Spielverhalten

Spielwitz statt Kraft - Wende im deutschen Fußball

Spätestens seit Mesut Özil und Sami Khedira nach Madrid gewechselt sind und sich dort bewiesen haben, ist klar – auch deutsche Spieler können bei internationalen Topklubs Schlüsselpositionen besetzen. Reiner Kraftfußball aus der Bundesrepublik war gestern.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Trainer von Borussia Mönchengladbach war amüsiert. "Vor drei Wochen hat man noch gesagt, er schießt zu wenig Tore", sagte Lucien Favre nach dem Spiel bei Hertha BSC und lächelte süffisant. Eigentlich redet er ja gern über seine Spieler, vor allem, wenn er nach deren Vorzügen gefragt wird. Doch bei Marco Reus (21) gab er sich wortkarg. Was hätte er auch sagen sollen, es hatten ja ohnehin alle 60.500 Zuschauer im Olympiastadion gesehen, welch Juwel da in Favres Mannschaft spielt.

Beide Gladbacher Tore erzielte der Nationalspieler beim 2:1 (1:1) in Berlin, wie schon in der Woche zuvor beim 2:1 gegen Hannover 96. Selbst das rustikale Einsteigen von Gegenspieler Maik Franz kurz nach dem ersten Treffer konnte den jungen Mann mit dem blondierten Irokesenschnitt nicht aus dem Tritt bringen, auch wenn die Grätsche von hinten schon sehr gefährlich aussah.

Auf der anderen Seite der Republik, 450 Kilometer weiter westlich, kam es zu ähnlichen Szenen. Hier versetzte Mario Götze (19) die Abwehr des VfL Wolfsburg in Entsetzen, namentlich sei Sotirios Kyrgiakos (32) erwähnt - ein Grieche, der im Kino jederzeit die Rolle des Räuber Hotzenplotz spielen könnte. Kyrgiakos versuchte in der zwölften Spielminute, den Torschuss von Götze zu unterbinden, wurde aber getunnelt und sah hilflos mit an, wie der Ball zur Dortmunder Führung einschlug. Vielleicht war es dieser Frust, der den Wolfsburger kurz vor der Pause seinen Ellenbogen ausfahren ließ. Der traf Götzes Mannschaftskollege Neven Subotic im Gesicht und brach ihm dort einen Knochen - der Serbe sah jedenfalls aus wie ein schlechter Preisboxer. Später rächte Götze seinen Kameraden mit dem Treffer zum 5:1-Endstand.

Gegenspieler wie Kyrgiakos und Franz können einem beinahe Leid tun - ihre Härte ist Ausdruck purer Hilflosigkeit. Denn Spieler wie Götze und Reus sind kaum zu halten: Technisch perfekt, blitzschnell und mit großartigem Spielverständnis gesegnet sind sie. Und zudem: deutsch. Sie stehen stellvertretend für eine grandiose Generation einheimischer Kreativspieler, zu denen sich auch Thomas Müller, Mesut Özil, Andre Schürrle, Toni Kroos und Sven Bender zählen dürfen.

Sie sind Produkte der Verzweiflung. Als Ende der 90er Jahre das Füllhorn ehemaliger DDR-Spieler versiegt und der Jubel über den Triumph bei der Europameisterschaft 1996 endgültig verklungen war, blickten sich die Mächtigen des deutschen Fußballs um und erkannten, dass sie allein waren. Gezielte Nachwuchsarbeit gab es nicht, die Schlüsselpositionen der großen Vereine waren mit Ausländern besetzt. Spätestens nach dem Vorrunden-Aus bei der EM 2000 herrschte blanke Panik beim DFB, und in der größten Not wurde ein Nachwuchsprogramm geboren, das heute Früchte trägt und dessen Kinder auch Reus und Götze sind.

Förderung für Individualisten

Doch um Individualisten wie die beiden Doppeltorschützen des vergangenen Spieltages hervorzubringen, war ein weiterer Schritt vonnöten. "In den 90er Jahren herrschte das Credo, dass der Star die Mannschaft ist. Das war fatal, denn so wurde jeglicher Individualismus unterdrückt", sagt Matthias Sammer, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und als solcher für die Nachwuchsarbeit verantwortlich.

Er hat drei Spielertypen definiert: den Führungsspieler, den Mannschaftsspieler - und den Individualisten. "Zu letzterem gehören Reus und Götze", erklärt Sammer: "Solche Typen zu unterstützen und zu fördern, ist ein Schlüssel für die große Dichte an hervorragenden Spielern, die wir derzeit im deutschen Fußball sehen. Früher wurden solche Freigeister unterdrückt oder aus den Mannschaften entfernt. Wir haben erkannt, wie wir ihr Potenzial nutzen können." Allerdings müssten auch die Mannschaften bereit sein, die freischaffenden Künstler zu akzeptieren. Das gehe aber nur, wenn auch diese bereit sind, für das Team zu arbeiten, sagt Sammer der Morgenpost: "Wir sagen diesen Spielern: Mach was Verrücktes, geh' in die Dribblings - kein Problem. Aber wenn du den Ball verlierst, dann ab mir dir in die Grundordnung. Wer vorne stehen bleibt und schmollt, hat unsere Botschaft nicht verstanden, dann werden sie von der Mannschaft nicht anerkannt."

Götze und Reus haben verstanden. Der Dortmunder bereitete in dieser Saison vier Treffer vor und traf viermal selbst. Reus kommt auf drei Vorlagen bei sieben Toren. Zahlen, die Begehrlichkeiten wecken. Götze soll auf der Wunschliste von Florentino Pérez ganz oben stehen, dem Präsidenten von Real Madrid. Um Reus soll sich Bayern München intensiv bemühen - angeblich kann er im kommenden Sommer für die festgeschriebene Ablösesumme von 18 Millionen Euro wechseln.

Während schon die Gerüchte um mögliche Offerten bei den Vereinen für Aufregung und Empörung sorgen, kann sich Joachim Löw entspannt zurücklehnen. Spätestens seit Mesut Özil und Sami Khedira nach Madrid gewechselt sind und sich dort bewiesen haben, weiß der Bundestrainer, dass die jungen deutschen Wilden längst so weit sind, auch bei internationalen Topklubs Schlüsselpositionen besetzen können. Doch wie begegnet er dem Überangebot im Nationalteam? Immerhin sind die drei Positionen im offensiven Mittelfeld eigentlich vergeben - an Lukas Podolski, Mesut Özil und Thomas Müller. Wohin also mit Götze und Reus, Schürrle und Kroos? Löw hat dafür eine Lösung erdacht. Er hat kurzerhand den Begriff "Stammspieler" abgeschafft. "Von diesem Begriff im herkömmlichen Sinne sollten wir uns verabschieden"; sagt er im "DFB-Journal", "mit elf Stammspielern kann man heute angesichts der Belastung der Spieler keine Saison oder kein großes Turnier mehr bestreiten." Langfristig, glaubt Sportdirektor Sammer, wird ohnehin das Leistungsprinzip greifen: "Ich glaube nicht, dass Unzufriedenheit eintreten wird. Die Besten werden sich durchsetzen." In diesem Fall werden sich Götze und Reus kaum Sorgen machen müssen.