Sechs Wochen Pause

Schweinsteigers Verletzung ist Robbens große Chance

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Julien Wolff

Während die meisten Münchner nach dem Schweinsteiger-Ausfall geschockt sind, sieht das Präsident Hoeneß anders: "Ich verstehe den Aufschrei nicht."

Zu später Stunde war plötzlich Hochbetrieb im Klinikum rechts der Isar. Chefarzt Dr. Andreas Imhoff erfuhr, dass Bayern Münchens Mittelfeldstar Bastian Schweinsteiger sich beim 3:2 (3:1) gegen den SSC Neapel das Schlüsselbein gebrochen hatte.

Noch während der Partie in der Champions League wurde der Nationalspieler in das Krankenhaus gefahren, Imhoff bereitete alles für die Operation vor. Um zwei Uhr am Donnerstagmorgen setzte er Schweinsteiger eine Platte in die rechten Schulter, die Operation verlief erfolgreich – und doch kann Schweinsteiger in diesem Jahr nicht mehr für den FC Bayern und die Nationalmannschaft spielen. „Das tut uns sehr weh, denn er ist unser Spielmacher“, sagte Klubchef Karl-Heinz Rummenigge.

Schweinsteiger muss bis Freitag in seinem Krankenzimmer bleiben. Für die darauffolgenden 14 Tage haben die Ärzte ihm absolute Ruhe verordnet. Erst danach kann er mit dem Rehaprogramm beginnen, in sechs Wochen wieder trainieren.

Auch Löw muss umdenken

Der 27-Jährige fehlt somit auch in den letzten Länderspielen 2011 in der Ukraine (11.11.) und gegen die Niederlande (15.11.). Die kommenden Partien der Nationalelf sind sportlich nicht entscheidend, Deutschland ist für die EM qualifiziert.

Bei den Bayern wiegt der Ausfall schwerer: Sie müssen plötzlich ohne ihren Chef auskommen. Und stehen vor der größten Bewährungsprobe in der bisherigen Saison. „Wir wollen eine Spitzenmannschaft sein, also müssen wir diesen Ausfall kompensieren können“, sagte Torjäger Mario Gomez .

Er hatte in der ersten Halbzeit gegen Neapel alle drei Bayern-Tore geschossen (17., 23., 42.) und ist nach dem Hattrick bester deutscher Torschütze in der Champions League. Mit 17 Treffern hat er einen mehr erzielt als Michael Ballack . Doch freuen konnte er sich darüber kaum, die Verletzung Schweinsteigers überschattete seine Topleistung. Genauso wie die Tatsache, dass die Bayern mit zehn Punkten den Einzug ins Achtelfinale der Königsklasse nahezu sicher haben.

Wie wichtig Schweinsteiger für die Mannschaft ist, wurde gegen Neapel deutlich. Trotz des 3:1 von Federico Fernandez (45.) hatten die Münchener die Partie im Griff – bis sich der Profi im Kopfballduell mit Gökhan Inler verletzte (53.) und sofort Sanitäter herbeirief, die ihn auf einer Trage abtransportierten.

Sein Gesicht war schmerzverzerrt, Freundin Sarah Brandner lief zum Krankenwagen. Die Gastgeber verloren die Ordnung, Fernandez traf erneut (79.) und setzte damit die Bayern so sehr unter Druck wie noch nie in dieser Saison. „Der Ausfall Bastians hat die Mannschaft geschockt. Er ist der Mittelfeldmotor, der das Tempo beschleunigt und beruhigt“, so Gomez.

Wer übernimmt nun seine Rolle? Die besten Voraussetzungen dafür hat der formstarke Toni Kroos. Eine Variante für das Bayern-System in der Ohne-Schweinsteiger-Phase: Kroos spielt wechselweise mit Luiz Gustavo und Anatoli Timoschtschuk vor der Abwehr, Thomas Müller übernimmt die Position im zentralen Mittelfeld. „Wenn der Trainers es möchte, kann ich weiter hinten spielen“, sagte Kroos.

Unverständnis bei Hoeneß

Die Bayern zeigen in dieser Saison mit wenigen Ausnahmen herausragenden Fußball. Trainer Jupp Heynckes wird in der funktionierenden Mannschaft nach der Devise handeln: So viel ändern wie nötig, so wenig wie möglich.

Franck Ribery wird auf der linken Seite bleiben – und rechts dürfte David Alaba spielen. Das Talent aus Österreich hat nach seinen Einwechslungen gute Leistungen gezeigt, beim 1:2 in Hannover den Anschluss erzielt und beim 6:0 im DFB-Pokal gegen den Zweiligaklub Ingolstadt überzeugt. Vieles deutet daraufhin, dass Heynckes ihn am Sonntag in Augsburg von Beginn an spielen lässt.

Die Bayern haben den Kader vor der Saison bewusst in der Breite verstärkt, Präsident Uli Hoeneß wollte Fans und Mannschaft daher am Donnerstag beruhigen: „Der Aufschrei, der durch Deutschland geht, den kann ich nicht nachvollziehen. Einen Spieler wie Bastian Schweinsteiger kann man nicht eins zu eins ersetzen, dafür ist er zu wertvoll, auch von seinen Führungsqualitäten her. Aber wir reden hier jetzt über sechs Wochen bis Weihnachten. Ein Schlüsselbeinbruch ist noch das positivste, was an der Schulter passieren kann. Sechs Wochen – das muss der Rest des Kaders auffangen können.“

Motto: Der Dirigent ist wichtig, aber ein gutes Orchester spielt auch ein paar gute Konzerte ohne ihn.

Chance für Robben

Die Verletzung Schweinsteigers kann auch zur Chance für Arjen Robben werden. Der Offensivstar ist nach wochenlanger Verletzungspause im Aufbautraining. Angewiesen war die Mannschaft zuletzt nicht mehr auf ihn – für den Niederländer ein neues Gefühl.

Für Robben ist es eine Herausforderung zu zeigen, dass er mehr als der egoistische Star mit genialen Momenten und wenig Lust auf Defensivarbeit ist. Trainer Heynckes wird aber geduldig warten, bis Robben wirklich fit ist. Die Bayern wollen einen Rückschlag ausschließen, der Star war in der Vergangenheit zu oft verletzt.

In zwei Wochen gegen Dortmund

Zur Hektik besteht auch kein Grund: In der Champions League ist den Bayern der Gruppensieg nur schwer zu nehmen, im Achtelfinale des DFB-Pokals treffen sie mit Bochum erneut auf einen Zweitligaklub.

In der Bundesliga hingegen steht ein wohl richtungsweisendes Spiel bevor: In zwei Wochen empfangen die Bayern Meister Dortmund. Als Schweinsteiger im März zum letzten Mal in der Liga fehlte, verlor München 1:3 in Hannover. „Dem Jupp wird schon was einfallen“, sagte Rummenigge.