball ist nicht alles.“ Hat sich denn seither Ihrer Meinung nach etwas verändert?

Zwanziger: Das ist ein Prozess, so etwas dauert. Gerade die Medien sind da manchmal etwas ungeduldig und wünschen sich, alles muss von einem Tag auf den anderen besser werden. Ich denke schon, dass wir in Deutschland etwas transparenter geworden sind. Die Bereitschaft der Menschen ist größer geworden, sich zu öffnen und auch helfen zu lassen. Teresa Enke konnte ihrem Mann mit ihrer Liebe zwar schlussendlich nicht helfen, aber sie hatte die bewundernswerte Kraft, später darüber zu reden. Das war ein großer Beitrag für uns alle. Deshalb muss ich sagen: Ja, es hat sich etwas bewegt. Es gibt die Bereitschaft, mit Schwächen offener umzugehen. Und das ist die Grundlage, damit sich überhaupt etwas ändern kann. Das Beispiel Ralf Rangnick zeigt es doch. Er wird nicht beschimpft dafür, dass er offen über seine Erkrankung geredet hat. Er ist in der Öffentlichkeit nicht plötzlich ein schwacher Mann, sondern nach wie vor ein guter Trainer. Wenn er als Trainer in die Bundesliga zurückkehren könnte, wäre das ein weiteres bedeutendes Zeichen.

Morgenpost Online: Teammanager Oliver Bierhoff hat kürzlich ein Zeichen in der Diskussion um ein Leistungszentrum für den Spitzenfußball im DFB gesetzt und für den Bau einer solchen Einrichtung geworben. Was halten Sie von dem Projekt, das rund 30 Millionen Euro kosten soll?

Zwanziger: Wir prüfen das Ganze derzeit. Mir war wichtig, dass dieser Komplex nicht nur ein Thema in diversen Interviews ist, sondern dass wir uns wirklich ernsthaft damit beschäftigen. Das DFB-Präsidium steht den Plänen von Oliver Bierhoff respektvoll gegenüber und sieht darin vielleicht eine Chance, dem Elitefußball in Deutschland noch eine kleine Krone aufzusetzen. Wir wollen die Diskussionen spätestens in einem halben Jahr abgeschlossen haben.

Morgenpost Online: Welche Aspekte spielen bei dieser Diskussion eine Rolle?

Zwanziger: Es gilt abzuwägen, ob das, was wir erreichen können, sinnvoll ist, ob sich die finanziellen Aufwendungen lohnen und die Nachteile in anderen Bereichen hinnehmbar sind. Die hervorragenden Sportschulen, die wir in unseren Landesverbänden haben, dürften unter so einem Leistungszentrum nicht leiden. Außerdem gilt es zu beachten, dass sich unsere Nationalmannschaft dann nicht immer nur an einem Ort zu ihren Lehrgängen trifft, sondern sich – so wie bislang auch – an anderen wichtigen Standorten in Deutschland den Fans präsentiert.

Morgenpost Online: Was denken Sie denn?

Zwanziger: Ich denke schon, dass wir uns mit einem Prüfungsergebnis befassen werden, das in Richtung eines Leistungszentrums geht, so wie es uns Oliver Bierhoff in Grundzügen vorgestellt hat. Allerdings muss am Ende unserer Prüfungen ein geeigneter Standort, eine machbare Finanzierung stehen. Und es dürfen keine Dritten durch diese Entscheidung in Mitleidenschaft gezogen werden. Liegt ein Ergebnis vor, legen wir die Pläne entweder ad acta oder machen uns so wie beim DFB-Museum in Dortmund an die Arbeit.