Spielunterbrechung

Berliner Schiedsrichter pfeifen gegen Gewalt

Vor einem Monat wurde der Berliner Schiedsrichter Gerald Bothe von einem Spieler bewusstlos geschlagen. Als Reaktion wollen alle Unparteiischen in der Hauptstadt ihre Spiele am Wochenende für fünf Minuten unterbrechen. Doch die Aktion kommt nicht bei allen gut an.

Foto: David Heerde

Die Armbanduhr von Gerald Bothe geht eine Viertelstunde vor, damit er immer pünktlich zu seinen Spielen kommt. An diesem besonderen Sonnabend war er eine Stunde vor dem Anpfiff im Stadion Wilmersdorf, er wohnt in der Nähe. Dass dieser Sonnabend so besonders ist, liegt nicht an der Partie in der Freizeitliga zwischen Knallrot Wilmersdorf und dem FSV Lichtenrader Füchse, die er hier um 10.20 Uhr anpfeifen soll, sondern an Gerald Bothe selbst. Der Referee von Hertha BSC wurde am 16. September in der 85. Spielminute in einer Landesligapartie krankenhausreif geschlagen. Es war der Anlass für den Berliner Fußball-Verband (BFV), ihre Schiedsrichter an diesem Wochenende jede Partie für fünf Minuten unterbrechen zu lassen, um an Fairplay und Respekt vor den Unparteiischen zu erinnern. „Das ist eine gute Aktion“, meint Bothe, der äußerlich wieder vollständig hergestellt ist. „Aber sie kann nur der Anfang sein.“

Der Anschlag auf Bothe war der Höhepunkt einer Reihe von Übergriffen auf die Schiedsrichter, die die ersten Wochen der neuen Saison im Berliner Fußball überschattet haben. Eine halbe Stunde lang war der 50-Jähriger bewusstlos, im Krankenhaus wurden später zwei Hirnblutungen festgestellt. „Heute wird alles ruhig bleiben“, meint Bothe. Die Spieler, die sich anfänglich noch frierend durch die Vormittagssonne bewegen, lassen seinen Worten Taten folgen und gehen ausgesprochen rücksichtsvoll miteinander um. Der schattige Teil des Kunstrasens ist noch frostweiß, der Rest ist herbstliche Harmonie vor exakt neun Zuschauern.

Nach 600 Sekunden dann bläst Bothe in seine Pfeife und steht etwas unschlüssig im Mittelkreis herum. Die Mannschaften nutzen die Unterbrechung zur Nachjustierung der Taktik. „Gewalt hat auf dem Platz nichts zu suchen. Aber diese Aktion finde ich etwas unpassend“, meint FSV-Trainer Thierry van Hecke. „Bei der Kälte verletzen sich meine Jungs doch sofort, wenn wieder angepfiffen wird.“ Das Thermometer zeigt sechs Grad, als es fünf Minuten später weitergeht.

21 Kilometer weiter östlich bereitet sich Felix Zwayer auf den kuriosesten Einsatz der vergangenen Jahre vor. Um der Aktion „Zeit zum Nachdenken: Kein Platz für Gewalt“ ein prominentes Gesicht zu geben, hat sich der Bundesliga-Schiedsrichter bereit erklärt, die Zehntliga-Partie zwischen dem SV Blau Gelb II und Grün-Weiß Baumschulenweg in Pankow zu leiten. Er wolle sich der Herausforderung in der Kreisliga B stellen, sagt Zwayer, um zu lernen, wie es sich anfühlt, eine Partie ohne die Unterstützung von Linienrichtern zu leiten. Wenn alle Teams im Einsatz sind, finden in Berlin bis zu 1500 Spiele an einem Wochenende statt. Bei insgesamt nur gut 1000 Referees bleibt in den unteren Ligen keine Kapazität für professionelle Assistenten. Je ein Vertreter der Vereine übernimmt daher diesen Job.

Seinen Linienrichter in der Kreisliga muss Zwayer vor dem Anpfiff erst einmal freundlich, aber bestimmt auf die andere Spielfeldseite schicken. Der Aushilfs-Fahnenschwenker wollte lieber auf der Seite der Ersatzbänke bleiben, bei seinen Teamkollegen. Doch Ordnung muss sein.

Es geht anders zur Sache als in der Freizeitliga, das unterstreicht FSV-Stürmer Maik Winkler nach zwei Minuten mit einem satten Schuss ins lange Eck – 0:1. Überhaupt hat Zwayer deutlich mehr zu tun als Kollege Bothe am Morgen. Bis zur obligatorischen Unterbrechung fällt noch der 1:1-Ausgleich, außerdem muss der Referee zwei Abseitsstellungen ahnden. In der zehnten Liga macht der Unparteiische das nach Augenmaß; beim Bundesligaspiel zwischen Leverkusen und Schalke am heutigen Sonntag, das Zwayer leitet, helfen ihm dabei zwei Assistenten. „Die Profi-Schiedsrichter haben es leichter“, hatte Bothe gesagt: „Wenn bei mir ein weiter Ball kommt, renne ich erst mal eine Weile hinterher.“

Zwayer rennt bei seiner Partie kaum hinterher. Er ist immer Herr der Lage. Als Gäste-Verteidiger Thomas Mandel seinen Kontrahenten unschön umgrätscht, ist Zwayer sofort zur Stelle und zitiert den Übeltäter zu sich. „Ganz ruhig!“, brummt er dem kleiner gewachsenen Spieler zu. Ein tiefer Blick in Mandels Augen, dann noch einmal: „Ganz ruhig bleiben!“ Der Grün-Weiße bekommt die Gelbe Karte und trollt sich zurück in die Abwehrkette. Auf dem Weg dorthin klapst er seinem Gegenspieler versöhnlich auf den Hintern.

Als kurz darauf die zehnte Spielminute gekommen ist und der prominente Referee beiden Kapitänen noch einmal die Kampagne erklärt, zischt Mandel aus dem Hintergrund: „Eine Ermahnung hätte auch gereicht.“ Kurze Pause: „Aber heute muss er wohl besonders genau sein.“