Pilot Dan Wheldon tot

"Es wird um das Leben der Piloten gezockt"

Wheldon ist der vierte Todesfall seit Bestehen der Indycar-Serie 1996. "Es war wie in einer Kriegsszene aus ‚Terminator’", beschreibt ein Fahrer den Unfall.

Die Helfer kamen mit einer großen Plane aus Segeltuch. Sie ahnten das Schlimmste, als Sanitäter Dan Wheldon aus dem noch rauchenden Kohlefaserknäuel bargen, das einmal sein Rennwagen gewesen war, das sie schnell bedecken wollten.

Mit einem Helikopter wurde Wheldon in die Universitätsklinik von Las Vegas geflogen, aber die Spezialisten konnten den 33 Jahre alten Briten nicht mehr reanimieren. Es ist der vierte Todesfall seit Bestehen der Serie 1996.

Wheldon krachte bei den 300 Meilen von Las Vegas in der 17. Runde in die Streckenbegrenzung . Er war als Letzter von 34 Teilnehmern gestartet und lag auf Platz 26, als sich zwei Autos vor ihm bei einem Überholmanöver ineinander verkeilten und in Mauer und Fangzaun des Betonovals krachten.

Einer der beiden Boliden löste eine Massenkarambolage aus, die insgesamt 15 Autos mitriss. Auch Wheldon konnte dem Pulk des Grauens nicht ausweichen. Sein Auto mit der Nummer 77 donnerte ins Wrack von Routinier Paul Tracy, flog in die Luft, drehte sich um die Längsachse, schlug umgekehrt in Mauer und Fangzaun ein und fing Feuer.

Am Inferno vorbeirollend, fuhr Rennfahrer Ryan Briscoe der Schock in die Glieder. "Ich habe so eine Menge Schrott noch nie gesehen. Es war wie in einer Kriegsszene aus ‚Terminator’. Überall brennende Teile." Drei weitere Fahrer mussten verletzt ins Krankenhaus, zwei von ihnen blieben über Nacht in Behandlung.

Zwei Stunden nach dem Massenunfall wurde das Saisonfinale mit einer schaurigen Prozedur für beendet erklärt. Teammitglieder standen an der Strecke Spalier, während die überlebenden Rennfahrer fünf Runden zu Ehren Wheldons drehten. Der in Tränen aufgelöste Dario Franchitti, der bei Rennabbruch in Führung lag und zum Sieger ernannt wurde, war untröstlich: "In einem Moment hab ich noch mit Dan gescherzt, im nächsten Moment ist er tot."

Es war erst Wheldons drittes Saisonrennen, er fuhr im Rang eines Gastfahrers. An Erfahrung mangelte es dem blonden Frauenschwarm dennoch nicht. Im Mai hatte er zum zweiten Mal die legendären Indy 500 gewonnen. Unter dramatischen Umständen: Eine Runde vor Rennende war Spitzenreiter JR Hildebrand in die Mauer geknallt. 2005 hatte Wheldon die Indycar-Meisterschaft für sich entschieden.

Seine Karriere verlief im Zickzack. In diesem Jahr kam er bei keinem Team unter. Die Veranstalter boten ihm für Las Vegas dennoch einen besonderen Anreiz. Der Altmeister sollte einen Bonus von fünf Millionen Dollar erhalten, teilbar mit dem Gewinner eines Fanwettbewerbs, wenn er vom letzten Startplatz das Rennen gewänne.

Sein weiteres Auskommen sicherte er sich offenbar erst am vergangenen Wochenende. Wheldon hatte für 2012 beim Andretti-Rennstall unterschrieben, als Nachfolger für die schillernde Danica Patrick, die kommende Saison in die Nascar-Serie wechselt.

"Ich konnte ihre Angst spüren"

Da schien die Welt für Wheldon in Ordnung zu sein, aber auch Bedenken klangen in der Spielerstadt Las Vegas durch, in der nach Meinung von Ex-Fahrer Martin Brundle "um das Leben der Piloten gezockt wurde". Die Einheitsboliden erreichten schon im Training Spitzengeschwindigkeiten von 360 km/h, "und wir fahren nur mit einem Abstand von Zentimetern an den Seiten, vorn und hinten", sagte Franchitti vor dem Rennen.

Was da für die Öffentlichkeit noch faszinierend klang, relativierte der mexikanische Pilot Adrian Fernandez im Nachhall des Unglücks. Er habe Wheldon vor Rennstart in seinem Wohnmobil zusammen mit anderen Kollegen angetroffen. "Niemand fühlte sich wohl, ich konnte ihre Angst spüren."

Fachmann Brundle bezeichnete in der BBC die Umstände, unter denen das Rennen stattfand, als "Anleitung für ein Desaster. Es geht da hart zur Sache und vor allem eng. Indycar ist schneller als die Formel 1. Wenn du so dicht zusammen fährst, kann schnell etwas passieren, und wenn etwas passiert, ist es richtig schlimm."

Testfahrer für neuen Rennwagen

Ovalrennen für Monoposti sind gefährlich. Indycars verfügen im Gegensatz zu den Formel-1-Boliden zudem über wenig Abtrieb. Bei einer Kollision kann der Wagen leicht von einer Unterluft erfasst werden und abheben. Eine um 20 Grad geneigte Strecke wie die des Motor Speedway von Las Vegas, wo elf Jahre zuvor kein Indycar-Rennen stattfand, verstärkt die physikalischen Kräfte.

Zuletzt rühmten sich die Rennserienchefs großer Sicherheitsvorkehrungen, einer leicht nachgebenden Begrenzungsmauer und nicht mehr so starrer Getriebe am Heck. Eine bittere Note ist, dass Wheldon in dieser Saison als Testfahrer für die neuen Indycar-Rennwagen unterwegs war. Er sollte mithelfen, die Sicherheit zu verbessern

Sein Blog-Eintrag vom Samstag für "USA Today" liest sich auch im Nachhinein wie keine Anklage, sondern wie eine Erinnerung an einen Rennfahrer, der das Risiko seines Geschäfts akzeptiert hat. Wenn er schnell genug sei, sich an die Führenden ranzuhängen, werde es ein Spaß. "Es wird ein schönes Gedränge, und niemand weiß, wie es ausgeht."

Wheldon hinterlässt seine Frau Susie und zwei Söhne.