Turnen

Philipp Boy gewinnt Silbermedaille im Mehrkampf

Mit einer sensationellen Aufholjagd hat sich Philipp Boy bei der WM in Tokio zu Silber im Mehrkampf geturnt. Lokalmatador Kohei Uchimura schreibt Geschichte.

Foto: AFP

Fabian Hambüchen fehlte in der deutschen Jubeltraube in Tokio um den alten und neuen Vize-Weltmeister Philipp Boy, doch spätestens beim Reck-Finale am Sonntag (9.15 Uhr/MESZ) kann der Olympia-Dritte dem euphorisierten Cottbuser nicht mehr ausweichen.

„In diesen Endkampf werde ich richtig schön gelöst reingehen. Das kann man gerne als Kampfansage sehen“, sagte der Europameister und spielte mit flinken Fingern an seiner riesigen Silbermedaille.

War der zweite WM-Platz im Mehrkampf vor Jahresfrist in Rotterdam noch eine echte Überraschung, nahm der Lausitzer den erneuten Triumph, zweitbester Athlet hinter dem in eigenen Sphären turnenden Japaner Kohei Uchimura zu sein, diesmal schon mit einer gewissen Selbstverständlichkeit entgegen.

Nervenstärke bewiesen

„Man wird mittlerweile anders wahrgenommen, die anderen Turner zollen einem mehr Respekt.“ Trotzdem fühlte sich der 24-Jährige vor seiner entscheidenden Reckübung ziemlich mies: „Da ging mir der Arsch auf Grundeis, aber jetzt ist das alles vergessen.“

Denn mit 16,066 Punkten hat der Silver-Boy am Sonntag am Königsgerät eine weitere Medaillenchance. Der undankbare vierte Platz bei der WM - direkt hinter Hambüchen - fuchst ihn immer noch: „Ich habe mir geschworen, es diesmal besser zu machen.“

Vor 6000 ganz unasiatisch emotional aufgeheizten Zuschauern im Metropolitan Gymnasium fand Boy seine bei diesen Welttitelkämpfen bislang vermisste Nervenstärke zurück. Schon beim Startgerät Boden ließ der deutsche Mehrkampf-Meister mächtig Adrenalin ab, Durchgang auf Durchgang folgte ohne nennenswerten Fehler.

Titel-Hattrick für Uchimura

Und nachdem er am Sprung den spektakulären Roche unter dem Raunen des fachkundigen Publikums sicher gestanden hatte, hatte auch Bundestrainer Andreas Hirsch wieder Blut geleckt. „Das war ein Big Point, genau wie sein Ding am Reck“, meinte der Chefcoach, der seinen Schützling nach einer extrem harten Wertung am Barren aber schnell noch einmal aufrichten musste: „Da hat Philipp sich ganz schön ausgekotzt.“

Um nur eine knappe halbe Stunde die Siegerehrung mit Uchimura, der mit seinem Titel-Hattrick Turngeschichte schrieb, und dessen Landsmann Koji Yamamuro sowie die Umarmungen der Teamkollegen sichtlich zu genießen.

An einen Sieg hatte der Mannschafts-Europameister ohnehin keinen Gedanken verschwendet: „Dafür bin ich wohl in der falschen Generation geboren. Aber Kohei ist ein Supertyp, ich gönne ihm die Goldmedaille. Es ist schon Wahnsinn, dass er auch gewonnen hätte, wenn er am Reck runtergefallen wäre.“

Gerätefinals am Samstag

Nicht gestürzt, aber gestrauchelt war zuvor Marcel Nguyen am Sprung, dennoch durfte der Unterhachinger mit dem achten Platz das bislang beste Ergebnis seiner Karriere feiern. Verbunden mit der Qualifikation für die nächstjährige Weltcupserie, die mit über 800.000 Euro dotiert ist, auch eine finanzielle Perspektive für den Barren-Europameister.

„Wir hoffen jetzt nur, dass sein Bein vollständig heilt. Dann ist beim Sprung und am Boden noch mehr möglich“, sagte sein Trainer Waleri Belenki. Nguyen hat die Folgen eines Wadenbeinbruchs aus dem Herbst 2010 immer noch nicht komplett überwunden.

Bereits am Donnerstag hatte sich Jordyn Wieber aus den USA bei den Frauen den Mehrkampf-Titel vor der Russin Viktoria Komowa und Yao Jinnan aus China gesichert. Rang zehn ging an WM-Debütantin Nadine Jarosch aus Detmold, unmittelbar gefolgt von der Mannheimerin Elisabeth Seitz.

Die Welttitelkämpfe werden am Samstag (6.30 Uhr/MESZ) mit den ersten fünf Gerätefinals fortgesetzt. Einzige deutsche Starterin ist beim Sprung die Olympia-Zweite Oksana Chusovitina aus Köln.