Biathlon

Was Gössner an ihrer Kollegin Neuner bewundert

Biathletin Miriam Gössner spricht mit Morgenpost Online über Parallelen zu Olympiasiegerin Magdalena Neuner und ihre Liebe zu ihrem Team-Kollegen.

Die Mutter ist eine gebürtige Norwegerin und sie selbst gewann im Vorjahr bei den Olympischen Winterspielen in Kanada sogar Staffel-Silber mit den Skilangläuferin. Dennoch blieb Miriam Gössner (20) nun der Nordischen Ski-WM in Oslo fern, lieber geht die Garmischerin bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in der Kälte Westsibiriens an den Start. Die exzellente Läuferin, die 2009 trotz acht Schießfehlern Junioren-Weltmeisterin wurde, will auch im winterlichen Zweikampf die Weltspitze erreichen.

Morgenpost Online: Sie starten am Samstag im Sprint der Frauen in Chanty-Mansijsk, aber Ihr Herz hing auch ein wenig an der nordischen Ski-WM in Oslo. Was hat Sie von einem Doppelstart abgehalten?

Miriam Gössner: Zu Saisonbeginn haben meine Trainer und ich mal diesen Plan mit dem Start in der Langlauf-Staffel durchgespielt, der Jochen (Behle, Langlauf-Cheftrainer, die Red.) hatte im Hinterkopf, dass ich in Oslo laufe. Ich habe eine norwegische Mutter und viele Angehörige und Freunde von dort. Ich habe die norwegische und die deutsche Staatsbürgerschaften und bin zweisprachig aufgewachsen. Ganz ehrlich. Für mich wäre ein Start in Oslo auch das Größte gewesen so wie es für jeden Langläufer das Höchste ist. Aber mit einem Blick auf den Terminplan muss ich sagen, dass es unrealistisch gewesen wäre. Zwischen der Staffel in Oslo und dem Sprint bei der Biathlon-WM liegen nur zwei Tage. Das hätte ich nicht hinbekommen. Jetzt freue ich mich auf meine WM.

Morgenpost Online: Wie groß ist der Schmerz?

Gössner: Ich bin schon ein bisschen traurig und wehmütig. Am Anfang wollte ich gar nicht wissen, wie schön und stimmungsvoll die Eröffnungsfeier war und wie die Deutschen abgeschnitten haben, aber dann hab ich doch den Fernseher eingeschaltet, um unseren Langläufern die Daumen zu drücken.

Morgenpost Online: Ist ein Doppelbelastung auf Weltklasse-Niveau überhaupt möglich?

Gössner: Dauerhaft sicher nicht, aber für einen Einsatz ist das sicher schon drin. Nur muss ich aufpassen, dass ich mich nicht verzettle. Zu denken, dass ich es im Langlauf probieren kann, wenn es im Biathlon nicht klappt, wäre sicher der falsche Ansatz. Ich muss mich auf eine Sportart konzentrieren, und der größte Teil meines Herzens hängt nun mal am Biathlon, das habe ich gemerkt.

Morgenpost Online: Was macht für Sie den Reiz am Winterzweikampf aus?

Gössner: Es ist die Kombination aus kraftvollem Laufen und der Kaltschnäuzigkeit am Schießstand, die Kombination aus der Physis und der Psyche. Wenn die Zuschauer nach einem Treffer „Yeah“ rufen und nach einem Fehlschuss „Oh“ rufen, das kann einem schon einen Schauer über den Rücken jagen. Es reicht eben nicht, nur schnell zu laufen. Mit einem Schuss kannst du ein ganzes Rennen verhauen – oder eben gewinnen. Das ist unheimlich faszinierend.

Morgenpost Online: Nach einem überragenden Weltcup-Einstand mit zwei zweiten Plätzen in Östersund hatten Sie einen leichten Durchhänger. Bekamen Sie Angst vor Ihrer eigenen Courage?

Gössner: Nein, ich war auch danach immer ganz gut dabei, nur habe ich immer einen Fehler zu viel geschossen.

Morgenpost Online: Waren diese Schwächen am Schießstand ein mentales Problem?

Gössner: Mental sehe ich bei mir eigentlich keine Schwäche, weil ich mich noch nie als eine besonders gut Schützin angesehen habe. Ich habe meine Ergebnisse über das Laufen gesichert. Das hat mich nicht belastet, auch wenn das vielleicht ein Außenstehender so sehen mag. Ich lasse mir da aber nichts einreden. Es sind Kleinigkeiten, die ich abstellen muss. Die Haltung ist manchmal noch nicht optimal, aber daran arbeite ich hart.

Morgenpost Online: Wo sehen Sie Nachholbedarf?

Gössner: Ich bin manchmal noch zu ungeduldig, zu huddelig und auch ein bisschen zu selbstkritisch. Die Trainer überhäufen mich mit viel Lob, aber ich suche trotzdem immer gleich nach meinen Fehlern.

Morgenpost Online: Nicht nur wegen Ihrer Laufstärke und der noch fehlenden Treffsicherheit werden Sie mit Magdalena Neuner verglichen, die 2006 im Weltcup auftauchte und 2007 einen märchenhaften Aufstieg bei der WM hinlegte. Ist von Ihnen ein ähnlicher Durchbruch zu erwarten?

Gössner: 2007 hat die Lena in Antholz mit drei Titeln ja ziemlich vorgelegt. Das werde ich sicher nicht erreichen. Eine Einzelmedaille wäre schon das Höchste der Gefühle, aber dann muss an diesem Tag schon alles passen. Aber wer weiß, wir hatten eine sehr gute Vorbereitung in Ruhpolding, und ich fühle mich top in Form.

Morgenpost Online: Was bewundern Sie an Ihrer Zimmerkollegin?

Gössner: Wie sie trotz des ganzen Trubels so unbeschwert und locker geblieben ist. Sie ist ein absolutes Vorbild für mich, eine Frohnatur. Das bin ich auch und werde es hoffentlich immer bleiben. Auch davon wie die Lena mit den Medien umgeht, kann ich mir noch eine Scheibe abschneiden. Sie hat kein Problem, im Rampenlicht zu stehen und das hätte ich auch nicht. Weil ich wie die Lena das nicht mit irgendwelche Allüren verbinde. Sie hat nie vergessen, woher sie kommt. Das finde ich toll.

Morgenpost Online: Waren Sie überrascht, was alles in der ersten Weltcup-Saison auf Sie eingeprasselt ist?

Gössner: Das ist schon was anderes. Zwischen dem Nachwuchsbereich und dem Weltcup liegen Welten, leistungsmäßig und was das Umfeld angeht.

Morgenpost Online: Inwiefern mussten Sie sich umstellen?

Gössner: Ich hoffe, ich bin immer noch dieselbe wie von vor einem Jahr (lacht). Aber, klar, auch ich muss mich weiter entwickeln. Ich habe gelernt, nein zu sagen. Zu Journalisten, zu Fans oder zu Sponsoren, es geht ja nicht anders. Unser Terminplan ist voll. Um das alles unter einen Hut zu bekommen, braucht es ein gutes Umfeld, nette Teamkollegen und Betreuer, und die habe ich.

Morgenpost Online: Ihr Freund, der Biathlet Simon Schempp, konnte sich verletzungsbedingt nicht für die Weltmeisterschaft qualifizieren. Können Sie da unbeschwert an den Start gehen?

Gössner: Es war für ihn keine schöne Saison, da konnte auch ich nicht immer glücklich sein. Ich habe mir große Sorgen gemacht, weil ja der Verdacht auf eine Herzmuskelentzündung bestand und mein Onkel, Leistungssportler genauso wie wir, daran gestorben ist. Zum Glück ist es bei Simon nicht so schlimm, aber der November und Dezember waren zwei ganz harte Monate für uns.

Morgenpost Online: Wie konnten Sie ihm helfen?

Gössner: Privat konnte ich ihm gut zureden und aufmuntern, aber als Biathletin fiel es mir schwer. Klar, kannst du sagen. „Hey, das wird schon wieder.“ Aber ich glaube, ihm geht es da so wie mir. Wenn man in so einem Tief steckt, möchte man keine guten Ratschläge hören – und erst recht kein Mitleid. Jetzt ist er bei seiner Familie, und das ist das Beste für ihn.

Morgenpost Online: Arnd Peiffer hat Russischlehrbücher nach Sibirien mitgebracht, was haben Sie im Reisegepäck?

Gössner: Ich habe mir bei Amazon eine Ladung Bücher bestellt, die ich eingepackt habe. Lena und ich haben lange geplant, was wir in unsere Zweier-WG mit nehmen. Ich hab Tee und Nudeln dabei, die Lena hat das Vollkornbrot dabei.