FC Augsburg

Warum bei Manager Rettig Bescheidenheit regiert

Noch ist der FC Augsburg sieglos in der Bundesliga. Trotz Platz 17 machen sie keinen Zirkus, sie bleiben vernünftig, selbst wenn der Abstieg der Preis wäre.

Foto: dapd/DAPD

Alles ist, wie es war.

Helmut Haller hängt immer noch an der Wand, schwarz-weiß, vergilbt, jemand hat das Wort „Bundesliga“ auf die alte Autogrammkarte gemalt, lange vor dem Aufstieg schon.

Ein jeder, der auf der Geschäftsstelle des FC Augsburg zu tun hat, muss am Augsburger Selbstverständnis vorbei: Wir sind endlich drin in der Bundesliga, und wir wollen auch drin bleiben, nur nicht zu jedem Preis. Ach, der Haller. Zu gern würden sie ihn hegen und pflegen, wie sich das für so einen Regionalfürsten gehört, doch Haller, der in den Sechzigern sogar bei Juventus Turin kickte, will nicht mehr, nur seine Ruhe.

Alles ist, wie es war.

Die olle Sitzecke in Rettigs kargem Büro, die hat Walther Seinsch mal mitgebracht, beim Präsidenten stand sie nur rum. Im Keller. Was also in diesem Verein Programm ist und prägend, das hat der Präsident, ein erfolgreicher Unternehmer, schon mal vorgelebt. Vor allem die Bescheidenheit.

Da lies sich auch Rettig nicht lumpen: Die Kaffeemaschine hatte längst den Geist aufgeben, jetzt erlebt sie ein Comeback im Büro des Managers. Ein Zeichen will auch er setzen. Beim FC Augsburg wird auch nach dem Aufstieg in die Bundesliga das Geld beisammen gehalten, wenig genug.

Den niedrigsten Etat (30 Millionen) haben sie ohnehin. Und der Trainer weiß bescheid: Gekauft werden neue Spieler erst dann, wenn sicher ist, dass sie die Mannschaft verstärken. Mit dieser Politik hat Augsburg immerhin den großen Hamburger SV hinter sich gelassen. Die übrigen 16 Mannschaften tummeln sich in der Tabelle allerdings weiter vorn, die werden jetzt gejagt. Aber kräftig.

Alles ist, wie es war.

Fast alles. Früher haben die Augsburger auch schon mal gewonnen, jedenfalls meistens, jetzt halt im Zweifelsfall nicht mehr. Acht Spiele ohne Sieg lautet die schaurige Bilanz. Verletzte, Pfostenschüsse, vergebene Elfmeter, was so passieren konnte, passierte.

Publikumsspieler Thurk , auch charakterlich ein Dribbler, beleidigte den Trainer, benahm sich daneben, musste gehen. Thurk rief aus dem Exil seine ehemaligen Kollegen zusammen, lud sie zum Oktoberfest ein, es kam zu Prügelszenen, etwa 20 Spieler waren im Zelt, eine Handvoll beteiligte sich an der Alternativsportart, zwei wurden angezeigt, Ende offen.

Aber ein Ausgang wie das Hornberger Schießen wird allseits erwartet. Rettig hat die Faxen dicke: „Zum Spieler Thurk äußere ich mich nicht mehr.“ Er hätte sagen können, dass es sich hier um einen kleinen Dummkopf handelt, jeder hätte ihm beigepflichtet. In Mainz und Frankfurt wurde er ähnlich beschrieben.

Alles ist, wie es war.

Nichts, aber auch gar nichts wird Rettig ändern an seinen Prinzipien. Und wenn als Strafe dafür am Ende der Abstieg steht, dann ist das eben so. Und, bitte schön, sind sie nicht noch 26 Spieltage vom Saisonschluss entfernt? „Was soll denn das, schon nach acht Spielen alles in Schutt und Asche zu hauen? Nichts, aber auch gar nichts wird zusammenbrechen in Augsburg, auch einen Abstieg werden sie zur Not überstehen und zwar gemeinsam.

Und trotz Platz 17: So richtig schlecht sei die Mannschaft nie gewesen, bis auf eine Ausnahme, gegen Dortmund. Natürlich, haarscharf ist auch daneben, acht Spiele ohne Sieg sind übel, aber noch lange nicht das Ende. Nuancen, Nuancen haben ihnen diesen Tabellenplatz eingebrockt.

Er war Manager in Leverkusen, in Freiburg und in Köln, er kennt die sogenannten Mechanismen, umso früher kann er dagegen halten. Sagt Rettig, er werde dem Trainer Jos Luhukay den Rücken stärken, vermuten viele bei jedem Wort den Anfang vom Ende, heißt: den Trainerrausschmiss bei nächster Gelegenheit. Falsch, sagt Rettig, völlig falsch, die Mechanismen können gern sonst wo greifen, in Augsburg ist die Philosophie eine andere.

Eine andere Zeitachse, nennt das der Manager, der Präsident ist im zehnten Jahr da, der Aufsichtsratsvorsitzende im zwölften, der Manager im sechsten und der Trainer befindet sich auch schon im dritten Jahr. Und, versprochen, am perspektivischen Denken wird sich beim FC Augsburg nichts ändern. Praktischerweise tragen selbst die mitunter geplagten Zuschauer diese Richtung mit, das nächste Heimspiel gegen Werder Bremen ist längst ausverkauft und wie auf Bestellung flattert gerade eine Mitteilung der VR-Bank auf den Tisch.

Der Sponsor will seinen Vertrag ohne Not und Aufforderung schon vorzeitig verlängern. Und als ihm Uli Hoeneß dieser Tage auf einer Veranstaltung freundlicherweise anbot, Bayern-Spieler als Leihgabe von der Tribüne zu holen, lächelte Rettig höflich, erinnerte aber an die Gehaltsvorstellungen eines Bayern-Reservisten, solange das Preisleistungsverhältnis nicht stimmt, lassen die Augsburger lieber die Finger von solchen Spielereien. „Das ist hier doch kein Wunschkonzert.“

Alles ist, wie es war.

Sie machen keinen Zirkus in Augsburg, sie bleiben vernünftig, selbst wenn der Abstieg der Preis wäre. Sie würden zusammenbleiben, Präsident, Trainer und Manager, und zusammen wiederkommen, sagt Rettig. Dann ist der FC Augsburg wohl wirklich eine löbliche Ausnahme in der Liga, die ansonsten den Erfolg über alle Vernunft stellt. Sollten die Augsburger trotzdem in der Bundesliga überleben, dann wäre endlich nichts mehr, wie es mal war. Sagt Andreas Rettig: „Wenn das mal kein Ziel ist.“