Tischtennis-EM

Roßkopf – "Boll muss im eigenen Haus aufpassen"

| Lesedauer: 5 Minuten
Melanie Haack

Foto: dpa/DPA

Bundestrainer und Tischtennisidol Jörg Roßkopf spricht im Interview mit Morgenpost Online über die deutsche EM-Mannschaft und kritisiert das Fernsehen.

Jörg Roßkopf (42) gewann mit Steffen Fetzner bei den Weltmeisterschaften 1989 in Dortmund Gold im Doppel und bescherte seinem Sport einen unerwarteten Boom.

Seit Sommer 2010 ist Deutschlands „Mr. Tischtennis“ Bundestrainer und derzeit bei den Europameisterschaften in Danzig/Polen im Einsatz. Die Männer um Timo Boll haben alle drei Titel zu verteidigen: Einzel, Doppel und Team. Und eine Medaille hat das Team sicher. Timo Boll und Co. besiegten im Viertelfinale Griechenland mit 3:1. Nächster Gegner im Halbfinale am Dienstag ist der Sieger des Duells zwischen Ungarn und Portugal am Montagabend.

Morgenpost Online: Herr Roßkopf, hätten Sie gern unter Ihrer Anleitung trainiert?

Jörg Roßkopf: Ich habe versucht, von meinen ehemaligen Trainern viele gute Sachen zu übernehmen und meinen eigenen Stil zu entwickeln. Viele dachten, dass Jörg Roßkopf dieser knallharte Trainer wird – das bin ich auf keinen Fall. Da waren die Spieler sicher auch ein bisschen überrascht. Es ist ein sehr modernes Training. Und ja, ich glaube schon, dass ich gern unter mir trainiert hätte, weil viele neue Aspekte im Training sind und ich das Pensum angezogen habe. Ich habe in meiner Karriere früher sehr, sehr viel trainiert – deshalb würde mir das nichts ausmachen.

Morgenpost Online: Christian Süß, mit Boll Titelverteidiger im Doppel, ist nach einer Verletzung noch nicht fit. Hätten Sie nicht selbst Lust gehabt, ihn zu ersetzen?

Roßkopf: Nein, auf keinen Fall. Zum einen habe ich sehr lange nicht trainiert. Und zum anderen habe ich viele gute Spieler, denen ich vertraue. Die Jungs sollen auch wissen, dass ich nie denke, ich könnte es besser. Ich will mich auch nicht bei den Überlegungen ertappen, wie ich selbst früher gegen den einen oder anderen Sportler gespielt habe – denn die meisten kenne ich ja selbst noch als Gegner.

Morgenpost Online: 2012 stehen die Teamweltmeisterschaften in Dortmund und die Olympischen Spiele in London an. Welchen Stellenwert besitzen die Europameisterschaften?

Roßkopf: Für die Spieler geht es um die Nominierung für die WM und für die Olympischen Spiele – allein deshalb ist die EM wichtig. Die großen Ziele sind aber natürlich diese beiden Ereignisse, darauf ist alles ausgerichtet. Wir hatten auch keine Zeit, uns großartig auf die EM vorzubereiten, die Spieler waren im Alltag drin – in der Bundesliga, in der Champions League, im Pokal.

Morgenpost Online: Was ist dennoch möglich?

Roßkopf: Ziel ist immer das Maximum. Timo Boll hat es gut gesagt: Wenn er Turniere spielt, will er auch erfolgreich abschneiden und das letzte Spiel, also das Finale, gewinnen. Wir wollen mit der Mannschaft unseren Titel verteidigen. Genauso haben wir im Einzel und im Doppel Männer, die auf dem Treppchen stehen können.

Morgenpost Online: Bastian Steger hat Timo Boll kürzlich in der Bundesliga besiegt. Eine Momentaufnahme nach Bolls kraftraubendem Trainings- und Punktspielaufenthalt in China oder ist Ähnliches auch bei der EM möglich?

Roßkopf: Ich glaube, dass es grundsätzlich immer möglich ist. Timo hat in den eigenen Reihen sehr gute Spieler – Dimitri Owtscharow ist bei der EM an Nummer drei, Steger an vier gesetzt. Dann ist da Patrick Baum. Timo muss im eigenen Haus aufpassen. Ich würde es gern sehen, wenn es zum Halbfinale Boll gegen Steger oder Owtscharow kommt. Wie Timo in so einer Situation reagiert, aber auch, wie die anderen beiden damit umgehen, wenn sie auf einmal gegen ihn nicht mehr als krasse Außenseiter antreten, sondern als Spieler, die den großen Timo Boll vielleicht sogar bezwingen können. Aber bis dahin ist es ein ganz weiter Weg.

Morgenpost Online: Ist es Fluch oder Segen, dass sich die Aufmerksamkeit auf Boll fokussiert?

Roßkopf: Für die Spieler ist es ein Segen. Sie können sich in Ruhe vorbereiten, haben einen Spieler, der vieles von ihnen fernhält, der den Druck abbekommt, fast immer gewinnen zu müssen. Wir haben eine starke Mannschaft, alle verstehen sich gut, der Teamgeist stimmt. Timo ist ein absoluter Teamplayer, der gut für die Mannschaft ist, der zwar sicher auch mal das eine oder andere laute Wort sagen könnte, aber das liegt nicht in seinem Naturell.

Morgenpost Online: Bolls WM-Bronzegewinn war nur im Internet zu sehen. Frustriert das?

Roßkopf: Ich habe mich daran gewöhnt. Die Sportsendungen bestehen fast nur noch aus Fußball, sodass viele andere Sportarten zu kämpfen haben. Ich finde es nicht so berauschend, dass die Menschen Gebühren bezahlen, aber viele Sportarten nicht sehen können. Das ist schade, denn wir haben eine Vorbildfunktion für Kinder und Jugendliche – und die brauchen heutzutage einen Anschubser, der sie wegbringt von den Computern, hin zu den Vereinen. Es ist wichtig, dass sie sich bewegen, sonst werden wir in zehn, 15 Jahren unser blaues Wunder erleben, noch weniger Mitglieder in den Vereinen haben und noch weniger Medaillen bei Großereignissen holen – und dann wird das Gejammer auf höchstem Niveau in Deutschland wieder anfangen.