Heimpleite gegen Gladbach

Ex-Hertha-Trainer triumphiert bei Berlin-Rückkehr

Hertha BSC hat gegen Gladbach die zweite Heimniederlage kassiert. Trotz einer ordentlichen Leistung verloren die Berliner gegen das Team von Ex-Trainer Favre 1:2. Den Unterschied machte Doppeltorschütze Reus – der dazu noch etwas Glück hatte.

Gerade diskutiert Fußball-Deutschland die Frage, ob mit Marco Reus (22) mal wieder ein großes Talent schon reif ist für den FC Bayern. Mit zwei Toren gegen Hannover hatte er am vergangenen Wochenende seine Bewerbungsunterlagen verstärkt, nun war es erneut ein Doppelpack des Jung-Nationalspielers, der Borussia Mönchengladbach gegen Hertha BSC ein 2:1 (1:1) und damit drei Punkte für den Traditionsklub auf dessen Weg zurück nach Europa einbrachte.

Es sei „kein unverdienter Sieg“ gewesen, gestand Hertha-Trainer Markus Babbel ein. Dessen Berliner hätten mit einem Sieg selbst in entsprechende Regionen schielen dürfen. So aber stand für Hertha die zweite Heimniederlage der Saison – und das ausgerechnet in einem durchaus prestigeträchtigen Spiel.

Favre von Fans ausgepfiffen

Zwei in dieser Hinsicht wesentliche Szenen des Nachmittags hatten sich schon weit vor dem Anpfiff ereignet. Scheibchenweise vollzog sich da die Rückkehr von Lucien Favre ins Olympiastadion. Zum ersten Mal seit seiner Entlassung im Herbst 2009 weilte der Schweizer, der nun in Mönchengladbacher Diensten steht, wieder an der Stätte vergangener Erfolge. Im Blitzlichtgewitter der Fotografen begrüßten sich Favre und Babbel, sein Nach-Nachfolger als Hertha-Trainer, fünf Minuten vor 15 Uhr an der Seitenlinie des Spielfelds.

Eine brisantere Begegnung ereignete sich kurz darauf und unbemerkt von allen Kameras: In den Katakomben des Stadions reichten sich Favre und Michael Preetz die Hand, der Manager der Berliner, der den Schweizer seinerzeit von seinen Aufgaben entbunden hatte. Nachdem Preetz im Vorfeld des Spiels wenig schmeichelhaft über den ehemaligen Verbündeten gesprochen hatte („Niemand bei Hertha braucht Favre nachzutrauern“), ging nach zwei, drei Sätzen Smalltalk ein jeder wieder seiner Wege.

Aber Preetz’ despektierliche Aussagen hatten beim Berliner Anhang offensichtlich Wirkung hinterlassen. Mit einem gellenden Pfeifkonzert bedachte die Ostkurve in Favre jenen Mann, der Hertha mit Platz vier noch vor zweieinhalb Jahren die erfolgreichste Saison der jüngeren Vergangenheit beschert hatte – und es war die Pointe unter 90 Minuten Fußball, dass es nach dem Schlusspfiff der Gästeblock auf der gegenüberliegenden Seite war, aus dem heraus gut 6000 Borussen-Fans wohlig Lucien Favres Namen skandierten.

Zwischendurch war dem Kerngeschäft nachgegangen, nämlich Fußball gespielt, worden. Für Hertha stand dieselbe Elf auf dem Platz wie in der Vorwoche in Wolfsburg. Doch an den beim 3:2 veranstalteten Wirbel konnten Pierre-Michel Lasogga an vorderster Front, die flinken Außen Adrian Ramos und Nikita Rukavytsya und allem Bemühen zum Trotz auch Spielgestalter Raffael nicht anknüpfen. Wieder einmal war – diesmal vor 60.556 Zuschauern – eine Diskrepanz zwischen auswärts und in Heimspielen gezeigten Leistungen zu konstatieren. „Die Heimschwäche“, motzte Abwehrspieler Christian Lell, „muss endlich mal aus den Köpfen.“

Hertha lange recht ordentlich

Dabei hatte der Berliner Vortrag lange Zeit sogar recht ordentlich ausgesehen. Im diffusen Novemberlicht und auf einem recht glitschigen Rasen war zur Pause das Torschussverhältnis identisch mit dem Spielstand: 1:1, und auch die Entstehung dieser beiden Treffer war verblüffend ähnlich. Nach Balleroberung von Andreas Ottl vollendete Ramos nach 18 Minuten eine blitzschnelle Stafette über die Zwischenstation Raffael durch die Beine von Gladbachs Torhüter Marc-Andre ter Stegen zum 1:0.

Beim Ausgleich spielte Patrick Herrmann ähnlich plötzlich in den Lauf von Reus, Gladbachs bester Offensivspieler entwischte Maik Franz, und weil er „aus dem Augenwinkel sah, dass Thomas Kraft“, Herthas Torhüter also, „im kurzen Eck stand“, bugsierte er den Ball eben ins lange – 1:1 (33.).

In Minute 55 traf erneut Reus, sein Direktschuss in den Winkel war sehenswert. Zuvor war der in der Luft sonst so verlässliche Hertha-Kapitän Andre Mijatovic zur Überraschung aller Umstehenden unter einem langen Ball hindurchgesprungen. Kraft parierte noch gegen Arango, aber dann hatte Reus bei seiner Volleyabnahme „eben auch das Glück, das du automatisch hast, wenn du einen solchen Lauf hast“, sagte Babbel fatalistisch.

Schwindende Kräfte bei Berlin

Quasi mit dem Seitenwechsel hatte die Partie begonnen, eine für Hertha ungünstige Entwicklung zu nehmen. Bei „nach für uns anstrengenden Wochen schwindenden Kräften“ (Babbel) ging die zuvor so gute Ordnung verloren. „Es fehlt uns an der Konstanz, mal über 90 Minuten ein gutes Spiel zu machen“, klagte Mijatovic: „Wir haben verdient verloren, ich bin total enttäuscht.“

Zwar rappelte sich Herthas Offensive noch einmal auf. Aber mehr als ein Lattenschuss von Raffael (72.) sowie der Ansatz einer Chance für Ramos in letzter Minute gelang nicht mehr. „Mit Geduld und ein wenig Glück“, sagte Favre, seien sie trotz des zwischenzeitlichen Rückstands als Sieger vom Feld gegangen. Den Namen Reus erwähnte er in seiner Aufzählung vorsichtshalber nicht, doch Fragen nach der Zukunft des Mönchengladbacher Supertalents blieben natürlich nicht aus. „Er ist ein Topspieler, jeder in Deutschland weiß das“, sagte Favre also. Aber? „Noch vor drei Wochen haben ihn alle dafür kritisiert, dass er zu wenig Tore schießt. Er hat enormes Potenzial, aber mit 22 hat er auch noch viel zu lernen – und ich glaube, er will das mit mir machen.“ Behält Favre Recht, müssen die Bayern auf Reus noch ein wenig warten.

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