Autor Lahm

Matthäus kostete sein Bayern-Buch das Kapitänsamt

Philipp Lahms Buch löst bereits vor seiner Erscheinung Aufregung aus. Wer Insiderwissen der Öffentlichkeit preis gibt, muss mit Konsequenzen rechnen.

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Wenn Fußballer wie Philipp Lahm in die Tasten greifen, fallen schon mal Eigentore. Auch auf diesem Terrain können Foulspiele begangen werden, die Folgen nach sich ziehen. Mal reicht die Gelbe Karte, mal gibt es Rot – ob vom Verein, den Medien oder der Öffentlichkeit.

Die Aufregung ist nicht immer einkalkuliert, ein Lothar Matthäus beispielsweise war vom Donner gerührt und „menschlich tief enttäuscht“ über das Echo, das sein „Geheimes Tagebuch“ 1997 im Blätterwald und Teamkreis auslöste. Der Auflage aber kommt es gewöhnlich zu Gute. Ein kleiner Überblick über brisante Fußballer-Bücher auf dem deutschen Markt.

Vorreiter Roentved

Im Juli 1979 kehrte der Däne Per Roentved der Bundesliga den Rücken, mit 194 Einsätzen für Werder Bremen. Kaum weg, publizierte er seine Insider-Kenntnisse der Bundesliga in seinem Buch „Die Kehrseite“. In Dänemark war die Erstauflage (10.000) schnell vergriffen, in Deutschland herrschte Aufregung. Leseprobe: „Ich weiß, dass einige Spieler von Werder Bremen sich ständig dopen. Ich glaube aber, dass sie diese Mittel nicht von unserem Vereinsarzt bekamen, sondern aus anderen Quellen.“

An seinen Trainern ließ er auch kein gutes Haar, Hans Tilkowski sei „hysterisch“ und Wolfgang Weber „krankhaft ehrgeizig“. Eine Generalabrechnung mit der Branche durfte auch nicht fehlen: „Die Entwicklung in der Bundesliga gefällt mir nicht. Die Spieler werden wie seelenlose Roboter behandelt und man verlangt von ihnen, wie Asketen zu leben.“ Insbesondere Roentveds Dopingvorwürfe lösten Empörung aus, die sich aber bald wieder legte. Der Ankläger war eben nicht prominent genug und nur noch ein Ex-Spieler.

Schumachers "Anpfiff"

Ganz anders verhielt es sich mit Toni Schumacher, der im März 1987 Nationaltorwart war und für den 1. FC Köln spielte, als sein „Anpfiff“ auf den Markt kam. Sein äußerst branchenkritisches Sittengemälde griff das Doping-Thema wieder auf und ließ auch an den Zuständen in der Nationalmannschaft kein Haar.

Über die WM-Vorbereitung 1982 etwa schrieb er: „Es gab keine Disziplin und manche benahmen sich schlimmer als der berühmte Kegelbruder auf dem Mallorca-Ausflug.“ Wegen der angeblich regelmäßigen Ausflüge ins Nachtleben forderte Schumacher lieber gleich kontrollierten Sex: „Warum nicht käufliche Schöne einladen, die unter medizinischer Kontrolle stehen? Lieber organisierte Liebe als zusehen, wie die Jungs in die nächstgelegene Stadt flüchten.“ Zu moderne Ansichten für 1987.

Aus in der Nationalelf

Schumacher stolperte insbesondere über die Doping-Vorwürfe, obwohl der Kicker nach einer anonymen Umfrage 31 Bestätigungen aus der Bundesliga erhielt. Der DFB warf Nestbeschmutzer Schumacher dennoch aus der Nationalelf.

Am 9. März 1987 lief eine gemeinsame Erklärung über die Agenturen: „In einem Gespräch wurde deutlich, dass Toni Schumacher die breiten Auswirkungen seines Buches Anpfiff’ nicht übersehen hat. Er erklärte, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, dem Fußball zu schaden oder Gruppen zu beleidigen. Aufgrund der entstandenen Situation erkennt Toni Schumacher die Maßnahmen des DFB an, ihn ab sofort nicht mehr in die Nationalmannschaft zu berufen.“

Auch sein 1. FC Köln warf ihn raus, dabei war er noch in dem Bewusstsein „Ich habe doch nur die Wahrheit geschrieben. Seit wann wird man für die Wahrheit bestraft?“. Er wurde es. Immerhin war sein Buch nach vier Tagen ausverkauft, in 13 Sprachen übersetzt und rund eine Million Exemplare abgesetzt. Ein Bestseller mit Folgen – die Bundesliga führte regelmäßige Doping-Kontrollen ein.

Später fand Schumacher Gnade und kam in Schalke und München noch zu ein paar Bundesligaspielen – für Deutschland aber spielte er nie mehr.

Schlechte Kritiken für Matthäus

An den Wirbel um Schumachers Anpfiff kam kein Fußballer-Buch mehr ran, am nächsten noch das „Geheime Tagebuch“ von Lothar Matthäus. Ein im Grunde banales Protokoll der allerdings brisanten Saison 1996/97 beim FC Bayern, die von internen Querelen geprägt war.

Noch bevor es auf dem Markt war, begann die "Bild"-Zeitung mit einem Vorabdruck – und das war Matthäus’ Verderben. Ohne genau zu wissen was noch kommt, setzten sich die Mitspieler bereits zur Wehr. Denn das Mitteilungsbedürfnis von Matthäus gegenüber der Boulevard-Presse hatte schon das ganze Jahr über Ärger ausgelöst, ausgerechnet der Bayern-Kapitän galt als Maulwurf. Und ein einziger Satz aus dem Tagebuch „Jürgen Klinsmann wird nie mein Freund werden“ entzündete einen Flächenbrand.

Darauf angesprochen, legte Matthäus in einem Interview nach, bezeichnete den damaligen Mitspieler als „geldgierig und egoistisch“. Das kostete ihn noch vor der Buchpräsentation die Kapitänsbinde und alle Sympathien im Team. Thomas Helmer forderte öffentlich: „Kranken muss man helfen.“

Matthäus sagte später: „Am meisten enttäuscht war ich, wie mich meine Mitspieler angegangen haben. Und das, ohne das Buch überhaupt gelesen zu haben.“ Das hatten einige nicht. Bayern-Vize Karl-Heinz Rummenigge grollte: „Ich gehöre nicht zu den 50.000 Deppen, die es schon gekauft haben.“ Matthäus bekam dennoch ein Honorar über damals 400.000 D-Mark – und verdammt schlechte Kritiken.

Deislers Erinnerungen

Danach wagten sich noch etliche Fußballer aufs Glatteis, aber nur wenige handelten sich Ärger ein. Sebastian Deisler wagte 2009 nach Karriereende in seinen Erinnerungen „Zurück ins Leben“ eine Attacke auf seinen damaligen Hertha-Manager Dieter Hoeneß, von dem er nach der Scheck-Affäre mehr Rückhalt erwartet hätte: „Stattdessen hat er zugesehen, wie ich aus Berlin hinausgeprügelt wurde. Das ist es, was mir den Fußball versaut hat. Das war mein Genickschuss. Heute weiß ich, dass ich damals hätte aufhören müssen.“

Auch die Art von Felix Magath, mit Spielern umzugehen, missbilligte er: „Mein Eindruck war, dass Magaths Philosophie damals auf Angst gründete, auf Macht. Er misstraute den Spielern. Er schürte Angst, damit sie sich den Arsch aufrissen.“ Magath nahm es gelassen, Hoeneß wehrte sich: „Sebastian sollte bei der Wahrheit bleiben.“

Effenberg über Strunz

So wie Stefan Effenberg, der 2003 ganz ungeschminkt die Streitigkeiten im Hause Strunz wieder gab. Effenberg hatte Thomas Strunz die Frau ausgespannt und berichte in seinem Buch „Ich hab es allen gezeigt“ von der Wut des Kollegen: „Er warf in der Küche mit Flaschen und Gläsern“, habe die Kreditkarten der Gemahlin zerschnitten und schließlich ihn angerufen und geschrien: „Du Schwein hast mir meine Frau geklaut.“ Diese Offenheit war nicht angetan, das Reizverhältnis Effenberg/Strunz zu entspannen und noch jahrelang schrieben sich die Anwälte. Die Öffentlichkeit beunruhigte der Privatzwist nicht sonderlich.

Jens Lehmann bekam auch Ärger mit einem Ex-Kollegen, weil wieder mal keiner seinen seltsamen Humor verstand. In seiner Karrierebilanz „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“ unterstellte er dem damaligen Stuttgarter Mario Gomez dieses: „Mein Kollege Mario Gomez schoss kurz vor Schluss absichtlich am Tor der Bayern vorbei, weil er einen Tag später nach München wechselte und sich mit seinem neuen Verein partout nicht die Mühen der Champions League-Qualifikation unterziehen wollte.“

Bayern-Manager Uli Hoeneß tobte: „Jetzt weiß ich endgültig, dass der nicht alle Tassen im Schrank hat.“ Hoeneß wollte die Auslieferung des Buchs verhindern, ehe sich Lehmann im Fernsehen öffentlich für seinen schlechten Scherz entschuldigte. „Es war ein Spaß, und das hätte ich groß drüber schreiben müssen.“

Aber über seine Späßchen auf dem Platz konnte auch niemand lachen.