Box-Star Pacquiao

"Ich bin aus Verantwortung zum Siegen verdammt"

| Lesedauer: 11 Minuten
Gunnar Meinhardt

Foto: REUTERS

Manny Pacquiao, der bestbezahlte Boxer der Welt, spricht mit Morgenpost Online über den Marquez-Kampf, das Duell mit Mayweather jr. und seine politischen Ambitionen.

Haben sie noch etwas Geduld“, bittet Trainer Freddy Roach um Nachsicht, „Manny schläft noch.“ Manny heißt mit bürgerlichem Namen Emmanuel Dapidran Pacquiao. Seit einem Jahrzehnt wird der 32-jährige Filipino von Roach, 51, betreut. Während dieser Zeit entwickelte er sich zum spektakulärsten Boxer der Welt.

Zum Ausspannen zwischen zwei Übungseinheiten nutzt der Superstar häufig den schlichten Ruheraum über dem „Wild Card Gym“, der legendären Trainingsstätte im Herzen von Hollywood. Oftmals nickt er dabei so tief ein, dass er den Wecker nicht hört. So auch jetzt, gut drei Wochen vor dem „Kampf des Jahres“ am 12. November in Las Vegas gegen den Mexikaner Juan Manuel Marquez, 38.

Fast eine Stunde nach dem vereinbarten Gesprächstermin erscheint der Weltmeister der World Boxing Organization. Pacquiaos schwarze Haare sind zersaust, er kann kaum aus den Augen gucken, ein Lächeln erhellt aber sein Gesicht. „Entschuldigung“, sagt er, „aber ich war einfach so müde.“

Morgenpost Online: Haben Sie denn etwas Schönes geträumt, Mister Pacquiao?

Manny Pacquiao: Bitte sagen Sie nicht Mister Pacquiao! Das klingt so ungewohnt. Alle nennen mich Manny, also können Sie das auch tun.

Morgenpost Online: Okay. Manny, haben Sie gut geträumt?

Pacquiao: Wenn ich schlafe, schlafe ich. Da bleibt keine Zeit für Träumereien. Jetzt bin ich in der wichtigsten Phase der achtwöchigen Kampfvorbereitung. Das schlaucht derart, dass ich mich nach jedem Training fühle wie ein Toter. Ich trainiere immer so, als wäre es mein erster Kampf. Dabei gehe ich nicht nur jedes Mal an meine physischen Grenzen. Ich mache allein über 1000 Sparringsrunden. Auch die Nerven sind wochenlang extrem angespannt. Ich betrachte es als besonderes Geschenk, Weltmeister zu sein. Und Geschenke gibt man nicht aus der Hand. Seit April 2005 habe ich nicht mehr verloren. Ich bin zum Siegen verdammt, da ich eine riesige Verantwortung habe.

Morgenpost Online: Wem gegenüber?

Pacquiao: Meinen Fans weltweit, meinen Landsleuten, allen, die mich mögen. Ich boxe, um sie glücklich zu machen. Es ist doch ein Wahnsinn, wenn während meiner Kämpfe über 90 Millionen Filipinos vor dem Fernseher sitzen und die Kriminalitätsrate im Land drastisch zurückgeht. Wenn mir das einer prophezeit hätte, als ich zu boxen begann, hätte ich das niemals für möglich gehalten.

Morgenpost Online: Ihre ersten Kämpfe bestritten Sie als 14-Jähriger, nachdem Sie sich aus Ihrer Heimatstadt General Santos City in die 1000 Kilometer entfernte Hauptstadt Manila aus dem Staub gemacht hatten.

Pacquiao: Ich musste weg und die Schule abbrechen. Mein Vater hatte uns verlassen, als ich sechs war. Ich konnte einfach nicht mehr mitansehen, wie sich meine Mutter täglich quälte, um meine fünf Geschwister und mich halbwegs satt zu bekommen. Wir waren sehr, sehr arm. Ich wusste, dass ich meiner Mutter das Herz breche, wenn ich sie verlasse. Sie wollte ja immer, dass ich Priester werde. Ich aber wollte ihr helfen. Ich wollte in Manila Geld verdienen, um sie zu unterstützen. Außerdem glaubte ich, dort bessere Möglichkeiten als Boxer zu finden. Boxen liebte ich von klein auf. Als ich acht war, habe ich meine Hände mit Handtücher umwickelt und Schattenboxen geübt. Ich war auch immer dabei, wenn ein Mal wöchentlich Kämpfe auf der Main Plaza ausgetragen wurden.

Morgenpost Online: Mit 16 Jahren gaben Sie Ihr Profidebüt. Im Juni 2001 kämpften Sie erstmals in den USA. Wissen Sie noch die Börse?

Pacquiao: Wer von so tief unten wie ich kommt, vergisst das nie. Weil ich ganz kurzfristig einsprang, zahlte man mir 40.000 Dollar. Für mich war das so, als würden die Geburten meiner Kinder, meine Hochzeit und sämtliche Feiertage auf einen Tag fallen.

Morgenpost Online: Inzwischen haben Sie 58 Kämpfe bestritten, von denen Sie 53 gewannen, und sind der bestbezahlte Boxer. Mit allen Nebeneinnahmen kassieren Sie unabhängig vom Ausgang eines Kampfes, der maximal 36 Minuten dauert, mehr als 30 Millionen Dollar. Verliert man bei solchen Summen nicht die Relation zum Geld?

Pacquiao: Natürlich ist es ein Segen, sich leisten zu können, was man möchte. Erst kürzlich habe ich mir einen Ferrari gekauft. Doch glauben Sie mir, ich weiß noch immer jeden Cent zu schätzen. Ich werde nie vergessen, wo ich hergekommen bin. Wie ich hungrig mit leeren Taschen durch Manila zog. Welches Leid ich erlebt habe. Ohne das Leben auf der Straße wäre ich nie Weltmeister geworden. Ich schwor mir damals: Sollte ich einmal reich sein, sorge ich dafür, dass es anderen nicht so geht wie mir als Jugendlicher.

Morgenpost Online: Und?

Pacquiao: Mit meinem Geld versuche ich zu helfen, wo es geht. Ich unterstützte zahlreiche Charity-Veranstaltungen, finanziere eine Organisation, die sich darum kümmert, dass sich junge Mädchen nicht als Sexsklavinnen verkaufen müssen, chartere Flugzeuge, damit Fans zu meinen Kämpfen fliegen können. Oder unlängst spendete ich mehrere Millionen Dollar für den Bau des ersten Krankenhauses in meiner Heimatstadt. In dem Distrikt leben mehr als 300.000 Menschen.

Morgenpost Online: Auch in den USA sind Sie enorm populär. Wie erklären Sie sich das? Ihr Promotor Bob Arum vergleicht Sie schon mit Muhammad Ali , für den er einst 25 Kämpfe veranstaltet hat.

Pacquiao: Das ehrt mich ungemein, doch Muhammad Ali ist durch niemanden zu toppen. Er war und bleibt einmalig. Warum ich so beliebt bin? Ich kann es schwer sagen. Vermutlich, weil ich so bin, wie ich bin. Weil ich den amerikanischen Traum verwirklicht habe. Ein entscheidender Fakt ist, dass ich in den USA meine Kämpfe mache, dort trainiere und in Fernsehshows auftrete. Die Menschen wissen, dass ich keinem Gegner aus dem Weg gehe. Ich habe sie überzeugt, dass es sich lohnt, für meine Kämpfe Geld zu bezahlen.

Morgenpost Online: Sie sind natürlich auch ein interessanter Typ: Vierfacher Familienvater, Politiker, Boxer, Unternehmer, Schauspieler, Sänger, Sie spielen Basketball und züchten Kampfhähne. Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Pacquiao: Das frage ich mich manchmal auch. Doch es gelingt. Und erstaunlich gut sogar. Das geht natürlich nur durch ein straffes Zeitmanagement, extreme Selbstdisziplin, zuverlässige Mitstreiter und die vollste Konzentration auf das, was man gerade macht. Dazu gehört, dass ich tagsüber meistens zweimal wenigstens eine Stunde schlafe. Denn vor Mitternacht komme ich nie ins Bett. Und früh um sechs stehe ich auf.

Morgenpost Online: Quasi mit dem ersten Hahnenschrei, das passt ja. Wieso züchten Sie Kampfhähne?

Pacquiao: Ein großes Hobby von mir. Ich habe einige tausend Tiere, die ich auf einem eigenen Bauernhof in meiner Heimatprovinz züchte. Über dem Eingang zur Farm hängt ein Weltmeistergürtel von mir, der geschmückt ist mit schwarzen und orangefarbenen Hahnenfedern.

Morgenpost Online: In vielen Ländern sind Hähnenkämpfe aus Tierschutzgründen oder wegen Wettverbot untersagt.

Pacquiao: Bei uns aber sind sie legalisiert, äußerst populär und ein großes Geschäft. An sechs Abenden in der Wochen werden sie live im Fernsehen übertragen. Nach Basketball ist der Hahnenkampf der zweitbeliebteste Volkssport. Nicht umsonst wird bei uns behauptet, dass bei einem Hausbrand zuerst der Kampfhahn in Sicherheit gebracht wird und erst dann die Frau und die Kinder.

Morgenpost Online: Sie sind politisch sehr engagiert. Wollen Sie philippinischer Staatspräsidenten werden?

Pacquiao: Wir werden sehen. Boxen ist meine Passion, Politik meine Berufung. Eine Kandidatur kann vorerst nicht in Frage kommen, weil man bei uns mindestens 40 Jahre alt sein muss, bevor man gewählt werden darf. Im Sechs-Jahres-Rhythmus wird gewählt, das nächste Mal 2016. Dann bin ich erst 37. Vor 2022 ist das also kein Thema.

Morgenpost Online: Müssen Sie sich nicht hin und wieder kneifen, um zu begreifen, was Sie durch den Sport erreicht haben?

Pacquiao: Das brauche ich nicht. Ich erlebe alles ganz bewusst, ohne den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ich bin kein Träumer. Ich setze mir Ziele und versuche sie mit aller Konsequenz umzusetzen.

Morgenpost Online: Als nächstes verteidigen Sie Ihren WBO-Titel im Weltergewicht. Wären Sie lieber Schwergewichtler?

Pacquiao: Sie meinen, damit die Klitschkos endlich einen ernsthaften Gegner hätten?

Morgenpost Online: Zum Beispiel. Es gab schon mal einen Boxer, der vom Fliegen- bis zum Schwergewicht erfolgreich gekämpft hat: Der Franzose Georges Carpentier Anfang des 19. Jahrhunderts.

Pacquiao: Wenn Sie mich kennen, wissen Sie ja, dass ich vor keiner Herausforderung zurückschrecke. Doch bis ins Schwergewicht werde ich bestimmt nicht aufsteigen. Die Klitschkos brauchen also keine Angst zu haben.

Morgenpost Online: Würden Sie sich Mittelgewichts-Weltmeister Felix Sturm stellen?

Pacquiao: Warum sollte ich ihm aus dem Weg gehen? Die Gegner aber suche nicht ich aus, sondern mein Promotor.

Morgenpost Online: Ein Jahrhundertkampf wäre das Duell gegen den unbesiegten Amerikaner Floyd Mayweather jr . Jeder von Ihnen bekäme mindestens 40 Millionen Dollar Börse. Woran scheitert der Fight?

Pacquiao: Ganz eindeutig an Mayweather. Ich kann ihn nicht in den Ring prügeln. Er will partout nicht antreten. Zu meiner Befriedigung brauche ich den Kampf auch nicht. Ich finde es nur traurig für den Boxsport und die Fans, die die Leidtragenden sind, wenn wir nicht kämpfen.

Morgenpost Online: Wird der Kampf noch kommen?

Pacquiao: Schwer zu sagen. Zumal ich Mayweather jr., dessen Vater und einige Teammitglieder wegen Diffamierung verklagt habe. Sie hatten behauptet, dass ich Steroide und Wachstumshormone nehmen würde.