Hamburger SV

Was den HSV mit Trainer Thorsten Fink erwartet

An Selbstbewusstsein mangelt es Thorsten Fink nicht. Der neue Trainer des Hamburger SV ist ein Kämpfer und Optimist und bevorzugt mutigen Angriffsfußball.

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Es gibt diese eine Szene, die viele Fußballfans in Deutschland immer noch als erstes mit Thorsten Fink assoziieren, die wohl nie vergessen wird, so wie dieses ganze vermaledeite Spiel. Mai 1999, 91. Minute im Camp Nou von Barcelona, ein paar Befreiungsschläge fehlen dem FC Bayern noch zum Champions-League-Finalsieg über Manchester United, als die Engländer einen Eckball in die Mitte treten.

Fink ist erst kurz zuvor eingewechselt worden, für einen überragenden, aber müde gewordenen Lothar Matthäus. Vielleicht ist er noch ein wenig rostig, als er zum Befreiungsschlag ausholt, jedenfalls trifft er die Kugel nicht richtig, sie landet genau auf dem Fuß von Ryan Giggs, über dessen Schuss bei Teddy Sheringham und von dort im Tor.

Der Rest ist Geschichte, die Bayern verlieren binnen drei Minuten den sicher geglaubten Pokal. „Die mit Abstand dunkelste Stunde meiner Karriere“ – so sollte Fink später einmal selbst sagen.

Um seinen Charakter einzuordnen, ist jedoch entscheidender, was danach passierte. Er machte einfach weiter. Obwohl ihn anfangs die Blicke der Teamkollegen straften, obwohl er schon 31 Jahre alt war, obwohl er immer nur als Ergänzungsspieler galt im Luxuskader des FC Bayern.

„Ich bin ein echter Ruhrpottler, ich habe gelernt zu kämpfen“, pflegt der gebürtige Dortmunder über sich zu sagen. Die Jahre nach dem Fiasko wurden die besten seiner Laufbahn, sie etablierten ihn als klugen, versierten Strategen, und 2001 gewann er doch noch den Europapokal.

Als er neulich mit dem FC Basel zur Champions-League-Partie nach Manchester kam und nach dem Spiel gefragt wurde, sagte er: „1999 ist eine großartige Erinnerung, trotz allem. Aus Niederlagen lernst du. Alles was wehtut, hilft dir, besser zu werden.“

Eine Million Euro Ablöse

Anderntags erreichte er mit seinem Schweizer Außenseiter beim englischen Meister ein 3:3 . Wieder glich Manchester erst in der Schlussminute aus, aber das konnte die Botschaft nicht mehr zerstören, dass da ein junger Trainer die endgültige Reifeprüfung ablegte.

Basel lag im selben Spiel ja schon 0:2 zurück, dennoch schickte er seine Truppen nach vorn, unerschrocken, positiv, so wie er nun einmal ist. Heraus kam das größte Hurra seiner zwei Jahre in der Schweiz, und gleichzeitig das letzte, wie seit Donnerstag endgültig feststeht. Künftig trainiert Thorsten Fink den Hamburger SV.

In den Morgenstunden klärte HSV-Sportdirektor Frank Arnesen die letzten Details mit dem Trainer, bereits in der Nacht zuvor hatte es die endgültige Einigung mit dem FC Basel gegeben.

Rund eine Million Euro, je nach den Erfolgen in der Zukunft, bekommen die Schweizer als Abstand, derweil Fink einen Vertrag bis Sommer 2014 erhält. Er ist der 14. HSV-Trainer seit 2001. Erfüllt er seinen Kontrakt, wäre er auch der mit der längsten Amtszeit in diesem Millennium (bisher: Thomas Doll, 27 Monate). Am Montag tritt er seinen Dienst an.

Ganz oben auf der Wunschliste

Arnesen, der das Team des Bundesligaletzten also am Sonntag in Freiburg noch betreuen wird, ist überzeugt, dass mit Fink endlich die langfristige Lösung gefunden ist, die der Verein seit Jahren ersehnt. „Er passt als Trainer und Mensch sehr gut zum HSV.“

Bei den Gesprächen mit Fink („sechs Stunden lang“) habe sich der 43-Jährige auf der Wunschliste ganz nach oben katapultiert. „Er ist ein Trainer mit Hunger. Ich hatte von Anfang an ein sehr gutes Gefühl, als er mir von seiner Philosophie und von seinem Umgang mit den Spielern erzählt hat.“

Besonders überschwänglich lobte der Däne an Fink die Siegermentalität eines Ex-Bayern („das hat sich als Trainer fortgesetzt“) und die offensive Spielweise seiner Teams („Er will den Ball haben und das Spiel kontrollieren, und das will ich auch“).

Nur Gutes zu hören

Natürlich war Fink nicht von Beginn an allererste Wahl war für die 24 Tage lang vakante Nachfolge des entlassenen Michael Oenning . Dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass es der HSV schlechter hätte treffen können.

Nicht nur weil es sich der weißblonde Beau („Ich glaube, ich komme bei den Mädels ganz gut an“) schon als Spieler zur Angewohnheit machte, die Erwartungen zu übertreffen. Sondern vor allem, weil aus der Schweiz nur Bestes über ihn zu hören ist, wie auch der ehemalige Basler Mladen Petric nach Konsultation seiner SMS gestern zu berichten wusste.

Alex Frei etwa, durchaus nicht allzeit pflegeleichter Angreifer des Schweizer Meisters, sagte kürzlich: „Ich habe in zweieinhalb Jahren kein schlechtes Wort über den Trainer gehört. Das habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt.“ Fink hatte den Altmeister noch mal zu einem Spitzenstürmer gemacht.

"Große Herausforderung“

Als besonders systemrelevant für eine Anstellung beim HSV gilt allerdings sein paralleles Händchen im Umgang mit der Jugend. In Basel formte er etwa aus Mittelfeldtalent Xherdan Shaqiri einen viel umworbenen Nationalspieler. Ähnliches soll er nun mit dem von Lästerern als „Chelsea-Farmteam“ verspotteten HSV-Kader mit den zahlreichen jungen Zukäufen aus London vollbringen.

Fink hat wenig Zweifel daran, dass ihm dies gelingen wird. Langjährige Beobachter schildern ihn als offen und menschenfreundlich, aber auch als extrem überzeugt von seinen Fähigkeiten. „Ich habe beim FC Bayern gespielt, da weiß ich, wie die Fußballwelt sich dreht“, zitierte ihn am Donnerstag die Webseite des HSV.

Fink sprach außerdem von einer „großen Herausforderung“, die, das darf unterstellt werden, außerdem zu einem idealen Zeitpunkt kommt. Basel, wiewohl derzeit nur Fünfter in der Liga, führt momentan seine Champions-League-Gruppe an. Besser dürfte es in der kleinen Schweiz kaum werden.

Für seine neue Arbeit formuliert er klare Ziele, kurz- wie langfristig: „Der Dino muss Dino bleiben. Wir sollten so schnell wie möglich die Abstiegsränge verlassen. Mit Blick auf die kommenden Jahre kann das aber nicht der Anspruch sein – nicht für den HSV mit dieser Stadt und diesen Fans.“ Die Hamburger kennen diese Versprechen. Thorsten Fink tritt an, um sie zu halten.