Aufsichtsrat Stoiber

"Die Bayern haben noch nie so gut gespielt"

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Julien Wolff

Foto: dpa / dpa/DPA

Bayern Münchens Aufsichtsrat Edmund Stoiber spricht mit Morgenpost Online über das Lagerfeuer Fußball und einen Transfer von Lionel Messi.

Morgenpost Online: Herr Dr. Stoiber, Sie sind seit 45 Jahren Mitglied des FC Bayern München. Vergeht ein Tag, an dem sich nicht an Fußball denken?

Edmund Stoiber: Ganz selten. Dafür interessiere ich mich viel zu sehr für diesen Sport. Ich informiere mich über Fußball in ganz Europa.

Morgenpost Online: Wie ist diese Liebe entstanden?

Stoiber: Ich war sieben, als mein Vater mich zum ersten Mal mit zum Fußball nahm, zu einem Spiel der FV Oberaudorf in unserem Heimatort. Von diesem Tag an hat mich Fußball interessiert. Ich habe selbst bis ins Studentenalter in verschiedenen Vereinen gespielt, war aber leider nur begrenzt begabt. Für mich war es trotzdem immer der Sport schlechthin.

Morgenpost Online: Waren Sie Verteidiger oder Stürmer?

Stoiber: Die guten Spieler haben vorn gespielt. Ich war meist Verteidiger. Sicher war ich nicht der Beste, wohl aber der Leidenschaftlichste. Ich war mehr Hans-Georg „Katsche“ Schwarzenbeck als Franz Beckenbauer (lacht).

Morgenpost Online: Wie wurden Sie Bayern-Fan?

Stoiber: Bayern München ist mir aufgefallen, weil es einer der wenigen Vereine war, der einen Landesnamen trug. Das hat mich neugierig gemacht. Es war für mich zunächst aber nicht möglich, ein Spiel in München zu sehen, das war zu teuer und zu weit weg. Mit 14 Jahren bin ich zum ersten Mal mit meinem Vater ins Grünwalder Stadion gefahren. Bayern spielte gegen Ulm, und mir ist gleich der Stürmer Erich „Witschi“ Hahn aufgefallen. Er hätte einer der besten werden können, der je für die Bayern gespielt hat. Ihm fehlte nur der nötige Ernst. Zur zweiten Hälfte ist er nicht mehr erschienen, weil er zum Trabrennen gegangen ist. Und einige Jahre später ist dann etwas passiert, was mich tief traf.

Morgenpost Online: Was?

Stoiber: Bayern wurde nicht in die Bundesliga aufgenommen. Der Erste der Oberliga Süd war 1860 München, mein Klub musste in der Zweiten Liga anfangen.

Morgenpost Online: Was macht den Mythos FC Bayern aus?

Stoiber: Der Verein bewegt die Nation. Die Hälfte der Deutschen freut sich über seine Siege, die andere Hälfte über seine Niederlagen. Was oft vergessen wird: Der FC Bayern hat sich alles hart erarbeitet. Welcher Klub schafft es schon, so lange in der Spitze mitzuspielen? Mönchengladbach und Bremen haben es über Jahre geschafft, nicht aber über Jahrzehnte. Und immer wieder haben die Bayern Geschichte geschrieben, wie die goldene Generation um Franz Beckenbauer und Gerd Müller.

Morgenpost Online: Die aktuelle Mannschaft erhält viel Lob. Kann sie so stark werden wie die aus den 70er-Jahren?

Stoiber: Ich verfolge den FC Bayern seit den späten 50er-Jahren. Und meiner Meinung nach hat er noch nie so kompakt und so gut Fußball gespielt wie derzeit.

Morgenpost Online: Woran liegt das?

Stoiber: Wir hatten oft überragende Spieler, Paul Breitner, Lothar Matthäus oder Oliver Kahn. Aber die technische Brillanz und Geschlossenheit der gesamten Mannschaft war nie so groß wie jetzt. Die Spielkultur ist die höchste in meiner Zeit als Bayern-Fan. Selbst Franck Ribery arbeitet nach hinten.

Morgenpost Online: Ein Verdienst von Trainer Jupp Heynckes?

Stoiber: Zweifelsohne. Sein Vorgänger Louis van Gaal hat seine Verdienste, aber er ist eben menschlich außerordentlich schwierig. Zum Leistungsprinzip gehört auch ein Stück Gemeinschaftssinn. Ich glaube, dass Führung heute anders funktioniert, als sich das van Gaal vorstellt.

Morgenpost Online: Was genau meinen Sie?

Stoiber: Branko Zebec oder Hennes Weisweiler – das sind Trainer, die letztlich keinen Widerspruch geduldet haben, und bei van Gaal war das auch ein Problem. Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Mario Gomez oder Thomas Müller sind aber Menschen, die sich einbringen wollen. Die Ideen haben. Und auf die sollte ein Trainer eingehen. Heynckes tut das.

Morgenpost Online: Viele sagen: „Mit ihm ist bei den Bayern Ruhe eingekehrt.“ Das dürfte Sie als Aufsichtsrat freuen.

Stoiber: Wir haben eine starke Führung. Es läuft sehr harmonisch, wir sind finanziell sehr gut aufgestellt. Im Aufsichtsrat gibt es wirtschaftliche Kompetenz in hohem Maße. Die Mitglieder des Gremiums verbindet die Leidenschaft zum Fußball, sie können mit allen hervorragend über Taktik und Spieler sprechen. Aber soll ich Ihnen sagen, was das Entscheidende ist?

Morgenpost Online: Gern.

Stoiber: Die Leidenschaft zum Fußball vernebelt nicht den Blick und die Beurteilung der Zahlen. Für den Aufsichtsrat sind die Bilanzen immer das Entscheidende. So ein Verein muss seriös geführt werden.

Morgenpost Online: In Europa gibt es andere Beispiele: Münchens Champions-League-Gegner Manchester City hat trotz Schulden vor der Saison rund 80 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben.

Stoiber: Unser Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge kämpft schon lange dafür, dass das Financial Fair Play eingeführt wird. Jetzt kommt es, und das ist der richtige Weg. Auch das macht den FC Bayern aus, dass er sich der Probleme im europäischen Fußball annimmt. Seine Stimme hat Gewicht, was vor allem an Rummenigge und natürlich an Uli Hoeneß liegt, mit dem mich seit vielen Jahren eine Freundschaft verbindet. Als er noch Manager des FC Bayern war, habe ich ihm gesagt: „Dieser Job ist mein Traumjob.“ (lacht)

Morgenpost Online: Sein Traum ist das Finale der Champions League 2012 in München.

Stoiber: Ich vergleiche den FC Bayern mit dem FC Barcelona. Er hat eine ähnliche Spielweise. Gut, wir haben vielleicht keinen Lionel Messi, und um ins Finale zu kommen, musst du an Riesenmannschaften wie Real Madrid, Manchester United oder AC Mailand vorbei. Doch die Voraussetzungen sind gut, wir dürfen träumen. Denn das Finale kommt so schnell nicht wieder nach München.

Morgenpost Online: Heynckes hat betont, er wünscht sich pro Saison zwei Topstars für den FC Bayern. Wenn er Ihnen einen Zettel hinlegt, auf dem der Name Messi steht – stimmen Sie dem Transfer zu?

Stoiber: Xavi, Andres Iniesta, Messi – das sind großartige Spieler. Aber wir sind derzeit so gut besetzt, dass wir da aus meiner Sicht nicht unbedingt sofort etwas machen müssen. Aber sportlich ist das eine Sache des Vorstandes.

Morgenpost Online: Und aus finanzieller Sicht?

Stoiber: Ist solch ein Messi-Transfer wohl kaum darstellbar. Mit Franck Ribery und Arjen Robben sind wir schon in eine besondere Liga eingestiegen. Das sind Weltklassespieler. Aber du siehst gleichzeitig, dass gute Nachwuchsarbeit sehr viel wert ist. Wie Bastian Schweinsteiger sich sportlich und menschlich entwickelt hat ist beachtlich. Auch Thomas Müller. Das sind Spieler für große Spiele. Für ganz große Spiele.

Morgenpost Online: Was ist Ihr Traum vom FC Bayern?

Stoiber: Wenn alles so bleibt, bin ich außerordentlich glücklich. Der FC Bayern steht sportlich und wirtschaftlich exzellent da. Und: Der Verein hat sein Image vom Klub der Millionarios abgelegt, sich gewandelt.

Morgenpost Online: Zu was?

Stoiber: Zu einem Verein mit Herz. Der nicht nur den kalten Erfolg anstrebt. Der Verein hat eine soziale Affinität. Nehmen Sie nur Breno, wie sich der FC Bayern um ihn kümmert! Gleichzeitig gilt aber immer: Wir dürfen nie stehen bleiben!

Morgenpost Online: Inwiefern?

Stoiber: Nehmen Sie die Herausforderung Asien: Fußball ist in China inzwischen der Sport Nummer eins und wächst auch im Kricketland Indien. Da müssen wir aufholen. Real Madrid, der FC Barcelona und Manchester United vermarkten sich dort schon lange. Die Marke FC Bayern kann dort Fußballbotschafter Deutschlands sein. Die Fragen sind: Wie können wir uns in China stärker verankern? Gibt es vielleicht einmal einen chinesischen Spieler, der in der Bundesliga mithalten kann? So wie es Dortmund mit dem Japaner Kagawa geschafft hat.

Morgenpost Online: Wie positiv kann der Sport auf unsere Gesellschaft wirken?

Stoiber: Der Fußball ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das ist eines der letzten Lagerfeuer, an denen Menschen jeden Alters und jeder Schicht zusammenkommen. Dieser Sport ist für den emotionalen Haushalt von 40 bis 50 Millionen Deutschen sehr wichtig, er ist für viele Menschen ein Ventil. In der Welt verändert sich so vieles so schnell, da ist der Fußball eine Konstante im Leben. Und er zeigt: Ohne Leistung kannst du ein Land nicht nach vorn bringen. Du musst auch Erster werden wollen.

Morgenpost Online: Der Leistungsdruck hat aber auch negative Seite, wie zuletzt das Beispiel Ralf Rangnick zeigte . Er trat wegen eines drohenden Burn-out-Syndroms als Trainer von Schalke 04 zurück.

Stoiber: Dieses Problem haben viele in unserer Gesellschaft: Lehrer, Angestellte und Manager. Das macht vor dem Fußball keinen Halt, hier ist der Leistungsdruck unendlich. Und oft wird die langfristige Arbeit wegen kurzfristiger Erfolglosigkeit nicht anerkannt. Der Sport ist da gnadenlos. Ich wünsche Ralf Rangnick alles Gute! Und ich bin sicher, dass er wiederkommen wird.