Vertrauliche Analyse

Deshalb gingen die Deutschen in Shanghai unter

Eine vertrauliche Analyse des DSV legt schonungslos die Gründe für das Scheitern der Deutschen bei der Schwimm-WM in Shanghai offen.

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Auch der Sportdirektor des Deutschen Schwimm-Verbandes hätte gern eine Antwort gehabt. Aber Britta Steffen konnte sie ihm nicht mehr geben. Die Doppelolympiasiegerin saß bereits in der Lounge des Flughafens im Shanghaier Stadtteil Pudong. DSV-Mann Lutz Buschkow stand mit Brustspezialistin Sarah Poewe vor ausgeräumten Regalen und offen gelassenen Schranktüren, kein Abschiedsgruß, Anrufe auf ihrem chinesischen Handy nahm Steffen da angeblich schon nicht mehr entgegen. Niemand soll etwas geahnt haben in der deutschen Mannschaft von der Flucht der blonden Wassernixe aus ihrem WM-Quartier zurück nach Deutschland . Nicht einmal ihre Zimmerkollegin Poewe.

Steffen ist dem DSV auch zwei Wochen nach der überstürzten Rückreise eine Antwort schuldig geblieben. Öffentlich über ihre Beweggründe will sich die Berlinerin nach Auskunft ihres Managements erst äußern, „wenn mit allen Beteiligten gesprochen wurde“. Urlaubsbedingt gehe das nicht vor September.

Schon jetzt werden im DSV mögliche Konsequenzen erörtert. Die Funktionäre verübeln der bei Olympia 2008 und WM 2009 noch hochgelobten Athletin weniger ihre durchwachsenen Leistungen beim Saisonhöhepunkt. Auch dass sie nach nur 300 Wettkampfmetern entnervt das Handtuch warf, ist ihr verziehen worden. Nur von Steffens Version, die sie in der „BamS“ zum Besten gab, dass der Verband „meine Abreise akzeptiert hat“ , will Präsidentin Christa Thiel nichts wissen. „Wir waren nur damit einverstanden, dass sie sich von ihren weiteren Wettkämpfen abmeldet.“

Manche im Verband ziehen bereits eine Parallele zu Kevin Kuranyi, der von Joachim Löw aus der Fußball-Nationalmannschaft verbannt wurde, weil sich der Stürmer in der Halbzeitpause beim Spiel gegen Russland vor drei Jahren aus dem Staub gemacht hatte. Buschkow jedenfalls wollte „Sanktionen nicht ausschließen“.

Während weiter über Steffens Formschwäche gerätselt wird, darf damit gerechnet werden, dass „alle Beteiligten“ am Ende doch die Friedenspfeife tauschen. Um nicht eine der beiden Goldhoffnungen für die Olympischen Spiele 2012 in London zu verprellen.

Eine Analyse des renommierten DSV-Referenten Klaus Rudolph legt schonungslos das Versagen der deutschen Schwimmer bei den Welttitelkämpfen offen – und den Verdacht nahe, dass kein deutscher Mann außer Steffen-Freund Paul Biedermann in London 2012 das Rüstzeug zum Olympiasieger hat.

Der Experte aus Rostock hat in einem 17 Seiten umfassenden Dossier, das der „Welt“ vorliegt, einen „Leistungsschwund im gesamten Verband“ festgestellt. Deshalb konnten sich in einem Drittel der Disziplinen erst gar keine DSV-Athleten für Shanghai qualifizieren.

Nicht nur, dass der Verband mit fünf Bronzemedaillen das mieseste Ergebnis seit 1973 verbuchte. Während sich zwei Drittel aller Teilnehmer bei der WM gesteigert hätten, gelang das nur jedem zweiten Athleten aus der deutschen Nationalmannschaft. Ein Grund hierfür liegt laut Rudolph in einer „gewissen Wettkampfflucht“. Die Schwimmer hätten sich im Vorfeld der WM vor dem Kräftemessen mit internationalen Kollegen gedrückt.

Auch die Trainer bekommen ihr Fett weg

Aber nicht nur die Bademodenträger erhielten einen vor den Latz, auch die Trainer bekamen ihr Fett weg. Anstatt sich wie andere Nationen früh auf das Ende der Schwimmanzüge einzustellen, habe sich der DSV noch in Rekordversuchen geübt, bekrittelt Fachmann Klaus Rudolph. Die Zielvorgaben für die WM (zweimal Gold, Silber und Bronze) seien das Ergebnis einer unrealistischen Planung. „Womit aber war die hohe Erwartung bei Steffen gerechtfertig, die nach 2009 nicht durch eine einzige Leistung dazu berechtigt hat?“, fragt Rudolph. Die Trainer hatten unerschütterliches Vertrauen in die 15 Monate verletzte Titelverteidigerin. Heimtrainer Norbert Warnatzsch und Bundestrainer Dirk Lange hatten Steffen eine hervorragende Verfassung bescheinigt.

Auch hält Rudolph die Lange-Marschroute, verstärkt auf die Staffeln zu setzen, für fragwürdig. Dadurch würden trainingsintensive Disziplinen (Schmetterling, Lagen) vernachlässigt. Zudem fehlt die Stabilität der Leistungen, was laut Rudolph bei den Häufungen von „Quer- und Wiedereinsteigern“ wie Marco di Carli und Helge Meeuw auf Kosten der Nachhaltigkeit der Trainingsumfänge“ gegangen sei.

"Ein ewiges Experimentierfeld"

Der Knackpunkt für das fast kollektive Absaufen der DSV-Schwimmer aber liegt in der Zeit zwischen WM-Qualifikation und den Welttitelkämpfen; das bleibe „ein ewiges Experimentierfeld“. In diesem Jahr mussten sieben Wochen überbrückt werden. DSV-Mann Rudolph hält die Spanne für einen Neuaufbau zu kurz und für ein Konservieren der Form „bedenklich lang“. Seit Jahren wird über den richtigen Zeitpunkt im Verband gestritten. „Die steten Veränderungen tragen nicht zur trainingsmethodischen (und davon beeinflusst auch psychischen) Stabilität von Trainer und Aktiven bei, urteilt er.

Auf einer Klausurtagung am übernächsten Wochenende müssen sich Lutz Buschkow und Dirk Lange der Analyse Rudolphs stellen. Eine Lehre, die der DSV aus der Schmach von Shanghai ziehen will, ist eine gewisse Liberalisierung der straffen Nominierungspolitik. Jeder Athlet soll über die Saison verteilt vier Gelegenheiten zur Qualifikation für Olympische Spiele, WM oder EM erhalten. In London hätten dann die Schwimmer eine Ausrede weniger.