Debüt mit 52 Jahren

Ein Boxer, kein Mörder – Bozellas späte Genugtuung

Dewey Bozella saß 26 Jahre unschuldig im Gefängnis. Nun erfüllt er sich seinen großen Traum. Mit 52 Jahren steigt der Amerikaner erstmals als Profi in den Ring.

Foto: picture alliance / Byron Purvis//AdMedia

Sein Leben schreit regelrecht nach einer Verfilmung. Einige Agenten aus Hollywood haben sich auch schon bei Dewey Bozella gemeldet. Noch aber blockt der Heißumworbene die Anfragen ab. In seiner Gedankenwelt dreht sich derzeit alles nur um den Samstag.

Es ist sein Tag. Es ist der Tag, den er jahrzehntelang herbeigeträumt hat. Als freier Mann wollte Bozella einen Profiboxkampf bestreiten. Nun ist er frei. Am Samstagabend klettert er im Staples Center in Los Angeles zu einem Duell über vier Runden in den Ring.

Mit dem Kampf schließe sich endgültig der Kreis, sagt Bozella und lächelt zufrieden. Der Mann aus Newburgh im US-Bundesstaat New York ist immerhin schon 52 Jahre alt. Für ein Debüt als Preisboxer ein ungewöhnliches Alter. Es bedurfte auch einiger schweißtreibender Anstrengungen, die Kampflizenz zu bekommen.

Zweiten Gesundheitscheck bestanden

Beim ersten Gesundheitsscheck am 24. August fiel er noch durch. Vor drei Wochen klappte es dann. Wieder einmal hatte Bozella durch den schier unerschütterlichen Glauben an sich selbst ein ersehntes Ziel erreicht.

Der lebenserhaltende Wesenzug wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Er entwickelte sich vielmehr aus seiner tragödienreichen Vergangenheit. Die Geschichte des Amerikaners lässt einen den Atem anhalten. Wenn Bozella darüber plaudert, was er durchgemacht hat, klingt das nahezu unfassbar.

26 Jahre, die Hälfte seines Lebens, verbrachte hinter den Gittern der berüchtigten Strafvollzugsanstalt Sing-Sing. Das Hochsicherheitsgefängnis liegt etwa 50 Kilometer von New York City entfernt. Er saß dort wegen angeblichen Mordes.

Neun elternlose Kinder

In der Kleinstadt Poughkeepsie unweit der Millionenmetropole am Hudson River, wo Bozella damals lebte, soll er 1977 eine 92-jährige Frau umgebracht haben. Er soll die alte Dame mit einem Elektrokabel gefesselt und ihr mit einem Meißel ähnlichem Werkzeug Lumpen in den Hals gestopft haben, an denen sie erstickte.

Es gab weder Fingerabdrücke noch andere Beweise für eine von Bozella verübte Gewaltanwendung. Die Polizei nahm ihn dennoch fest. Wegen diverser Delikte hatte sie den 18-Jährigen schon mehrmals beobachtet.

Seit dem zehnten Lebensjahr verbrachte Bozella die meiste Zeit mit kriminellen Gangs auf der Straße. Als Neunjähriger hatte er mit ansehen müssen, wie der Vater solange auf die schwangere Mutter einschlug, bis sie an den Verletzungen starb.

Der Vater machte sich aus dem Staub und ließ neun Kinder elternlos zurück. Dewey Bozella war dabei, als einer seiner Brüder auf der Straße erstochen und ein anderer erschossen wurde. Ein dritter Bruder starb an Aids.

Verurteilung 1983

Die Verdächtigung der Polizei bestätigte sich durch Bozellas Vernehmungen jedoch nicht. Er kam auf freien Fuß. Sechs Jahre später stand er wieder vor dem Richter. Drei Zeugen hätten bestätigt, dass Bozella der Täter sei. Alle Unschuldsbekundungen des Angeklagten halfen nichts, er erhielt lebenslänglich.

Als Bozella 1983 verurteilt wurde, saß Präsident Ronald Reagan im Weißen Haus, in den Kinos lief Monumentalfilm „Gandhi“, eine Gallone Benzin kostete 75 Cents, es gab kein Internet, und Motorola stellte das erste kommerzielle Mobiltelefon vor.

Damals war Bozella 24 Jahre alt. Längst hatte er sich einem bürgerlichen Dasein zugewandt, als plötzlich alles anders wurde. „Wer eine solche Wendung nicht am eigenen Leibe gespürt hat, kann nur schwer nachvollziehen, was da in einem vorgeht“, sagt Bozella wehmütig. Zumal er schuldlos war.

Boxen als Überlebenskraft

Hoffnung keimte auf, als 1990 der Fall neu verhandelt wurde. Dabei bot der Richter einen Deal an: Wenn er gestehe, der Mörder zu sein, würde er freikommen. Darauf ließ sich Bozella nicht ein. „So sehr ich mich nach der Freiheit sehnte, ich konnte mich darauf nicht einlassen“, sagt Bozella. „Ich hätte nicht damit leben können, dass sie zu mir sagen, ich hätte die Frau umgebracht.“

Erneut wurde er verurteilt. Diesmal für 20 Jahre. Wieder bezog er seine karge Zelle in Sing-Sing, diesmal aber nicht als gebrochener Mann. Aus dem Boxtraining, das er im Gefängnis betrieb, schöpfte er seine Überlebenskraft.

Es bescherte ihm Erfolgserlebnisse. So brachte er es bis zum Häftlingsmeister im Halbschwergewicht. Und er kämpfte weiter unbeirrt für die Gerechtigkeit. Seit 2003 schrieb er fünf Jahre wöchentlich einen Brief an das „ Innocence Project “, dass er unschuldig sei und ihm geholfen werden müsse. Die Organisation kümmert sich Aufklärung von Justizirrtümern.

Tränen beim Freispruch

Sie nahm sich des Falles an und stieß auf erschreckende Erkenntnisse. Es stellte sich heraus, dass die Zeugen gelogen hatten und entlastende Beweise zurückgehalten wurden. Am 28. Oktober 2009 sitzt Bozella wieder in jenem Verhandlungssaal, indem er zweimal verurteilt worden war.

Diesmal jedoch wird er freigesprochen. Tränen laufen über sein Gesicht. Ein halbes Leben büßte er für einen Irrtum, über den er sagt: „Ich kann nicht zornig sein. Ich habe jetzt meinen Frieden gefunden.“

Für seine „Courage und humanitäre Gesinnung“, bekam Bozella vor drei Monaten vom US-Sportsender ESPN den Arthur-Ashe-Award. Zu den Ausgezeichneten gehörten schon Nelson Mandela und Muhammad Ali. Seine Dankesrede schloss der Geehrte mit den Worten: „Mein größter Wunsch ist es, einen Profikampf zu bestreiten.“ Am Samstag ist es soweit. Es wird nicht sein schwerster Kampf, der liegt hinter ihm.