Motorrad

Stefan Bradls Weg vom Weichei zum Weltmeister

Leidenschaft beschert Motorrad-Profi Stefan Bradl den WM-Titel. Superstar Valentino Rossi gratuliert und prophezeit: "Es wird nicht sein letzter Titel sein."

Foto: AFP

Es war der erste Ausflug in die ganz, ganz große Welt des Motorradsports. Stefan Bradl und sein „Papa“ Helmut sitzen 2006 im imposanten Media-Center der Rennstrecke von Shanghai. Etwa 20 Meter unter ihnen rasen die besten WM-Fahrer der Klasse MotoGP beim Großen Preis von China die lange Startgerade entlang. Der Bub hat im Rennen der 125er-Klasse Platz 20 unter 40 Startern erreicht, und der Papa, 1991 Weltmeisterschaftszweiter in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter, sagt „Es freut uns schon närrisch, hier zu sein.“

Das mit der Freude endet erst einmal am 14. Februar 2007. Ein Tag, den Stefan Bradl sein Leben lang nicht mehr vergessen wird. An diesem Tag verkündet der damals 17-Jährige seinen Verzicht auf eine Karriere als Motorrad-Profi. Schlimmer noch, er verkündet frustriert seinen Rückzug aus dem Sport, in dessen Statistiken und Jahrbüchern er s eit diesem Wochenende als Weltmeister geführt wird – trotz des Sturzes beim letzten Saisonrennen am Sonntag in Valencia. Bei der Ehrung für ihren Sohn liegen sich die Eltern Helmut und Gisela Bradl weinend in den Armen.

Zwischen dem bewältigten Frust und den unvergesslichen Glücksmomenten liegen mehr als vier Jahre, in denen Bradl sich mit Beharrlichkeit, Talent „und der Hilfe von Menschen, die es gut mit mir meinen“, ganz nach oben gekämpft hat. Der Bub ist gereift.

Keine Euphorie, als bereits am Samstag klar wird: Er ist der neue Champion, denn sein einzig verbliebener Konkurrent, Marc Marquez aus Spanien, kann wegen Augenproblemen (verursacht durch einen Trainingssturz in Malaysia am 22. Oktober) nicht antreten. Bradl geht im verregneten Training während einer Pause in die Box des 18 Jahre alten Marquez und gibt ihm die Hand, bedankt sich. „Ich denke, es ist eine faire Geste von mir. Er ist verletzt, kann nicht fahren. Das tut mir leid. Wir haben uns während einer tollen Saison einen tollen Kampf geliefert. Warum sollten wir uns nicht die Hände schütteln?“, sieht der 21 Jahre alte Champion der Klasse Moto2 in seinem Tun eine Selbstverständlichkeit. Mehr noch. Während sich seine Umgebung dem verdienten Gläschen Champagner widmet, nimmt sich der Weltmeister etwas zurück.


Gedenken an Marco Simoncelli

„Es ist jetzt nicht ganz an der Zeit. Wir haben vor zwei Wochen einen Kollegen verloren. Ihm zuliebe sollten wir nicht überschwänglich sein“, sagt Stefan Bradl mit ernster Miene in Erinnerung an den in Malaysia tödlich verunglückten Italiener Marco Simoncelli . Zu dessen Ehren versammelt sich das komplette Fahrerfeld aller drei WM-Kassen am Sonntagmorgen in Valencia mit allen Motorrädern auf der Strecke und lässt – so hatte es sich Simoncellis Vater Paolo („Marco hätte das gewollt“) gewünscht – für eine Minute alle Motoren aufheulen.

Zurück ins Jahr 2007. „Es war damals eine totale Konfusion“ erklärt Bradl. Heute kann er über „die blöde Zeit“ locker reden. Das Talent aus Zahling hatte auf einer 125er KTM die komplette WM-Saison 2006 bestritten. Die Weiterbeschäftigung im Team des österreichischen Motorradherstellers war an eine Platzierung unter den Top 15 gekoppelt. Bradl, gehandicapt durch mehrere Sturzverletzungen, wird 26. – und muss gehen. Ein umgehender Wechsel in den Rennstall des Spaniers Alberto Puig, einst WM-Konkurrent von Bradl senior, verspricht eine attraktive Alternative zu sein und scheint zunächst auch reibungslos zu funktionieren. Die Puig-Forderung, nicht nur beim siebenwöchigen Saisonvorbereitungstraining (in Valencia) sondern auch später auf die Ratschläge seines Vaters verzichten zu müssen („Papa durfte nicht in die Box“), veranlassen Stefan Bradl, die Brocken hinzuwerfen. Das genügt, um ihm das Etikett „Weichei“ anzuheften.

"Spanien hat mich geprägt"


„Es interessiert sich keine Sau für dich, wenn du am Boden liegst“, wird er später sagen. Echte („Da habe ich zwei, drei“) und falsche Freunde lernt er zu trennen. Und die Rennleidenschaft im Verbund mit dem eigenen Sturkopf ist stärker. Ausgerechnet da, wo er gedemütigt worden war, schlägt Bradl zurück. „Spanien hat mich geprägt und viel Lebenserfahrung gebracht. Mein Vater hat deswegen viele Haare verloren und noch mehr graue bekommen. Aber ich bin sehr dankbar für diese Erziehung“, lobt der Sohn seine Eltern.

Er gewinnt 2007 nicht nur die als Mini-WM apostrophierte spanische 125er-Meisterschaft (2005 war er Deutscher Meister geworden) sondern bestreitet, ermöglicht durch die dortigen Erfolge, auch noch neun WM-Einsätze als Gastfahrer im Blusens-Team. Bestes Ergebnis: Rang sechs beim Grand Prix von Portugal. Der Lohn: Ein Vertrag für 2008 im Team der Brüder Stefan und Jochen Kiefer in Idar-Oberstein. Das Jahr endet mit WM-Rang vier und zwei WM-Siegen. Drei Jahre später schmückt der WM-Titel den gemeinsamen Trophäenschrank.


Raudies hofft auf BMW

18 Jahre hat es gedauert, bis Dirk Raudies, 1993 letzter deutscher Motorrad-Champion, abgelöst wurde. „Der Stefan hat einen Granatenwillen“, lacht der 47-Jährige. Raudies, heute als Co-Kommentator der Superbike-Weltmeisterschaft beschäftigt, wünscht sich, dass BMW den Weg aus der zweithöchsten Kategorie in die Königsklasse MotoGP beschreiten wird. „Es wäre ein Traum, wenn einer wie Stefan auf einer BMW um den Titel kämpfen würde“, formuliert Raudies seinen und den Wunsch vieler deutscher Motorrad-Fans.

Einer, der Bradl viel zutraut, ist Rekordweltmeister Valentino Rossi. Der 32 Jahre alte Italiener, bisweilen bei einem Schwätzchen mit Bradl im Fahrerlager zu sehen, sagt in Valencia: „Er fährt mit viel Köpfchen, macht kaum Fehler, ist schnell und kann ein Motorrad beherrschen.“ Und dann fügt der „Dottore“ hinzu: „Stefan, ich gratuliere dir! Es wird nicht dein letzter Titel sein.“

Der so Gelobte freut sich auf seinen Urlaub und hängt am Ende noch einem netten Gedanken nach: „Sebastian Vettel Formel 1-Weltmeister und ich auf dem Motorrad, das kann sich sehen lassen.“ Vettels Glückwunsch-SMS wird demnächst auf Bradls Handy erscheinen.