Aufsichtsratschef

Herr Lemke, wo sind Werders Millionen geblieben?

Trotz sechs Europacup-Teilnahmen in den vergangen sieben Jahren ist bei Werder Bremen das Geld knapp. Morgenpost Online sprach mit Aufsichtsratschef Willi Lemke.

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Willi Lemke, 64, sitzt am brennenden Kamin des Bremer „Park“-Hotels. Hinter ihm spielt Werders Stürmer Markus Rosenberg mit seiner kleinen Tochter. „Der Rosi“, sagt Lemke und ruft zu ihm hinüber: „Glückwunsch, wunderbarer Start.“ Lemke ist Mr. Werder. Er ist seit Jahren Aufsichtsratsvorsitzender, in den 80er- bis Ende der 90er-Jahre hat er als Manager in erster Linie mit Otto Rehhagel einen guten und gesunden Klub geformt. Jetzt ist Lemke wieder gefordert, als Kontrolleur der Finanzen. Bremen steht nicht mehr so vital da.

Morgenpost Online: Können Sie sich noch erinnern, was Willy Brandt mal Nettes über Sie gesagt hat?

Willi Lemke: Der hat verschiedene nette Sachen über mich gesagt. Neben Albert Schweitzer in meiner Grundschulzeit und Uwe Seeler als Teenager war später Brandt ja eines meiner großen Vorbilder. Ein Zitat von ihm über mich ist: Der Willi ist ein wunderbar lebendes Beispiel dafür, dass auch Sozialdemokraten hervorragend mit Geld umgehen können.

Morgenpost Online: Exakt. Bei Werder scheint so eine Gabe nötiger denn je zu sein, oder?

Lemke: Die war immer über Jahrzehnte vorhanden, …

Morgenpost Online: … aber die Not nie so groß wie heute.

Lemke: Sehe ich nicht so. Für mich ist das Wichtigste, dass wir sportlichen Erfolg haben, ohne die Grundfesten des Vereins zu erschüttern.

Morgenpost Online: Aber die Frage ist doch, wo die ganzen Millionen des Klubs geblieben sind? Warum fällt ein Leihgeschäft über 500.000 Euro wie der des Griechen Sokratis Papastathopoulos schon schwer?

Lemke: Wenn wir über 500.000 Euro reden, ist das naiv.

Morgenpost Online: Es ist klar, dass ein Spieler im Paket mehr kostet. Aber der Klub konnte in der vergangenen Saison mindestens das Zehnfache allein für die Ablösesumme von Arnautovic ausgeben. Warum also fällt jetzt schon ein Leihgeschäft schwer?

Lemke: Weil in dieser Saison 25 Millionen Euro Einnahmen aus der Champions League fehlen und Werders finanzielle Grundausstattung im Bundesliga-Vergleich nicht im Top-Bereich liegt. Zur Ausleihsumme kommen ja noch Gehalt, Prämien und dann gegebenenfalls auch ein Honorar für einen Spielervermittler dazu. Für 500.000 Euro macht der Aufsichtsrat kein Gedöns. Dieser Spieler war nicht eingeplant, ist also nicht mehr im Budget drin gewesen.

Morgenpost Online: In der Abwehr war aber wegen diverser Verletzungen Handeln vonnöten.

Lemke: Keine Frage, aber wir haben die Geschäftsführung zu kontrollieren und zu beraten. Wir haben gesagt, dass wir den Rahmen nicht sprengen dürfen. Und da gibt es auch keine zwei Meinungen. Mittlerweile wurden Lösungsansätze gefunden und wir haben die Forderung der Geschäftsführung erfüllt.

Morgenpost Online: Aber wie kann so etwas bei einem Klub passieren, der allein sechs Mal in den vergangenen sieben Jahren in der lukrativen Champions League vertreten war, der in den vergangenen fünf Jahren über 80 Millionen Euro durch Spielerverkäufe eingenommen hat und noch 2010 einen Rekordumsatz von 126,4 Millionen Euro vermeldete?

Lemke: Seitdem wir Champions League spielen, hatten wir nicht nur sehr hohe Zuflüsse durch Spielertransfers, sondern auch teure Zugänge wie Carlos Alberto, Marin oder etwa Arnautovic, um nur ein paar zu nennen. Wenn erfolgreich Fußball gespielt wird, verlangen die Spieler mehr Geld. Wenn du also gute Spieler hast und willst sie auch behalten, musst du ihnen richtig Geld bezahlen. Als wir viel Geld hatten, hat Klaus Allofs immer versucht, die besten Spieler nach Bremen zu holen. Diesen Weg sind Geschäftsführung und Aufsichtsrat ohne Wenn und Aber zusammen gegangen.

Morgenpost Online: Und trotz Saisoneinnahmen in zweistelliger Millionenhöhe blieb kein Raum für Rücklagen?

Lemke: Für die sportlichen Dinge bin ich nicht zuständig, da rede ich nicht rein. Klaus Allofs als Vorsitzender der Geschäftsführung und Thomas Schaaf als Trainer haben unser absolutes Vertrauen, die Mannschaft zu stärken. Wenn sie im beschlossenen Budget einen Spieler haben wollen und glauben, dass es ein guter Spieler ist, dann kann ich nicht sagen: Nein, ich möchte das Geld auf die Sparkasse bringen. So ein Team zu unterhalten kostet nun mal viel Geld.

Morgenpost Online: Es gibt also keine Rücklagen?

Lemke: Wir haben Rücklagen, um ein Jahr überbrücken zu können. Im nächsten Jahr kann es aber schwierig werden, wenn wir nicht entsprechende zusätzliche Einnehmen oder Einsparungen haben.

Morgenpost Online: Der Eindruck ist, dass es schon jetzt nicht leicht fällt. Sie haben Anfang März gesagt: ‚Der Verein hat nicht nur keine Schulden, sondern auch ordentliche Rücklagen. Das nächste Jahr ohne Europacup-Teilnahme können wir problemlos überstehen. Ende Juli sagten sie dann: ,Eine Veränderung der Haushaltslage muss erfolgen’. Was ist in diesen vier Monten passiert?

Lemke: Wir haben für Werder ganz wesentliche Einnahmepotentiale nicht mehr, weder die Champions League noch die Europa League. Und jetzt sind wir auch noch im DFB-Pokal raus, ein Wettbewerb, der bis ins Finale zehn Millionen Euro einbringen kann. Ich würde wesentlich ruhiger sein, wenn wir die noch in Aussicht hätten. Haben wir aber nicht mehr. Wir mussten aufgrund der Verletztensituation in der Abwehr mehr einkaufen, als wir ursprünglich wollten.

Morgenpost Online: Ist das so?

Lemke: Natürlich, die letzten Spieler waren nicht im Budget vorgesehen. Ekici war drin als Posten. Aber wir hatten Wolf , Papastathopoulos und Ignjovski nicht eingeplant.

Morgenpost Online: Dann war aber von vornherein personell keine große Einkaufstour geplant. Viel mehr sind ja kaum dazu gekommen.

Lemke: Unser Personalbudget ist im Vergleich zu anderen Mannschaften so, dass wir erwarten, damit auch eine ausgezeichnete Mannschaft bestücken zu können.

Morgenpost Online: Das heißt aber auch, dass sie für den angestrebten ausgeglichenen Etat noch Spieler verkaufen müssen?

Lemke: Am schönsten wäre natürlich, wenn wir im nächsten Jahr Champions League spielen würden. Dann hätten wir keine Probleme mehr. Ich träume aber nicht von einer schwarzen Null.

Morgenpost Online: Nicht?

Lemke: Wir sind deutlich ins Risiko gegangen mit dem bestehenden Etat und dem, was noch oben draufgekommen ist. Aber es ist ein überschaubares Risiko, weil wir unsere Rücklagen aufbrauchen. Aber das geht eben nur für einen bestimmten Zeitraum. Deswegen ist es im Augenblick eine etwas schwierigere Zeit.

Morgenpost Online: Es heißt, der Klub habe sich an den Finanzmärkten verspekuliert.

Lemke: Völliger Quatsch. Wer so etwas sagt, den müsste man verklagen. Erstens ist es laut unserer Geschäftsordnung strikt verboten, dass die Geschäftsführung sich an Börsengeschäften oder ähnlichem beteiligt. Zweitens: Glauben Sie im Ernst, ich würde so etwas zulassen? Nicht mit mir!

Morgenpost Online: Vielleicht ist es an Ihnen vorbei gemacht worden?

Lemke: Unvorstellbar. Ich kenne jede Position unseres Budgets. Rehhagel hat es mal treffend gesagt: ‚Bei Werder drehen sie nicht nur die Mark um, da röntgen sie auch noch den Pfennig.’

Morgenpost Online: Ist es denn ein anderer Posten, der Ihnen finanziell zusetzt? Das Stadion soll nicht nur 16 Millionen Euro teurer geworden sein, sondern an die 20 Millionen Euro.

Lemke: Ich kann Ihnen die Zahlen nicht bestätigen, da müssen sie den Aufsichtsratsvorsitzenden der Bremer Weser-Stadion GmbH fragen. Das Stadion ist teurer geworden, weil wir Standards hochsetzen wollten, um nicht der Musik hinterher zu laufen. Die Finanzierungen belasten nicht in besonderem Maße den sportlichen Betrieb. Zumal das Stadion ja auch Mehreinnahmen durch den Vip-Bereich generiert.

Morgenpost Online: Bei gleicher Kapazität wie vor dem Umbau. Sie haben den dreigeschossigen Ausbau damals aus Kostengründen abgelehnt, jetzt ist der zweigeschossige weit teurer geworden.

Lemke: Aber nennen sie mir doch mal eine Baustelle in Deutschland, die im Kostenrahmen geblieben ist. Dreigeschossig mit einer Kapazität von 50.000 Plätzen sollte damals 120 Millionen Euro kosten. Gott sei Dank habe ich der großen Lösung nicht zugestimmt. Die wäre ja auch noch entsprechend teurer geworden.

Morgenpost Online: Es wird angenommen, dass Sie zukünftige Einnahmen aus dem Stadion bereits verpfändet haben. Stimmt das?

Lemke: Auch das ist falsch.

Morgenpost Online: Ist es denn richtig, dass Werder trotz der Sparpolitik in dieser Saison Schulden machen wird?

Lemke: Das sind vertrauliche Angelegenheiten der Geschäftspolitik Werder Bremens. Deshalb beantworte ich Ihnen das nicht.

Morgenpost Online: Dann vielleicht diese: Kann Werder es sich überhaupt noch leisten, Spieler Großverdiener wie Tim Wiese oder Per Mertesacker zu halten, die in der nächsten Saison ablösefrei gehen können?

Lemke: Wenn die sportliche Leitung zu uns käme und würde einen Spieler verkaufen wollen, würde keiner im Aufsichtsrat widersprechen. Denn in der nächsten Saison kriegen wir keinen Euro mehr für ihn. Aber so zu handeln war immer ein Teil der Geschäftspolitik von Werder Bremen.

Morgenpost Online: Wofür steht Werder noch? Sportlich ist nicht auszumachen, wohin die Reise gehen soll.

Lemke: Wir wollen immer möglichst international spielen. Nur Bundesliga ist zu wenig Fantasie. Aber wir befinden uns in einem Umbruch. Wir müssen vermehrt jungen Spielern die Chance geben, sich zu präsentieren. Wir müssen von den sehr hoch bezahlten Superstars hin zu einer hungrigen Rasselbande kommen. Wir können gar nicht anders.

Morgenpost Online: Warum hat ein einstiger Ausbildungsklub wie Werder diesen Weg aus den Augen verloren?

Lemke: Die sportliche Leitung hat gefragt: Willi, willst du Champions League spielen? Klar wollte ich das. Dann müssen wir entsprechende Spieler haben, hieß es. Mit Lehrlingen und jungen Stiften könne man da nicht antreten.

Morgenpost Online: Ist Herr Allofs zu viel Risiko gegangen?

Lemke: Das würde ich nicht sagen. Er hat Verpflichtungen so vorgenommen, dass vorhandenes Potenzial nicht durch einen Umbruch geschwächt wird, um das Champions-League-Niveau zu halten…

Morgenpost Online: ... was mit Platz 13 nicht annährend gelang.

Lemke: Nach sieben erfolgreichen Jahren war das für uns alle eine Enttäuschung, was die Mannschaft in der vergangenen Saison gebracht hat. Es war sehr gewöhnungsbedürftig.

Morgenpost Online: Ihr Verhältnis zu Herrn Allofs gilt nicht als das Beste. Wie würden Sie es charakterisieren?

Lemke: Ich habe ein kollegiales Verhältnis zu ihm. Wir respektieren uns, und ich habe vollstes Vertrauen in sein Handeln.

Morgenpost Online: Dennoch haben sie den zwischenzeitlichen Transferstopp öffentlich diskutiert.

Lemke: Aber der Aufsichtsrat hat das nicht öffentlich gemacht. Inzwischen sind wir ja zu unseren Tugenden zurückgekehrt.

Morgenpost Online: Herr Allofs hat im Februar und Juni Gespräche über seinen 2012 enden Vertrag ergebnislos verstreichen lassen. Wie lange können Sie diese Personalie noch ungeklärt lassen.

Lemke: Klaus Allofs hat gesagt, der Ball liege jetzt bei ihm, auf den Aufsichtsrat zuzugehen. Dem ist nichts hinzu zu fügen. Ich warte das ab und auf einen Zeitpunkt lasse ich mich sowieso nicht festlegen. Ich sehe das genau so locker wie Klaus.

Morgenpost Online: Wie steht es um Ihren Trainer? Mario Basler hat in der „Bild“ gesagt, Schaaf sei „die ärmste Sau der Liga“.

Lemke: Das ist Quatsch. Thomas hat jeden Personalwunsch vom Aufsichtsrat erfüllt bekommen. Er kann der glücklichste Mensch der Welt sein. Er hat ein wunderbares Leben in Bremen. Er wird geliebt von den Fans, er wird getragen von der Stadt und der Region. Er hat einen Aufsichtsrat, auf den er sich zu hundert Prozent verlassen kann. Er hat eine gesunde Familie und ein gutes Einkommen. Warum ist er die ärmste Sau? Das ist vollkommen daneben.