Katzbachstadion

Türkiyemspor auf Heimatsuche in Kreuzberg

Der Verein Türkiyemspor prägte das Katzbachstadion wie kein anderer Klub. Mittlerweile ist er längst ausgezogen - und trägt seine Heimspiele in Prenzlauer Berg aus.

Foto: Marion Hunger

„Das Spiel hat mich verletzt“, sagt Fikret Ceylan. Und es verletzt ihn noch heute. Dabei liegt es mehr als 20 Jahre zurück. Anfang Mai 1991 traf Türkiyemspor auf Tennis Borussia. Es ging um den Aufstieg in die Zweite Liga. 0:5 verlor Ceylans Türkiyemspor. Es ist die Partie, die ihn bis heute mit dem Katzbachstadion in Kreuzberg verbindet.

Ceylan sitzt auf der Bank des Platzwarts, hat sich gerade die dritte Zigarette angezündet, und fuchtelt nun damit herum. „11.000 Zuschauer waren hier, die saßen bis an den Spielfeldrand“, beschreibt er die Szenerie, „die Spieler konnten keinen Einwurf machen.“ Das Spiel gegen TeBe war der Scheitelpunkt in der Geschichte des Kreuzberger Klubs. Nach vier Aufstiegen und drei Berliner Pokalsiegen klopfte der Migrantenverein an die Tür zum professionellen Fußballgeschäft – und blieb doch draußen. „Der Berliner Fußball-Verband hat uns betrogen“, schimpft der 53-Jährige.

Das Spiel lässt ihn nicht los. Türkiyemspor hatte in der Oberligasaison einen Spieler eingesetzt, der trotz erteilter Spielberechtigung durch den Verband BFV nicht hätte auflaufen dürfen. Zumindest entschied so der BFV nachdem Hertha Zehlendorf geklagt hatte. Die Fußballoberen wollten alle Spiele als Niederlagen Türkiyemspors werten. Reinhard Rauball, heute Präsident von Borussia Dortmund und des Ligaverbands DFL, kämpfte für Ceylans Klub und holte einen Kompromiss heraus: Kurz vor dem Aufstiegsgipfel gegen TeBe musste Türkiyemspor vier Spiele nachholen. „Das schafft keiner“, klagt Ceylan. 26 Jahre, bis 2010 war er bei Türkiyemspor. Als Sponsor, als Präsident, als Manager. 1

978 war er nach Deutschland gekommen, wollte hier studieren und wurde stattdessen Kneipier. Er investierte viel in Türkiyemspor. „Mr. Türkiyem“ haben ihn die Berliner Medien genannt. In den 80er-Jahren war der Klub durch die Ligen gerauscht: von der Kreisliga C bis in die Oberliga. Mehr und mehr Anhänger kamen, Zuschauerzahlen jenseits der 1000 waren im Kreuzberger Katzbachstadion üblich. „Wenn wir ein Tor schossen, sind die Zuschauer aufs Feld gerannt und haben Spieler und Schiedsrichter geküsst“, erzählt Ceylan. „Und dann kamen die mit ihren blauen Müllsäcken voller Konfetti, mit Papierzeug aus dem Schredder und haben das in die Luft geschmissen“, sagt Ralf Heinig: „Das hat drei Tage gedauert bis wir das wieder entfernt hatten.“

Er setzt sich neben Ceylan. Für Heinig ist die Bank vorgesehen. Er ist Platzwart im Willy-Kressmann-Stadion, wie das Katzbach seit vergangenem Jahr heißt, benannt nach dem ehemaligen Kreuzberger Bürgermeister. Auch Heinig erzählt von den feiernden Fans. Der 56-Jährige ist der dienstälteste Platzwart im Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

Heimspiele in Prenzlauer Berg

Vor fünf Jahren hat der Bezirk den Kabinentrakt sanieren lassen, die Fensterrahmen sind aus Holz, sie müssen es sein, denn das Stadion steht unter Denkmalschutz. „Das ist hier der Vorzeigesportplatz Kreuzbergs“, sagt Heinig und blickt auf die rote Laufbahn, die massiven Stehplatztribünen an den Längsseiten des Platzes und die vielen, vielen Mülleimer. Das Katzbachstadion ist so gut gepflegt, als warte man stündlich auf die Rückkehr des großen Fußballs, der dem Stadion in den 90er-Jahren verloren ging. Auch andere Vereine begannen auf Spieler mit Migrationshintergrund zu setzen, das Fernsehen zeigte Fußball ohne Ende, die Türken konnten ihre heimische Süperlig über Satellit auch im fernen Berlin schauen – und so blieben die Zuschauer weg, listet Ceylan die Gründe für den Niedergang auf.

Türkiyemspor ist längst ausgezogen, das Stadion erfüllte nicht die Auflagen des Deutschen Fußball-Bundes. Der wieder in die vierte Liga abgestiegene Klub trägt seine Heimspiele mittlerweile im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg aus. Zum ersten Heimspiel in dieser Saison gegen Wismar kamen nur 68 Zuschauer ins Stadion am Mauerpark. Ceylan kann nicht verstehen, warum Türkiyemspor nicht wieder im Katzbachstadion aufläuft. „Hier würden mehr Zuschauer kommen, hier ist doch die Heimat“, sagt der Mann, der hier selbst nicht mehr heimisch ist. Er ist seit 2010 Manager beim Berliner AK, dem Türkiyemspor Weddings. Die spielen in Moabit, im Poststadion. Dort, wo Türkiyemspor nie hinziehen wollte.