Hertha-Höhenflug

"Meisterbezwinger" Babbel zockt und gewinnt

Nach zuletzt zwei Siegen gegen Dortmund und Stuttgart steht Hertha BSC auf Tabellenplatz acht. Danach sah es nach den ersten Partien nicht aus. Trainer Markus Babbels Plan geht auf – trotzdem lässt er seine Mannschaft extra früh trainieren.

Ein Augenrollen ist Antwort genug. Am Sonntag hat Markus Babbel das kickende Personal von Hertha BSC schon um 9.30 Uhr und damit eine halbe Stunde eher als an Tagen nach Spielen üblich zum Auslaufen bestellt. Eine Strafmaßnahme ist das natürlich nicht. Nicht nach dem beinahe sensationellen 2:1 (0:0) der Berliner im Stadion des Deutschen Meisters Borussia Dortmund . Mögliche Gründe für die Vorverlegung waren demnach andere: Das im nahen Olympiastadion stattfindende Istaf . Oder der Flugplan.

Babbels Pendelei zur in München wohnhaften Familie begleitet den Hauptstadtklub nun schon im zweiten Jahr, und so genügt inzwischen ein Augenrollen von Mitarbeitern zur Bestätigung, dass natürlich nicht das Istaf für den früheren Beginn ursächlich war. Die Fluggesellschaften richten ihre Startzeiten in Tegel nun mal noch immer nicht nach Herthas Trainingsplan. Aber so ist das im Sport: Wo Babbel bei fehlenden Siegen die regelmäßigen Heimflüge zum Vorwurf gemacht werden, ist andernfalls alles gut. Erfolg als alleiniges Regulativ.

Und Hertha ist allemal erfolgreich in die Bundesliga zurückgekehrt. Mit dem kaum zu erwartenden Auswärtssieg in Dortmund ist aus einem ordentlichen Saisonstart ein sehr ordentlicher geworden. Acht Punkte nach fünf Spielen, Platz acht in der Tabelle – mit alldem war noch nach dem ersten Spiel, dem desaströsen 0:1 gegen Nürnberg, nicht zu rechnen gewesen.

Inzwischen steht da ein Team auf dem Rasen, das geschickt verteidigt, indem es Lauf- und Passwege des Gegners konsequent zustellt. Und in Dortmund war nun zum ersten Mal auch die Umschaltbewegung, also das Spiel nach vorn nach Balleroberung, von einer Güte, dass Hertha den Meister in einem extrem spannenden Spiel mit dessen eigenen Stärken schlagen konnte. Freilich ist es so, wie Babbel einräumt: „Unser Vorteil als Aufsteiger ist, dass wir gerade auswärts nicht das Spiel machen müssen.“

Klopp attestiert Hertha "brutale Qualität"

Vor der in Summe nichtsdestotrotz offensichtlichen „brutalen Qualität“ des Aufsteigers verneigte sich dann auch Meistertrainer Jürgen Klopp. Herthas Können, so seine Prophezeiung, würden in dieser Saison „noch mehr Mannschaften so wie wir zu spüren kriegen“.

Mitunter redet Babbel seine Spieler auch einfach stärker, als sie es tatsächlich sind. Keineswegs hatte er es im Bereich des Unmöglichen ansiedeln wollen, in Dortmund gewinnen zu können – und genau dieses Urvertrauen des Trainers lebte während der 90 Minuten auch auf dem Platz fort. So stand am Ende in gewisser Weise ein Sieg mit Ansage. Anderntags begründete Babbel seine forsche Ankündigung mit einer Konstellation, die für Hertha „ideal gewesen“ sei: „Es war Länderspielpause, Dienstag hat Dortmund die Champions League vor der Brust. Davor kommt ein Aufsteiger. Da kenne ich es aus eigener Erfahrung, dass du nicht so konzentriert bist, wie wenn der FC Bayern kommt.“

Ablenkung durch "Größenwahn"-Diskussion

Stellt sich die Frage: Ist Babbel mit all seiner Unerschütterlichkeit und seinem typisch bayerischen Selbstvertrauen nur ein begnadeter Zocker? Einen solchen hatte er vor dem vorangegangenen Heimspiel gegen Stuttgart gemimt, als er – so zumindest erklärte Babbel sich hernach – den Fokus der Öffentlichkeit mit der berühmt-berüchtigten „Größenwahn“-Diskussion auf sich und nicht auf die viel diskutierte Serie von 17 Heimspielen ohne Sieg lenkte. Prompt siegten die Seinen 1:0. Genauso macht Babbel erst gar kein Hehl daraus, dass er diese oder jene Entscheidung auch einfach mal aus dem Bauch heraus trifft; meist täuscht ihn sein Gefühl nicht.

Oder reift in ihm, dem langjährigen Bayern-Profi und Ex-Nationalspieler, auch ein veritabler Könner auf der Trainerbank heran? Über die Spanne von nun fünf Spielen reklamiert Mittelfeldspieler Peter Niemeyer für das Team, „dass wir aus dem Spiel heraus kaum Chancen zulassen“. Als „perfekt“ lobte Kapitän Andre Mijatovic insbesondere die Vorbereitung des sieggewohnten Babbel auf das Gastspiel beim Meister. Der als Wunschspieler vom FC Bayern geholte und von Babbel als Schaltzentrale im Mittelfeld installierte Andreas Ottl führte aus, was darunter zu verstehen sei: „Der Trainer hat eine Riesenerfahrung, die bringt er da mit ein. Es ist ja nicht so, dass wir irgendwas trainieren würden. Wir machen Analysen vor dem Spiel: Babbel hat uns perfekt darauf vorbereitet, dass Dortmund immer durch die Mitte kommt.“ Und wo die Berliner die Vorgaben punktgenau umsetzten, da saß Babbel auch in der aufgeheizten Atmosphäre von Deutschlands größtem Stadion ganz entspannt auf seiner Bank, während ein paar Meter weiter links Klopp eine gefühlte Ewigkeit lang den Vierten Offiziellen bearbeitete, damit der – was jedoch gar nicht seine Aufgabe ist – bei seinem Chef eine möglichst lange Nachspielzeit erwirkte. Als auch diese vierminütige Dreingabe ohne späte Ergebniskorrektur verstrichen war, da war es wieder Babbel, der in der Pose des Siegers dastand.

Und schon zockt er wieder, dieser Trainer. Wo Ottl aus der Perspektive des Spielers pflichtschuldig von der „Demut“ spricht, die beim Aufsteiger nach erfolgreicher Meisterjagd nun angesagt sei, legt Babbel die Messlatte höher. Wenn am kommenden Sonnabend der Mit-Aufsteiger aus Augsburg ins Olympiastadion komme, werde sich „zeigen, wie weit wir nach so einem Erfolg, an den wir geglaubt haben, der aber nicht einzuplanen war, wirklich sind“, sagt Babbel. Er ist gespannt wie alle Beobachter, inwiefern sein Team den in Dortmund gezeitigten Erfolg nun gegen Augsburg veredeln kann. Zweifel, dass die Qualität auch gegen den FCA reichen kann, hat Babbel keine. „Auf dem Platz“, sagt er bestimmt, „sind wir definitiv besser und haben die Riesenchance, uns abzusetzen. Wir sind jetzt der Favorit.“

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