Tragödie im Motorsport

Verzweifelter Versuch, Simoncellis Tod zu erklären

Ralf Waldmann, Ex-Motorrad-Vizeweltmeister, spricht im Interview auf Morgenpost Online über den tödlichen Unfall von Marco Simoncelli und das Thema Sicherheit.

Foto: AFP

Von Ralf Waldmann stammt der Spruch: „Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass die Menschen laufen, hätte er nicht das Motorrad erfunden“ Viel intensiver können Emotionen für Zweiräder nicht ausgedrückt werden.

Nach dem Unfalltod des 24 Jahre alten Italieners Marco Simoncelli am Sonntag in Malaysia bemühte sich Waldmann, selbst 20-maliger Grand-Prix-Sieger und zweimal WM-Zweiter in der Klasse bis 250 Kubikzentimeter, das Unglück zu verarbeiten. Der 44-jährige Vater eines zwölfjährigen Sohnes gab aber zu, damit überfordert zu sein.

Morgenpost Online: Herr Waldmann, Marco Simoncelli hat bei seinem Unfall den Motorradhelm verloren – selbst bei den in der Regel spektakulären Stürzen in Ihrem Sport etwas gänzlich Ungewöhnliches. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ralf Waldmann: Ich habe einen etwas verzweifelten Versuch für eine Erklärung, mehr eine Spekulation. Marco war berühmt für seine unglaubliche Lockenpracht. Er liebte seine 70er-Jahre-Frisur. Dabei musste er mit Sicherheit eine Helmgröße verwenden, die eine oder vielleicht sogar zwei Nummern über der lag, die er mit einem Kurzhaarschnitt hätte verwenden können. Wir Motorradrennfahrer achten darauf, dass der Helm ganz fest sitzt. Das hat Marco sicher auch getan, aber vielleicht haben die Haare das ja minimal verhindert. Noch mal, es ist eine Spekulation. Aber seine Frisur unterschied ihn eben von den anderen Fahrern.

Morgenpost Online: Ist es denkbar, dass Simoncelli seinen Helmgurt nicht ganz korrekt geschlossen hatte?

Waldmann: Das kann ich mir absolut nicht vorstellen. Das passiert nicht. Das Aufsetzen des Helmes ist eine der Sachen, die Fahrer akribisch machen. Aber ich war nicht dabei, habe den Gurt nicht überprüft. Also ist es zumindest theoretisch möglich.

Morgenpost Online: Glauben Sie, er hätte mit einer anderen Frisur eine größere Überlebenschance gehabt?

Waldmann: Bei dem Unfall den er hatte, glaube ich das nicht. Aber es geht ja um den verlorenen Helm. Irgendwann reißt so ein Helmband, sonst könnte es ja passieren, dass ein Fahrer geköpft wird. Die Jungs waren bestimmt 160 bis 170 Stundenkilometer schnell. Ein klitzekleiner Fehler ist da verheerend. Du fährst ja auf einer Reifenfläche, die nur so groß ist wie eine Kreditkarte. Ich denke, Marco hatte keine Chance .

Morgenpost Online: Sehen Sie Möglichkeiten für die Teams, die Hersteller und die Streckenbetreiber, solche Unfälle zu vermeiden, sie zumindest seltener geschehen zu lassen?

Waldmann: Nein, ganz ehrlich. Nur wenn Motorradrennen verboten werden, ist Sicherheit da. Aber dann gibt es ganz schnell Probleme.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Waldmann: Sie müssen dann entscheiden, wo sie mit den Verboten anfangen sollen und wo sie aufhören. Dürfen sie noch Rad fahren, wo es in diesem Jahr beim Giro in Italien einen tödlichen Sturz gab? Dürfen sie mit dem Bob fahren, wo es tödliche Unfälle gibt. Reiten, Bergsteigen oder Marathon laufen? Es gibt keine Lösung. Es gibt immer ein Restrisiko .

Morgenpost Online: Es wird vielleicht dennoch Forderungen nach Verboten geben. Bilder wie sie zu sehen waren, sind spektakulär, reizen dazu, sich aufzuregen, nach dem Sinn einer Tätigkeit zu fragen.

Waldmann: Natürlich wird gefragt werden. Ein Unfall mit dem Fahrrad in einer Siedlung kann genauso tragisch sein, niemand außer den Angehörigen und Nachbarn bekommt davon aber etwas mit. Der Profisport steht im Rampenlicht und muss damit leben, positive aber eben auch negative Bilder zu liefern. Manchmal kommt es für unsere Sportart eben ganz schlimm. Vor einer Woche ist der Rennfahrer Dan Wheldon tödlich mit einem Auto verunglückt. Das waren leider auch negative Schlagzeilen. Aber noch mal: Nur ein Rennsportverbot könnte die Gefahr 100-prozentig beenden .

Morgenpost Online: Simoncellis Kollegen wirkten extrem betroffen . Dennoch geht es am ersten Wochenende im November für alle in Valencia ins WM-Finale. Glauben Sie, dass sich die Einstellung der Fahrer in Richtung Vorsicht bewegen wird?

Waldmann: Vorsichtig sind die Profis immer, auch wenn es nur selten so rüberkommt. Ein Außenstehender kann sich da schlecht hineinversetzen. Aber im Rennen sind die Fahrer in nahezu jeder Situation bei 1000 Prozent. Bist du das nicht, bist du schnell weg. Es steht für Fahrer und Team eben immer viel auf dem Spiel.

Morgenpost Online: Und wenn die Leistung der Motorräder drastisch verringert wird?

Waldmann: Selbst eine 125er ist schneller als 200 Kilometer. Das ist schnell genug, um sich in verdammt unangenehme Situationen zu bringen. Sicher ist das Risiko ein wenig kleiner, weil die Motorräder weniger Masse und eine viel schlechtere Leistungsentfaltung haben als eine MotoGP-Rakete. Und auch da müssen wir uns am Ende fragen: Wie viel Leistung soll es sein, die noch erlaubt ist? Rennen fahren mit Tempo 50 funktioniert nicht.

Morgenpost Online: Haben Sie sich als aktiver Profi nach einem Sturz mal die Frage gestellt, ob es besser sei, mit dem Rennsport aufzuhören?

Waldmann: Ich bin mehrmals heftig gestürzt, habe diverse Knochenbrüche davongetragen, aber nie ans Aufgeben gedacht. Ich habe aber Verständnis für jeden, der sich anders entscheiden würde.

Morgenpost Online: Ihr zwölfjähriger Sohn Leo fährt in einer Nachwuchsklasse Motorradrennen. Gibt es für ihn jetzt nach Marco Simoncellis Unfall die Rote Karte vom Vater?

Waldmann: Nein. Aber wenn er nicht mehr fahren wollte, würde ich ihn nicht daran hindern. Leo muss auch nicht Profi werden. Ich mache auch keinen Druck. Wenn er das Zeug dazu hätte, professionell Motorsport zu betreiben und es auch tun wollte, würde ich ihn unterstützen. Wenn er etwas anderes machen will, ist das in Ordnung.