2:1-Erfolg in Dortmund

Hertha besteht gegen den BVB die Meisterprüfung

Zweitliga-Meister schlägt Deutschen Meister: Dank einer konzentrierten Defensivleistung siegt Hertha BSC verdient mit 2:1 in Dortmund. Besonders die Berliner Mittelfeldachse Ottl/Niemeyer überzeugte. Der BVB zeigte ungewohnte Schwächen.

An der Mittellinie schien Raffael noch einmal kurz zu zögern. Alleine trieb er den Ball durch das Mittelfeld von Borussia Dortmund, drei Spieler stellten sich ihm noch in den Weg. Was sollte er tun? Schon einige Male hatte er sich in diesem Spiel in der Abwehr festgerannt, doch er beschleunigte noch einmal – und setzte sich durch. Von halblinks kam der Brasilianer in Diensten von Hertha BSC zum Abschluss. Doch zunächst vergab er, schoss den herauseilenden Torwart Roman Weidenfeller an, von ihm prallte der Ball Dortmunds Schmelzer ans Bein – und wieder vor seine Füße. Im zweiten Anlaufe schaffte Raffael dann das, woran bislang vier Mannschaften in der Fußball-Bundesliga gescheitert waren: Aus dem Spiel heraus ein Tor gegen den amtierenden Titelträger zu erzielen. 50. Minute, 1:0 für Hertha im Duell Zweitliga-Meister gegen Bundesliga-Meister. Das war schon mal eine Überraschung. Die Sensation machte Peter Niemeyer mit seinem Treffer zum 2:0 perfekt, auch wenn Robert Lewandowski (88.) noch zum 2:1 (0:0)-Endstand verkürzen konnte.

Hertha siegte vor 80.720 Zuschauern verdient in Dormund – und ist damit erst der dritte Aufsteiger in den letzten zwölf Jahren, dem dieses Kunststück gelingt. 3430 mitgereiste Hertha-Fans feierten ausgelassen und bejubelten zudem die Fortsetzung einer Erfolgsserie: Hertha bleibt in 2011 auswärts ungeschlagen und beendete zugleich Dortmunds Serie aus 18 Heimspielen ohne Niederlage. „Ich hatte von Anfang an ein gutes Gefühl, wir hatten nichts zu verlieren“, meinte Hertha-Trainer Markus Babbel. Sein Kollege Jürgen Klopp meinte: „Hertha ist kein normaler Aufsteiger, sie schalten sehr schnell um, deshalb sind sie aufgestiegen.“

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Für die erste kleine Überraschung hatte Trainer Markus Babbel schon vor dem Anpfiff gesorgt, in dem er Zugang Änis Ben-Hatira, seinen absoluten Wunschspieler, wie er stets betont, zunächst auf der Bank ließ. Im Tor begann Thomas Kraft, davor kam die gewohnte Viererkette aus Christian Lell, Roman Hubnik, Kapitän Andre Mijatovic und Levan Kobiashvili zum Einsatz, davor hatten Andreas Ottl und Peter Niemeyer die Aufgabe, der schnellen Dortmunder Offensive entgegenzutreten.

Hinter der einzigen Spitze Adrian Ramos agierte Raffael auf der Position des Zehners, flankiert von Patrick Ebert und Tunay Torun. Auf der anderen Seite musste Dortmund Trainer Jürgen Klopp auf Supertalent Mario Götze verzichten, der rotgesperrt zuschauen musste – für ihn bot er Jakub Blaszczykowski auf. „Die Frage wird sein: Haben wir Angst oder nicht? Wenn wir keine Angst haben, muss Dortmund erst einmal ein Tor gegen uns schießen“, hatte Babbel vor der Partie gesagt – und behielt Recht.

Babbels Prognose tritt ein

Denn Hertha agierte genauso, wie Babbel die Marschroute ausgegeben hatte: Die Mannschaft warf sich in die Zweikämpfe, ließ den Dortmundern im Mittelfeld kaum Raum zum Kombinieren und stand – bis auf einige kleine Wackler – defensiv recht sicher, vor allem das defensive Mittelfeld mit Ottl und Niemeyer präsentierte sich ordentlich. Nach vorn erarbeitete sich das Team vor allem aus Kontern heraus gute Möglichkeiten, denn die Borussia agierte längst nicht so ballsicher wie gewohnt. Und auch die erste Torchance ging auf das Konto der Berliner: Nach Flanke von Ebert kam Ramos aus spitzen Winkel volley an den Ball, verzog aber (8.). Die beste Szene der ersten Hälfte erspielten sich Ramos und der äußerst agile Torun: Nach einem sehenswerten Doppelpass durch die Dortmunder Viererkette traf der Deutsch-Türke nur den Außenpfosten. Nach einer halben Stunde betrug das Verhältnis der Torschüsse 4:2 – für Hertha. Vor allem die Außen Torun und Ebert sorgten für Akzente, während Raffael sich ein ums andere mal in der Dortmunder Defensive festrannte. Nach 30 Minuten kam die Borussia besser ins Spiel, Herthas Entlastungen nahmen stetig ab. Vor allem nach Standards zeigte sich Herthas Defensive überfordert. Mats Hummels kam in der 28. Minute nach einem Eckball frei zum Kopfball, traf aber nur Kraft. Kagawa, Gündogan und Großkreutz hatten gute Chancen – so hieß es nach Torschüssen zur Pause plötzlich 8:4 für Dortmund.

Die zweite Hälfte begann dann mit Raffaels Paukenschlag zum 1:0, der nur sechs Minuten später sogar zum 2:0 hätte erhöhen können: Nach einer schönen Flanke von Patrick Ebert traf er mit einem Volleyschuss aber nur die Latte. Dortmund drückte immer mehr auf den Ausgleich, doch die Aktionen öffneten immer wieder Räume für Berliner Konter. Glück für Hertha dann in der 71., als Bender aus gut 30 Metern nur die Latte traf – nachdem Adrian Ramos nur Sekunden zuvor einen Ball frei vor Weidenfeller vertändelt hatte. Dann war wieder Raffael am Zug, doch sein Schuss von halblinks traf wieder nur den Pfosten (78.). Die Entscheidung war Peter Niemeyer vorbehalten: Ecke Ebert, Kopfball Mijatovic – dann stand der Abwehrhühne goldrichtig und drückte den Ball über die Linie. Lewandowskis Tor machte es noch einmal spannend – doch der Treffer kam zu spät für Dortmund.

Stenogramm

Borussia Dortmund: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, M. Hummels, Schmelzer – S. Bender (73. Zidan), Gündogan (46. A. da Silva) - Blaszczykowski (59. Perisic), Kagawa, K. Großkreutz – Lewandowski

Hertha BSC: Kraft – Lell, Hubnik, Mijatovic, Kobiaschwili – Ottl, Niemeyer – Ebert (83. Ä. Ben-Hatira), Raffael (87. Lustenberger), Torun (58. Rukavytsya) – Ramos

Schiedsrichter: Marco Fritz (Korb)

Zuschauer: 80.720

Tore: 0:1 Raffael (50.), 0:2 Niemeyer (81.), 1:2 Lewandowski (88.)

Gelbe Karten: Lewandowski – Hubnik