Ex-Schwimmer Warnecke

"Diese depressive Mannschaft konnte nichts reißen"

Nach dem Experten Klaus Rudolph kritisiert auch der Ex-Weltmeister Mark Warnecke den deutschen Schwimmverband und nennt Gründe für den Misserfolg.

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Die Analyse des Schwimmexperten Klaus Rudolph hat den deutschen Verband an einem empfindlichen Nerv getroffen. Auf 17 Seiten führt der Rostocker Gründe für das Versagen der Deutschen bei den Weltmeisterschaften an, attestiert den Athleten eine „Wettkampfflucht“ und dem gesamten Verband einen „Leistungsschwund“. Die Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV), Christa Thiel, wollte sich gegenüber Morgenpost Online nicht zu Rudolphs Kritik äußern. Sie zieht sich auf die Position zurück, dass dieser aus „eigenem Antrieb“ gehandelt habe und über „ein gewisses Sendungsbewusstsein“ verfüge: „Bei dieser Auswertung handelte es sich auf keinen Fall um eine Verbandsanalyse“, sagte Thiel dem Sportinformationsdienst.

Tatsächlich fertigt Fachmann Rudolph seit über zehn Jahren nach Großereignissen Wettkampfanalysen für die Leitungsebene des DSV an. Sie beruhen auf einer umfangreichen Statistik und dienen dem Trainerstab seit jeher als Hilfsmittel. Rudolph war persönlicher Berater des damaligen DSV-Sportdirektors Örjan Madsen, dessen Vertrag nach den Olympischen Spielen 2008 auslief.

Lediglich ehrenamtlich sei Rudolph noch tätig für den Verband, betont nun Generalsekretär Jürgen Fornoff. Rudolph hatte 1999 zugegeben, als früherer Cheftrainer des SC Empor Rostock für „Körperverletzungen der Schwimmer und Schwimmerinnen verantwortlich“ zu sein. Rudolph gab zu, Anabolika-Doping angeordnet und überwacht zu haben. Mitglied des Ausschusses für Lehrwesen im DSV ist er geblieben.

Für Mark Warnecke sind die Diskussionen um falsche Trainingsmethoden, Wettkampfmüdigkeit und ungünstig terminierte Qualifikationswettbewerbe ohnehin „ein alter Hut“. Diese Streitpunkte habe es schon zu seiner aktiven Zeit gegeben, sagt der 2007 zurückgetretene Ex-Weltmeister. Mit etwas Abstand aber hat Warnecke eine vielleicht noch größere Schwachstelle entdeckt: „Wir haben im Verband ein kommunikatives Problem, es gibt Kompetenzstreitigkeiten. In der Verbandsführung wollen sie Karriere machen und vernachlässigen dabei den Sport.“

Eine Spitze gegen Chefin Thiel. Die ehemalige Turniertänzerin wurde voriges Jahr zur Vizepräsidentin Leistungssport des Deutschen Olympischen Sportbundes gewählt. Sie macht sich Hoffnungen, Delegationsleiterin der deutschen Olympiamannschaft in London 2012 zu werden.

Warnecke glaubt, dass Kritik gegen die Verantwortlichen im Keim erstickt wird. „Es gibt keine positive, konstruktive Gesprächskultur im DSV.“ Ein weiteres Problem sei das Misstrauen, das zwischen den deutschen Olympiastützpunkten herrscht. „Es gibt weiterhin Seilschaften bei Ost und West, vor allem unter den Trainern, das wird uns noch die nächsten Jahre beschäftigen.“

Das fällt auch auf DSV-Spitzenmanagerin Thiel zurück, genau wie ein möglicher strategischer Fehler, den ihr Mitarbeiter Rudolph bemerkt haben will. Zu lange hätte der DSV zufrieden in der Ära der Wunderanzüge verharrt; die Ausbeute bei der WM 2009 mit viermal Gold habe getrogen. Der DSV übte sich in Rom noch in Rekordversuchen, konstatiert Rudolph, anstatt sich wie andere Nationen früh vom „textilen Doping“ zu verabschieden.

Die trübe Bilanz der WM Ende Juli ist die Folge. Auch die Zahlen, die Rudolph aufbereitete, können Thiel nicht schmecken. Die deutschen Männer rutschten bei der WM von Platz acht der Weltbestenliste auf Rang elf ab, die Frauen verbesserten sich leicht vom 18. auf den 16. Platz. Die Zielstellung des DSV, am Ende des Olympiazyklus zu den fünf besten Schwimmnationen der Welt zu gehören, ist erst mal außer Reichweite. Christa Thiel will der Krise mit eigenen Analysen trotzen: „Wir werden uns mit Bundes- und Stützpunkttrainern zusammensetzen.“

Zeuge der tiefen Depression

Fachmann Warnecke, der mit seiner Firma auch Fußballprofis, Leichtathleten und Wintersportler betreut, hat bei den Schwimmer noch ein ganz anderes Phänomen ausgemacht: die chronisch miese Stimmung. Kürzlich wurde er bei einem Wettkampf Zeuge der tiefen Depression. Da wurden Schwimmer auf Massagebänken von ihren Betreuern durchgeknetet, sie lachten und tuschelten. Da wies ihn jemand darauf hin, dass die sechs DSV-Athleten abgetrennt hinter einer Stellwand lägen. „Da war es mucksmäuschenstill.“

Als Warnecke die schwarzgekleideten Schwimmer in Shanghai sah, hatte er ein Deja-vu. „Ich wusste, dass diese depressiv wirkende Mannschaft nichts reißen würde. Sportler aus anderen Nationen wünschen sich vor einem Wettkampf viel Spaß, wir Deutsche wünschen uns viel Glück. Ich wünsche mir, dass unsere Sportler wieder mehr Spaß an der Arbeit haben.“

Dafür aber scheint professionelle Hilfe nötig. Ein Sportpsychologe gehörte dem DSV-Tross in China übrigens nicht an.