Toni Mang

"Absolute Sicherheit ist leider ein Wunschtraum"

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Matthias Brzezinski

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Motorrad-Legende Toni Mang spricht mit Morgenpost Online über den Aufschwung der Deutschen, was Stefan Bradl auszeichnet und die Sicherheitsdiskussion.

Erstmals seit dem Titelgewinn von Dirk Raudies 1993 (Klasse bis 125 Kubikzentimeter) kann ein deutscher Motorradrennfahrer wieder Weltmeister werden. Stefan Bradl (21) geht am Sonntag (12.05 Uhr, Sport1) mit einem Vorsprung von 23 Punkten gegenüber Marc Marquez ins letzte Saisonrennen.

Allerdings gab es Mittwochabend widersprüchliche Meldungen, nach denen der 18 Jahre alte Spanier wegen seiner Sturzverletzungen voraussichtlich nicht starten kann. Marquez sei noch nicht völlig erholt und seine Teilnahme sei ausgeschlossen, falls es nicht noch eine Verbesserung in letzter Minute gäbe, hieß es in einer Mitteilung.

Startet Marquez, muss er gewinnen. Bradl genügt in diesem Fall Rang 13 zum Titelgewinn. Mit dem Honda-Piloten aus Zahling wird aber mehr verbunden als der WM-Titel. Bradl steht für den zarten Aufschwung und Imagegewinn der Motorradrennfahrer in Deutschland. Der fünfmalige Champion Toni Mang (62) spricht über Bradls Chancen und Perspektiven sowie über Schlüsse aus dem tödlichen Unfall des Italieners Marco Simoncelli (24) am 23. Oktober in Malaysia .

Morgenpost Online: Herr Mang, Sie gelten als harter Kritiker des deutschen Motorradrennsports. Seit langer Zeit hat mal wieder ein deutscher Fahrer nach dem wertvollsten Titel der Branche gegriffen. Was unterscheidet den neuen Weltmeister Stefan Bradl von seinen Kollegen?

Toni Mang: Stefan hat sich enorm weiterentwickelt. Er wäre vor zwei, drei Jahren an einer Situation, wie er sie heuer erlebt hat, vielleicht noch zerbrochen. In der WM mit einem riesengroßen Abstand zu führen und dann gegen Marquez eine Niederlage nach der anderen einzustecken, in Rückstand zu geraten und dennoch zurückzuschlagen, zeichnet ihn aus.

Morgenpost Online: Sie haben vor einiger Zeit gesagt, Bradl würde am ehesten in Ihre Fußstapfen treten. Was bringt er mit, was seinen deutschen Kollegen fehlt.

Mang: Er ist mittlerweile in der Lage, durch Beständigkeit und Ausdauer zum Erfolg zu kommen – für mich zwei der wichtigsten Qualitäten, die ein Rennfahrer haben sollte. Er fährt konsequent gleichmäßig gute Rundenzeiten, bietet seinen Konkurrenten wenige Angriffsmöglichkeiten, auch weil er wenig Fehler macht. Er hat gelernt, für sich die Risiken gut einzuschätzen, und er ist beständig gut, wenn es um die Startplätze geht.

Morgenpost Online: Bradl galt lange als zu weich, hatte sich im Februar 2007 sogar entschlossen, ganz auf eine Motorradkarriere zu verzichten.

Mang: Ich kenne nicht alle Umstände, wie es damals bei ihm aussah. Aber er hat in seinem Vater (Helmut Bradl war 1991 WM-Zweiter in der Klasse bis 250 ccm; d. Red.) einen professionellen Ratgeber und später im Team von Stefan Kiefer offenbar die Mischung aus Nestwärme und Leistungsdruck, die er brauchte. Stefan hat sich körperlich und mental entwickelt. Er ist ein Fahrer, der ein Rennen mitbestimmen kann. Wenn ihm noch etwas fehlt, dann vielleicht etwas Kompromisslosigkeit in den letzten Runden.

Morgenpost Online: Trauen Sie Stefan Bradl oder auch Sandro Cortese, der bei den 125ern zwei Grands Prix gewonnen hat, zu, die deutsche Motorradszene ein Stück vorwärts zu bringen?

Mang: Ja, allerdings nur, wenn es nicht bei einem WM-Titel bleibt. Sicher muss einer den Anfang machen und die anderen wachrütteln. Wenn dann über Jahre hinweg zwei, drei Deutsche vorn mitfahren, wird Deutschland wieder ein Motorradsportland, wie es zu meiner Zeit eines war. Die Hoffnung dürfen wir haben, denn neben Bradl hat Sandro Cortese zweimal gewonnen und Jonas Folger auch einmal.

Morgenpost Online: Deutschland ist aber ein Autosportland?

Mang: Ganz eindeutig. Und wir können niemandem einen Vorwurf machen, denn wenn in Sebastian Vettel einer fast nahtlos in Michael Schumachers Fußstapfen tritt, dann ruft das Begeisterung und Interesse hervor. Auch natürlich bei Industrie und Sponsoren.

Morgenpost Online: Unabhängig vom positiven deutschen Trend gab es vor knapp zwei Wochen in Malaysia mit Marco Simoncellis tödlichem Sturz einen bitteren Tiefpunkt. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Chance, so etwas zu vermeiden?

Mang: Nein, das ist leider ein Wunschtraum.

Morgenpost Online: Allen Sicherheitsbemühungen zum Trotz?

Mang: Es hat seit meiner Zeit enorme Verbesserungen in dem Bereich gegeben. Die Kleidung mit eingebauten Airbags und Protektoren, die verbesserten Helme und Reifen sowie auch die flexiblen Streckenbegrenzungen sind verantwortlich für viel mehr Sicherheit. Aber der menschliche Körper hat eine Belastungsgrenze. Die war beim Sturz von Simoncelli ganz bestimmt überschritten. Und es wird auch nicht gelingen, eine solche Rennsituation wie die bei dem Unglück unmöglich zu machen.

Morgenpost Online: Es gab Kritik an den Rettungsmaßnahmen.

Mang: Dazu kann ich gar nichts sagen.

Morgenpost Online: Müssten die Piloten einfach vorsichtiger sein, fühlen sie sich durch die genannten Verbesserungen in einer trügerischen Sicherheit?

Mang: Jeder Fahrer will gewinnen und setzt sich eine persönliche Grenze. Das beinhaltet sicher auch das Maß an Vorsicht, was jeder für sich sieht. Aber Vorsicht ist nicht für alle gleich. Und der Bereich zwischen dem, was geht, und dem, was eben nicht mehr geht, ist unglaublich klein. Und: Jeder Mensch macht Fehler.

Morgenpost Online: Stefan Bradl wurde mit einem Aufstieg in die nächsthöhere Klasse MotoGP in Verbindung gebracht. Das klappt nicht. Ein Rückschlag?

Mang: Bei den Fans ist die MotoGP die Königsklasse, was ja stimmt. Aber Stefan hat sich in der schwierigsten, weil am ausgeglichensten besetzten Klasse durchgesetzt. Für mich macht das seinen Erfolg noch wertvoller. Er ist ja noch jung, kann also noch aufsteigen.