Berliner Stadionfest

Istaf bleibt das Herz der deutschen Leichtathletik

51.812 Zuschauer, drei deutsche Siege und ein 100-Meter-Rekord – das ist die Bilanz des Istaf 2011 im Berliner Olympiastadion. Beim wichtigsten deutschen Leichtathletikmeeting begeisterten besonders zwei Berliner die Zuschauer.

Der kürzeste Wettbewerb ist dann doch immer der schönste. Zumal, wenn er mit einem Rekord endet. Nach 9,82 Sekunden erreichte gestern 100-Meter-Weltmeister Yohan Blake das Ziel beim 70. Istaf der Leichtathleten im Berliner Olympiastadion. Er war damit so schnell wie nie zuvor ein Istaf-Starter – auch nicht sein jamaikanischer Landsmann Asafa Powell und nicht der US-Amerikaner Maurice Greene, beide immerhin Olympiasieger, die sich bisher die Bestzeit von 9,86 Sekunden teilten. Die offiziell 51.812 Zuschauer feierten den schnellsten Sieger der Veranstaltung mit insgesamt elf Weltmeistern und über 30 Medaillengewinnern der WM in Südkorea genauso wie die deutschen Disziplin-Gewinner Betty Heidler, Silke Spiegelburg und Robert Harting.

Yohan Blake jedenfalls vertrat Usain Bolt ganz gut – obwohl der mit seinem Weltrekord von 9,58 Sekunden, gelaufen am 16. August 2009 bei der WM an selber Stelle, immer noch in anderen Sphären schwebt. Am Freitag treffen sich beide in Brüssel, allerdings nicht aufeinander: der eine (Bolt) wählte die 100, der andere (Blake) die 200 Meter. Das soll sich 2012 ändern. „Ich konzentriere mich nicht darauf, Usain schlagen zu wollen“, sagte der 21-Jährige, „aber es wird spannend nächstes Jahr in London.“ Wenn er dort seine „Glückssocken“, wie er sie nennt, wieder trägt, kann eigentlich kaum etwas schief gehen: Gestern lief Blake links in blau, schwarz gepunktet, und rechts deutlich länger, rosa-schwarz-weiß gestreift.

Ehrenrunde ist Ehrensache

Obwohl ihn seit Monaten schon starke Schmerzen an der Patellasehne seines linken Knies behindern, beißt sich Diskuswerfer Robert Harting von Sieg zu Sieg. Der Erfolg beim Istaf war bereits der 19. Erfolg in Serie für den Berliner Weltmeister, der zuletzt im August 2010 einen Wettkampf verloren hat. Gestern warf er schon im ersten Versuch mit 67,22 Metern seine beste Weite, kam aber insgesamt viermal über 65 Meter. Und er ließ es sich nicht nehmen, trotz Schmerzen, mit einer deutschen und einer Flagge seines Heimatvereins SCC eine Ehrenrunde zu drehen. „Das Istaf“, so Harting, „ist für mich der Herzschlag der deutschen Leichtathletik.“

Bei der WM in Daegu war Betty Heidler noch schwer enttäuscht, weil sie Silber statt des erhofften Goldes gewann. Schon am Freitag beim Werfermeeting in Elstal hatte sie mit 77,53 Metern eine Weite erzielt, die für Platz eins in Korea gereicht hätte. Gestern beherrschte die Hammerwerferin die Konkurrenz um Weltmeisterin Tatjana Lysenko erneut. Schon im ersten Versuch hatte die gebürtige Berlinerin mit Istaf-Rekord in 76,99 Metern großen Jubel im Olympiastadion ausgelöst, im zweiten Durchgang steigerte sie sich mit 77,40 erneut. Innerhalb von nur zwei Tagen hat sie also die Gold-Weite der Russin Lysenko (77,13) zweimal überboten.

Heidler würde WM gerne wiederholen

„Ich würde gern die WM wiederholen“, sagte Heidler zurückblickend auf ihre einzige Niederlage in diesem Sommer, die sie mit dem Weltrekord von 79,42 Metern begonnen hatte, „ich ärgere mich immer noch.“ Die jüngsten Ergebnisse seien nur ein „Stück weit Genugtuung“, mehr nicht. Wenigstens kann sie sich jetzt auf den verdienten Urlaub freuen, den sie ganz in der Nähe Berlins verbringt – in Werneuchen, bei ihren Eltern. Und sich irgendwann auf Olympia in London einstimmen. So viel Selbstbewusstsein nimmt sie aus dieser Saison mit: „Wenn ich werfe, was ich werfen kann, bin ich nicht zu schlagen.“

Während der Istaf-Auftritt des Kugelstoß-Weltmeisters David Storl zumindest von seiner sportlichen Leistung her eher enttäuschend verlief (siehe Artikel auf dieser Seite), verließ Christina Obergföll Berlin zufrieden. „Ich war ein bisschen müde nach Zürich und Elstal in den vergangenen Tagen“, sagte die Speerwerferin, „dafür war es heute okay.“ Mit 64,95 Metern belegte sie Platz zwei hinter der diesmal deutlich überlegenen tschechischen Weltrekordlerin Barbora Spotakova (67,14), aber vor Weltmeisterin Maria Abakumowa (Russland/64,34). In Zürich hatte Obergföll sogar eine Weite von 69,57 Metern hingelegt und gewonnen. Ist damit ihr bitteres WM-Abschneiden, das Verpassen der Medaillenränge halbwegs verdaut? „Nee, die WM war der Höhepunkt des Jahres – und den habe ich versaut“, sagte sie, ähnlich unzufrieden wie Heidler, „schon zum wiederholten Male habe ich bei einer Top-Veranstaltung nicht meine beste Leistung geboten.“ Das müsse sie noch genau analysieren. „Und jetzt hätte ich gern noch die 70 Meter geworfen, denn ich hab sie drauf. Schade. Aber in Zürich hat ja nicht viel gefehlt.“

Eine erfreuliche Leistung aus deutscher Sicht bot Georg Fleischhauer, der Deutsche Meister über 400 Meter Hürden. Der Dresdner, bei der Weltmeisterschaft bis ins Halbfinale vorgestoßen, wurde Dritter (49,19 Sekunden) hinter Sieger Jehue Gordon aus Trinidad und Tobago (48,66). „Es bestätigt sich, dass ich auf einem guten Wege bin“, sagte der 22-Jährige nach der zweitschnellsten Zeit seiner Karriere. Eines von vielen guten Ergebnissen des 70. Istaf. Auch wenn der Weltrekord nicht fiel.